Kurz vor Ausbruch des Krieges zwischen Israel und Iran besuchte eine Delegation der Evangelischen Kirche der Pfalz Israel und das Westjordanland. Der Reisebericht erzählt von Menschen, die sich dem Hass verweigern und davon, warum Kirche gerade jetzt für Deeskalation, Menschenwürde und eine Sprache des Friedens einstehen muss.

Als wir vom 20. bis 25. Februar Israel und das Westjordanland besuchten, erlebten wir eine Region voller Schmerz, Angst und Wut. Und doch gibt es Menschen, die sich weigern, ihre Menschlichkeit an den Hass zu verlieren. Kurz danach bricht der Krieg zwischen Israel und Iran aus. Seitdem blicken wir täglich auf Bilder von Raketeneinschlägen und Drohnenangriffen, auf Tote und Verletzte, auf Familien in Schutzräumen, auf Menschen im Iran, die ohnehin seit Jahren unter Repression leiden und nun auch noch den Schrecken des Krieges erleben.

Gerade deshalb veröffentlichen wir diesen Reisebericht. Nicht als Statement oder Position zur aktuellen Lage, sondern als Erfahrungsbericht von Begegnungen mit Menschen. Es gibt Stimmen, die den Raum „dazwischen“ offenhalten: zwischen Schuldzuweisungen und Lagerdenken, zwischen „sie oder wir“. Wir haben Menschen getroffen, die sagen: Ich lasse nicht zu, dass der Hass mein Herz vergiftet. Wir haben erlebt, wie Trauer nicht zwangsläufig in Vergeltung münden muss, sondern – mühsam zwar, aber möglich – in die Entscheidung, den anderen wieder als Menschen zu sehen. Solche Erfahrungen sind ernüchternd und ermutigend zugleich. Und sie leben von der Erkenntnis: Frieden beginnt dort, wo jemand die Logik der Entmenschlichung unterbricht.

Deshalb teilen wir als Kirche die klaren Linien, die Kirchen weltweit jetzt ziehen: Militärische Konfrontation schafft keinen Frieden. Eine Spirale aus Angriff und Vergeltung bringt neues Leid und vergrößert die Gefahr, dass ein regionaler Flächenbrand entsteht. Darum rufen wir zur Deeskalation auf, zum Schutz der Zivilbevölkerung und zur Einhaltung des humanitären Völkerrechts. Wir drängen auf eine Rückkehr zur Diplomatie und zu ernsthaften Verhandlungen auch über Rüstungskontrolle und nukleare Nichtverbreitung. Und wir beten. Nicht als Ersatz für Verantwortung, sondern als Kraftquelle, damit aus Gebet Haltung und aus Haltung konkretes Handeln wird.

Die Lage ist komplex, und einfache Antworten tragen nicht. Und doch ist manches nicht verhandelbar: die Würde eines jeden Menschen, das Recht auf Leben in Frieden und Sicherheit. In allen Gesprächen wurden wir gebeten, uns als Kirche auch hier in Deutschland für eine Sprache des Friedens stark zu machen. Menschenleben dürfen nicht gegeneinander aufgerechnet werden, Waffen dürfen nicht das letzte Wort haben, der unbedingte Wille zum Frieden muss leitend sein für alles Handeln. Damit Gerechtigkeit und Sicherheit für alle überhaupt eine Chance haben. Oder mit den Worten des Autors und Musikers Ofer Waldman: "Hoffnung ist, was wir tun."

Dorothee Wüst
Kirchenpräsidentin

 

Menschlichkeit bewahren

SPEYER – Eine Delegation der Evangelischen Kirche der Pfalz hat Israel und das Westjordanland besucht. Im Mittelpunkt standen Begegnungen, um unterschiedliche Meinungen wahrzunehmen und zu hören, was Menschen von der Kirche inmitten des Konflikts erhoffen. 

Von Florian Riesterer

„Ich unterscheide klar zwischen denen, die diese Taten begangen haben, und der Mehrheit der Palästinenser. Das tun viele Israelis nicht. Für sie gibt es Sätze wie: „Es gibt keine Unschuldigen“ oder „Im Hintergrund steckt immer Hamas.“

Das sagt die Jüdin Roni Kedar. Kedar wohnt im Moshav Netiv Ha'asara an der Grenze zum Gazastreifen. Am 7. Oktober wurde ihre Siedlung überfallen, Terroristen landeten mit Fallschirmen. 18 Menschen starben.

Seit 2008 schon versucht die mittlerweile über 80-Jährige mit der Initiative „The Other Voice“ den Kontakt mit den Menschen im Gazastreifen aufrechtzuerhalten, Gewalt und Hass etwas entgegenzusetzen, etwa durch gemeinsame Theaterprojekte. Und die ehemalige Lehrerin verweigert sich auch nach dem 7. Oktober Pauschalisierungen, selbst wenn sie deshalb angefeindet wird.

„Wir leben alle hier und wir wollen leben, nicht sterben. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es nicht ,sie oder wir‘ heißen – es wird ,weder sie noch wir‘ heißen. Also müssen wir einen Weg finden, das zu stoppen.“

Für Roni beginnt das mit Begegnungen. „Manche sagen, es sei meine Schwäche, dass ich Menschen verstehe, die mir nicht zustimmen. Aber ich glaube, es ist meine Stärke. Die Leute hören mir zu – selbst, wenn sie nicht einverstanden sind.“

Verschiedene Positionen hören, sich selbst vor Ort ein Bild der Lage zu machen, genau mit diesem Wunsch war eine Delegation der Landeskirche um Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst für fünf Tage nach Israel und in das Westjordanland gereist.

Das Ziel: in der Debatte in Deutschland, die oft nur zwischen Pro-Israel und Pro-Palästina unterscheidet, unterschiedliche Schattierungen wahrzunehmen, sprachfähiger zu werden. Zu lernen, welchen Beitrag Kirche leisten kann – auch in der immer polarisierteren Gesellschaft hierzulande.

Die Kirche solle konsequent die Sprache des Friedens, der Versöhnung und der Würde jedes Menschen sprechen – unabhängig von politischem Druck oder emotionaler Aufladung, erklärte etwa der Erzbischof von Jerusalem, Hosam Naoum, im Gespräch. „Ich bin Palästinenser – aber ich sorge mich sowohl um Israel als auch um Palästina. Ich sorge mich um alle Menschen Jerusalems: Muslime, Christen und Juden. Weil es meine christliche Pflicht ist, jeden Menschen als Ebenbild Gottes zu achten. Christus ist für alle Menschen gestorben, nicht nur für Christen.“ Naoum sieht in der Wurzel des Konflikts Angst und das Bedürfnis nach Sicherheit. Diese Gefühle würden von der Politik für eigene Machtinteressen missbraucht, Religion diene oft als Deckmantel.

Gleichzeitig verstehe er natürlich, dass Menschen, die Angehörige verlieren, Hass empfinden. Aber es gebe Menschen, die sich bewusst dagegen entscheiden.

Diese Erfahrung machten die Delegationsteilnehmer im Gespräch mit dem Israeli Ofer und der Palästinenserin Leyla, Mitglieder des Parents Circle Family Forum. In der NGO vernetzen sich Menschen, die im Konflikt Familienangehörige verloren haben.

Leyla schilderte den Hass, den sie gegenüber Israelis empfand, nachdem ihr sechsmonatiger Sohn durch Tränengas der israelischen Armee ums Leben gekommen war. Wie sie ein Freund hartnäckig überredete, zu den Treffen des Family Forum zu kommen. Und wie sie zum ersten Mal hörte, wie Israelis darüber sprachen, wie sie mit dem Verlust ihrer Liebsten umgehen. „Es war das erste Mal, dass ich sie als Menschen sah, genauso wie mich. Wir teilen die gleichen Tränen.“

Er sei kein Heiliger, kein Engel, sagt Ofer, der seinen Bruder verloren hat, über sein Engagement im Parents Circle. Nutznießer sei an erster Stelle er selbst. „Auf diese Weise bewahre ich mir meine Menschlichkeit.“ Aber natürlich bewirke ihr Engagement auch, dass sich andere Menschen mit der jeweils anderen „Seite“ auseinandersetzen. Es sei ein Symbol für Verständigung und werde wohl auch deshalb von der israelischen Regierung nicht gern gesehen. Inzwischen sei es der NGO verboten, in Schulen zu kommen.

Wie groß der Wunsch nach Frieden ist und was er im Alltag bedeuten würde, machten Schülerinnen und Schüler in der deutschen Schule Talitha Kumi im palästinensischen Beit Jala deutlich: „Frieden ist für mich, wenn ich zur Schule nur zehn ­Minuten brauche und nicht eineinhalb Stunden, weil Checkpoints geschlossen sind“, sagen Majd und Jacoub. Und Lehrer spüren, dass der Alltag der Schüler sich auf deren Verhalten auswirkt, die teilweise nicht wissen, wohin sie mit ihren Aggressionen sollen.

Klare Worte fand auch Imad Haddad, Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Jordanien und Jerusalem: „Oft möchte man in Europa, dass wir, wenn wir über uns als Palästinenser sprechen, gleichzeitig Israel erwähnen – um ‚ausgewogen‘ zu sein. Aber meine Identität ist eine eigenständige Identität“, sagte Haddad. Wenn man über Verhandlungen oder Staatlichkeit spreche, brauche es Ausgewogenheit. „Aber wenn ich meine eigene Situation beschreibe, dann spreche ich über meine Realität.“

Haddad forderte die Kirchen dazu auf, Haltung beim Konflikt zu beziehen. Schwarz-weiß-Denken bringe niemanden weiter. Aber Unrecht müsse klar benannt werden, Neutralität heiße nicht, zu schweigen. Hilfreich sei, sich selbst vor Ort ein Bild zu machen, den Menschen zuzuhören, so Sally Azar, erste palästinensische Pfarrerin in Jerusalem.

Joachim Lenz, evangelischer Propst in Jerusalem, zitierte in seiner Analyse den israelischen Historiker Yuval Noah Harari. Es gehe für Außenstehende des Konflikts darum, einen Raum des Friedens und des Mitgefühls aufrechtzuerhalten, in dem Hoffnung gelebt werden könne. Die Kirche, so Lenz, könne hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Friedenstaube an der Mauer des Kibbuz von Roni (Israel). Foto Florian Riesterer