Grünstadt. Am vergangenen Sonntag haben Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann und Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der koptischen Kirche, der Mennonitengemeinde und der evangelischen Stadtmission in der katholischen Kirche St. Peter in Grünstadt den zentralen ökumenischen Gottesdienst anlässlich der Gebetswoche für die Einheit der Christen gefeiert.
Die Texte und Impulse für die diesjährige Gebetswoche wurden von den christlichen Kirchen in Armenien vorbereitet. Sie haben das biblische Leitwort „Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung“ (Eph 4,4) aus dem Epheserbrief gewählt. Musikalisch gestalteten Kantorin Katja Gericke-Wohnsiedler, die Kantorei Grünstadt und Organist Christoph Fernkeß die Feier.
Grünstadt als „Stadt der Hoffnung“
Bischof Wiesemann begrüßte die Anwesenden und erinnerte an den Vers aus dem Epheserbrief. Er unterstrich, dass dieser kein „harmloser frommer Wunsch“ an die Gemeinde in Ephesus sei, sondern „eine fundamentale Erinnerung an ihre Existenzgrundlage“.
Wiesemann warnte vor wohlfeilem Optimismus: Echte christliche Hoffnung sei „keine naive ‚Alles-wird-gut‘-Mentalität, die die Augen vor der Realität verschließt oder die Krisen unserer Tage einfach ausblendet“. Vielmehr müsse sie eine „Leidenschaft für das Mögliche“ mitten in einer oft unmöglichen Welt sein – dort „grünen, wo menschlich gesehen nur Dürre herrscht“.
Die armenischen Kirchen, deren Liturgie im Gottesdienst im Mittelpunkt stand, würden dies exemplarisch zeigen: Ihre „Mutterkathedrale“ in Etschmiadsin sei trotz jahrhundertelanger Zerstörungen, Entweihungen und Zweckentfremdungen immer wieder auferstanden. „Sie ist ein steinernes Zeugnis der Resilienz“, so der Bischof. Erst im Herbst 2024 sei die Kathedrale nach langer Renovierung neu gesalbt worden.
„Warum berührt uns das heute hier in der Pfalz, tausende Kilometer entfernt und in scheinbar sicheren Verhältnissen? Weil wir spüren, dass auch wir in einer Zeit leben, in der die Selbstverständlichkeiten des Glaubens wanken. Auch wir als Kirchen im Westen kennen die Risse im Mauerwerk. Wir erleben einen schmerzhaften Vertrauensverlust und spüren die Wunden, die wir uns in unserer eigenen Geschichte geschlagen haben: durch Abgrenzung, durch Hochmut, durch das Betonen dessen, was uns trennt, statt dem, was uns eint.“ Angesichts gesellschaftlicher Zentrifugalkräfte betonte der Bischof, dass „unsere konfessionelle Trennung geradezu absurd“ erscheine und dass Christen ihrer Verantwortung nachkommen müssten: „Wenn wir als Christen nicht vorleben, wie Einheit in Vielfalt gelingt – wer sollte es dann tun?“ Die Einheit sei „kein Selbstzweck für interne kirchliche Wohlfühlrunden, sie ist ein Dienst an der Glaubwürdigkeit des Evangeliums“.
Abschließend rief Wiesemann dazu auf, den Ortsnamen Grünstadt als geistlichen Auftrag zu verstehen: „Machen wir diesen Ort heute zu einer wirklichen ‚Stadt der Hoffnung‘. Zu einem Ort, an dem der Glaube gegen alle Widerstände neu aufbricht, Wurzeln schlägt und ‚grünt‘.“
„Wir sind alle zusammen und gemeinsam christliche Kirche“
Auch Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst nutzte den Vers aus dem Epheserbrief als Ausgangspunkt ihrer Predigt, in der sie die Bedeutung christlicher Einheit in einer krisenhaften Zeit hervorhob.
Wüst nahm gesellschaftliche Debatten in den Blick und verwies auf die immer häufigere Verwendung von Begriffen wie „Demokratie“, „Frieden“, „Zuversicht“ und „Hoffnung“. Diese Worte seien so präsent, weil „unser gesamtgesellschaftliches Gefühl uns sagt, dass es genau dort krankt oder mangelt“. An viel zu vielen Stellen dieser Welt sei die Abwesenheit von Frieden zu beklagen. Angesichts von „Dauerkrise, Unsicherheit, Verdrossenheit und schlichter Zukunftsangst“ sei es notwendig, diese Themen wachzuhalten.
Die Kirchenpräsidentin betonte, dass Kirche immer im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext stehe. „Wir sind alle zusammen und gemeinsam christliche Kirche in einem geopolitischen und gesamtgesellschaftlichen Kontext“, sagte sie. Zugleich erinnerte sie daran, dass Krisen keine neue Erfahrung seien – weder für die Gesellschaft noch für die Kirchen mit ihrer 2000 Jahre umfassenden Geschichte.
Mit Blick auf die Ökumene stellte Wüst klar: „Wir sind Kirche im Plural. Schon in unserem Land. Und ganz gewiss und noch viel mehr weltweit.“ Die Geschichte der Kirchen sei geprägt von Schuld, Konkurrenz und Spaltung. „Wir sind gewachsen und geworden, blicken zurück auf unsere je eigene Geschichte und Traditionen, auf sehr verschiedene Kontexte, Bedingungen und Herausforderungen. (…) Wir haben einander das Wasser abgegraben, uns in Konkurrenz gesehen, einander die Wahrheit streitig gemacht. Wir haben einander misstraut, verfolgt, bekämpft, den Garaus gemacht.“
Doch das sei nur die halbe Wahrheit. Gerade in den letzten Jahren habe sich gezeigt, „dass Kirchen auch anders können“. Als Beispiel nannte sie die armenischen Kirchen, und erinnerte an ein Schreiben der armenisch-apostolischen Kirche in Deutschland vom August 2023, einen „Hilfeschrei nach Unterstützung“. Dabei sei es um „die Solidarität innerhalb des einen Leibes Christi“, um „die Sehnsucht danach, von den christlichen Geschwistern gesehen zu werden“ und um „die Kraft von Gebet und Fürbitte“ gegangen.
Diese Einheit sei keine Option, sondern Auftrag. „Sie ist unsere Berufung. Sie ist das, was Gott von uns will und was wir können, weil Gott es uns zutraut“, sagte Wüst. Ökumene zu leben bedeute, diese Berufung ernst zu nehmen – auch wenn der Begriff selbst öffentlich weniger präsent sei. Vielleicht, so Wüst, liege das daran, „dass Ökumene unter den christlichen Kirchen längst an der Tagesordnung ist“.
Abschließend rief Wüst zur Solidarität auf – mit verfolgten Christinnen und Christen, mit Schwesterkirchen und mit den Schwachen. „In der Einheit liegt Stärke“, betonte sie. Einheit sei nicht selbstverständlich, sondern müsse immer wieder eingelöst werden. Doch sie sei „ohne Wenn und Aber aller Mühe wert“, weil Christen „als Leib ein Haupt“ hätten: Jesus Christus.

