Speyer (lk). Wie kann Kirche ein Ort sein, an dem Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Lebensformen und kulturellen Prägungen selbstverständlich vorkommen? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Landessynode der Evangelischen Kirche der Pfalz heute in Speyer. Unter dem Titel „Vielfältig Kirche sein“ setzt die Synode einen Schwerpunkt auf Vielfalt als Zukunftsfrage kirchlichen Handelns.
Von Migration zur Vielfaltsperspektive
Ausgangspunkt des Schwerpunktthemas war ein früherer Synodenantrag zur Situation von Christ*innen mit Migrationsgeschichte. Im Vorfeld der Synode wurden dazu Gespräche mit Betroffenen geführt. Die Rückmeldungen führten zu einer Erweiterung der ursprünglichen Fragestellung. Menschen hätten berichtet, dass es sie schmerze, sich in der Kirche nicht selbstverständlich wiederzufinden, sagte Oberkirchenrat Markus Jäckle bei der Einbringung des Themas. Einige hätten auch von Erfahrungen des Alltagsrassismus gesprochen; „von kleinen und großen Momenten, in denen sie gespürt haben: Du gehörst nicht wirklich dazu“.
Zugleich sei deutlich geworden, dass Menschen mit Migrationsgeschichte nicht auf diese Perspektive reduziert werden wollten. Der Wunsch sei vielmehr eine Kirche, in der unterschiedliche Menschen selbstverständlich vorkommen. „Was wir in unserer Kirche brauchen, ist eine Haltung der Offenheit für Verschiedenheit und Vielfalt: in Gottesdiensten, in der Gemeinschaft, in den kirchlichen Strukturen“, zitierte Jäckle eine zentrale Rückmeldung aus den Vorgesprächen.
Vielfalt als Realität der Kirche
Das Schwerpunktthema nimmt deshalb nicht nur Migration in den Blick, sondern die gesamte Breite gesellschaftlicher Vielfalt: Menschen mit Behinderungen, Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, mit verschiedenen Lebensentwürfen, kulturellen Prägungen, religiösen Erfahrungen und spirituellen Bedürfnissen. „Diese Erweiterung ist kein Ausweichen, sondern eine notwendige Vertiefung. Denn Vielfalt ist kein Randthema, sie ist Realität unserer Gesellschaft und damit auch unserer Kirche“, sagte Jäckle.
Zugleich erinnerte Jäckle an die theologischen Grundlagen des Themas. Kirche sei von Anfang an eine vielfältige Gemeinschaft unterschiedlicher Menschen gewesen. Verschiedenheit sei daher kein Problem, das gelöst werden müsse, sondern ein Wesensmerkmal von Kirche. Entscheidend sei nicht die Frage, ob Kirche vielfältig sei, sondern wie sie sensibler für Vielfalt werde und mit ihr umgehe.
Impulse aus der interkulturellen Kirchenentwicklung
Zum Einstieg in das Schwerpunktthema geben Pastorin Nadia El Karsheh und Mpho Busisiwe Hlongwa von der Arbeitsstelle Interkulturelle Kirchenentwicklung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers einen Impuls. Sie berichten aus ihrer Arbeit zur Förderung von Teilhabe und interkultureller Öffnung von Kirche und stellen Erfahrungen aus der Praxis interkultureller Kirchenentwicklung vor.
World Café macht Praxisbeispiele sichtbar
Am Abend wird das Schwerpunktthema mit einem World Café fortgesetzt. An verschiedenen Thementischen stellen Mitarbeitende, Ehrenamtliche und Initiativen aus der Landeskirche Beispiele vielfaltssensibler Praxis vor. Vertreten sind unter anderem die Arbeitsfelder Migration, Inklusion, Queerness, internationale Gemeinden, Arbeitswelt, Kita-Arbeit und Gemeindearbeit. Die Tische verstehen sich als Lernorte: Dort soll sichtbar werden, wie Vielfalt bereits heute in der Kirche gelebt wird, wo Entwicklung nötig ist und welche Chancen und Herausforderungen damit verbunden sind.
Vielfalt als Chance zur Erneuerung
„Vielfalt ist nicht nur bunt und schön und interessant“, sagte Jäckle. Sie könne auch Unsicherheiten auslösen, Konflikte sichtbar machen und gewohnte Selbstverständlichkeiten infrage stellen. Vor allem sei Vielfalt aber eine Chance: „Eine Chance zur Erneuerung unserer Gemeinden. Eine Chance, Kirche so zu gestalten, dass Menschen sich zugehörig fühlen – in ihrer Unterschiedlichkeit, mit ihren eigenen Erfahrungen und Perspektiven.“
Mit dem Schwerpunktthema greift die Landessynode eine zentrale Frage für die zukünftige Gestalt der Kirche auf. Es geht darum, wie Kirche Menschen mit unterschiedlichen biographischen, sozialen und spirituellen Erfahrungen besser erreichen, beteiligen und sichtbar machen kann in Gottesdiensten, Gemeinden, kirchlichen Strukturen und öffentlichen Räumen.
Fortsetzung der Synodentagung
Die Tagung der Landessynode wird am Freitag, 12. Juni, um 8.30 Uhr mit einer Andacht fortgesetzt. Ab 9 Uhr stehen unter anderem der Transformationsprozess #kirche.mutig.machen sowie Berichte der übergemeindlichen Dienste auf der Tagesordnung.
Die Tagung ist öffentlich und wird im Livestream übertragen:
www.youtube.com/@evkirchepfalz

