Speyer (lk). Der Zukunftsprozess der Evangelischen Kirche der Pfalz ist nach Einschätzung von Pfarrer Dr. Steffen Bauer Teil einer Entwicklung, die alle evangelischen Landeskirchen betrifft. In seinem Impulsvortrag „Alle sind unterwegs – Landeskirche der Pfalz im Vergleich“ vor der Landessynode in Speyer machte Bauer am Freitag deutlich: Überall wachse der Druck durch knapper werdende Ressourcen. Zugleich gehe es bei kirchlicher Transformation nicht allein um Einsparungen, sondern immer auch um die Frage, wie Kirche sich geistlich, strukturell und kulturell weiterentwickelt.
Bauer war Gemeindepfarrer in Mannheim und Heidelberg, sieben Jahre Dekan in Heidelberg, von 2008 bis 2013 am Institut für Personalberatung, Organisationsentwicklung und Supervision (IPOS) der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau tätig und leitete von 2013 bis zu seinem Ruhestand 2024 die Ehrenamtsakademie der EKHN. Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst bezeichnete ihn bei der Einführung als einen „Chronisten von Transformation, Wandel und Veränderung“, der die Prozesse in den 20 Landeskirchen der EKD seit vielen Jahren beobachte und einordne.
Entscheidungen werden schwieriger
Bauer beschrieb, dass zentrale kirchliche Entscheidungen künftig häufiger mit knapperen Mehrheiten getroffen würden. Die Vorstellung eines möglichst breiten Konsenses oder gar von Einstimmigkeit werde angesichts schmerzlicher und komplexer Veränderungen immer weniger erreichbar. Umso wichtiger sei es, überhaupt Entscheidungen zu treffen. Emotionen in Transformationsdebatten wertete Bauer dabei nicht nur als Belastung, sondern auch als Zeichen dafür, dass Menschen die Zukunft ihrer Kirche nicht gleichgültig sei.
Pfalz nicht allein unter Druck
Mit Blick auf andere Landeskirchen sagte Bauer, der Ressourcendruck werde überall stärker. Die Pfalz sei mit ihren Annahmen über künftige Einsparnotwendigkeiten nicht Sonderfall, sondern liege mit ihrer Einschätzung zunehmend näher an Entwicklungen, die sich auch in anderen Landeskirchen zeigten. Mehrere Landeskirchen müssten ihre bisherigen Einsparziele inzwischen nachschärfen. Die Pfalz habe sich nach Bauers Einschätzung früh und vergleichsweise umfassend mit den notwendigen Veränderungen auseinandergesetzt.
Zugleich warnte Bauer davor, Transformation auf reine Ressourcensteuerung zu reduzieren. „Transformation ist mehr als Einsparen“, lautete eine seiner zentralen Thesen. Strukturfragen könnten viel Energie binden, die entscheidende Frage bleibe aber: Wozu verändert sich Kirche? Deshalb gehöre zur Transformation immer auch Kirchenentwicklung, also die Frage, wie Kirche für die Menschen da sein wolle.
Kultur der Ermöglichung
Einen Schwerpunkt legte Bauer auf die Strukturfragen rund um Kirchengemeinden, Regionen, Dekanate und den Körperschaftsstatus. Alle Landeskirchen beschäftigten sich derzeit mit neuen Formen von Zusammenarbeit, regionalen Räumen und der Zukunft kirchlicher Leitungs- und Verwaltungsebenen. Die Modelle seien unterschiedlich: von verbindlichen landessynodalen Entscheidungen über regionale Gestaltungsspielräume bis hin zu Initiativen, die von Gemeinden selbst ausgehen.
Entscheidend sei jedoch nicht allein, welche Struktur am Ende gewählt werde. Eine reine Strukturveränderung sei noch keine Transformation. Ob Veränderung gelinge, entscheide sich vor allem an Kultur und Haltung. Bauer warb für eine „Kultur der Ermöglichung“: Verwaltung, Leitung, Hauptamtliche und Ehrenamtliche müssten so zusammenwirken, dass kirchliches Leben vor Ort und digital unterstützt werde.
Teamarbeit und Ehrenamt stärken
Auch Teamarbeit sei inzwischen in allen Landeskirchen ein zentrales Thema, sagte Bauer. Regionale Teams, neue Leitungsformen und eine veränderte Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen seien notwendig, müssten aber aktiv begleitet, qualifiziert und unterstützt werden. Dabei gehe es nicht darum, Ehrenamtliche als Lückenbüßer für weniger Hauptamtliche zu verstehen, sondern als verantwortlich Gestaltende einer Kirche der Menschen.
Bauer verwies zugleich auf Erwartungen jüngerer Theologiestudierender an den Pfarrberuf. Sinnhaftes Arbeiten, eigene Akzente, Vielfalt der Tätigkeit, Teamarbeit und die Möglichkeit, Kirche mitzugestalten, seien wichtige Faktoren. Zugleich gebe es Sorgen vor mangelnder Veränderungsbereitschaft, Überforderung, unklaren Strukturen und immer größeren Zuständigkeitsbereichen.
„Bleiben Sie mutig“
Zum Abschluss seines Vortrags wagte Bauer einen Blick ins Jahr 2040. Er zeichnete das Bild einer pfälzischen Kirche, die ihre Strukturentscheidungen genutzt hat, um kirchliches Leben vor Ort und digital zu ermöglichen, Ehrenamtliche zu stärken und Gemeinwesenorientierung weiterzuentwickeln. Die Pfalz könne mit ihrem Zukunftsprozess einen Weg einschlagen, der nicht nur auf Einsparungen reagiere, sondern neue Formen kirchlicher Präsenz ermögliche. Sein Appell an die Synode lautete: „Bleiben Sie mutig.“
Der Vortrag war Teil des Tagesordnungspunktes zum Transformationsprozess #kirche.mutig.machen.
Die Tagung ist öffentlich und wird im Livestream übertragen:
www.youtube.com/@evkirchepfalz
Hintergrund: Landessynode der Evangelischen Kirche der Pfalz
Die Landessynode der Evangelischen Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche) ist als kirchliche Volksvertretung das oberste beschlussfassende Gremium der Landeskirche. Sie trifft wesentliche Entscheidungen in geistlichen, rechtlichen und finanziellen Belangen. Ihr gehören 57 Mitglieder an. Die aktuelle Tagung ist die 11. Tagung der 13. Landessynode, die von 2021 bis 2026 gewählt ist. Sie findet vom 10. bis 13. Juni 2026 in Speyer statt.

