Von Uwe Rauschelbach
SPEYER. Die Zahlen sprechen für sich: Seit Jahren verzeichnet die Chorstatistik der Landeskirche annähernd konstante Zahlen. Zumindest rauschen diese nicht ähnlich dramatisch in den Keller, wie es in Bereichen des kirchlichen Ehrenamts oder des theologischen Nachwuchses der Fall ist. Landeskirchenmusikdirektor Jochen Steuerwald sieht in der Musik denn auch einen starken Pfeiler der Kirche.
Tatsächlich sind die Kirchen voll, wann immer das Weihnachtsoratorium oder eine Passion von Bach erklingt, eines der Oratorien Mendelssohns aufgeführt wird oder ein Requiem von Brahms oder Verdi auf dem Programm steht. Auch die Orgel, zuweilen als in die Jahre gekommene „Königin der Instrumente“ verschrien, lockt bei Konzerten noch immer Menschen in die Kirchen, selbst wenn die Gottesdienste schwach besucht sind. Die Aufgabe von Gotteshäusern betrifft freilich auch eine ungewisse Zahl von Orgeln, deren Zukunft als nicht gesichert gilt. Sollte dereinst die Christuskirche der protestantischen Gemeinde im Norden von Speyer für immer geschlossen werden – dies war zumindest das Kalkül der Landeskirche –, dann wäre guter Rat teuer. Die in Rundbauweise installierte Orgel wäre in einer anderen Kirche kaum vermittelbar.
Gleichwohl scheint die Attraktivität der Orgel bei jungen Menschen wieder zuzulegen, wie die teilweise steigenden Zahlen dokumentieren, die bei der Ausbildung des Nachwuchses erfasst werden. Auch Posaunenchöre und Instrumentalkreise können sich über mangelnden Zuspruch nicht beklagen. Waren in den 15 Kirchenbezirken 2012 noch 513 Ensembles mit insgesamt 12 700 Musizierenden gezählt worden, stieg die Zahl der Gruppen und Kreise bis 2024 gar auf 540 an. Gut 11 000 Musikbegeisterte wirken in einem kirchenmusikalischen Ensemble mit.
Eine verhältnismäßig konstante Entwicklung verzeichnet auch die Chormusik der pfälzischen Landeskirche, wie der Vergleich von 2012 und 2024 zeigt: Die Zahl der Chöre sank in diesen zwölf Jahren von 391 auf 377, die der Sängerinnen und Sänger von 10 800 auf 9200. Spitzenreiter ist hier der Kirchenbezirk Bad Dürkheim-Grünstadt mit 38 und der Kirchenbezirk Neustadt mit 36 Chören und jeweils mehr als 1000 Sängerinnen und Sängern. Analog sind die beiden Kirchenbezirke auch die Hochburgen für Instrumentalkreise, die in Dürkheim-Grünstadt 61 und in Neustadt 54 Ensembles zählen, mit jeweils mehr als 1000 Mitwirkenden.
Generell macht Landeskirchenmusikdirektor Jochen Steuerwald ein Nord-Süd- sowie ein West-Ost-Gefälle in der kirchenmusikalischen Aktivität der pfälzischen Protestant*innen aus. Traditionell weise die Pfalz mit nur einer Musikhochschule (in Mainz) im Vergleich mit den anderen Landeskirchen den kleinsten Anteil an hauptamtlichen Kirchenmusiker*innen auf. Im Zuge des Transformationsprozesses der Landeskirche seien drei weitere Stellen für hauptamtliche Kirchenmusiker beantragt worden. Deren Aufgaben würden vielfältiger; gesucht würden „Allrounder“, die ein möglichst großes kirchenmusikalisches Spektrum abdecken könnten: von der Barock- bis zur Popmusik. „Aber keiner kann alles machen“, schränkt Steuerwald realistischerweise ein. So hätten sich in den vergangenen Jahren durchaus stilistische und gattungsmäßige Schwerpunkte in einzelnen Kirchenbezirken gebildet.
Die Landeskirche sollte die Chancen, die die Kirchenmusik bietet, verstärkt nutzen, findet der Landeskirchenmusikdirektor, der Organist ist und selbst zwei Chöre – die Evangelische Jugendkantorei sowie den Evangelischen Oratorienchor der Pfalz – leitet. Musik weise über die Grenzen von Sprache hinaus und eigne sich als Medium für Inhalte, die sich durch Sprache allein nicht vermitteln ließen. Gerade für Kinder erweise sich die Chorarbeit als Einstieg in die Kirchenmitgliedschaft, während sich Posaunenchöre dadurch auszeichneten, dass sie Menschen unterschiedlicher Generationen und Milieus vereinten. Könne die Orgel auch keinen Alleinvertretungsanspruch mehr anmelden, so werde ihr Klang noch immer stark mit dem Gottesdienst verknüpft. Gleichwohl überrasche es ihn immer wieder, so Steuerwald, wie viele Menschen die Orgel nach wie vor für unverzichtbar hielten.
Der Landeskirchenmusikdirektor kam 2008 ins Amt. Seither habe sich die Kirchenmusik weit für moderne Formen geöffnet. Berührungsängste vor der Popularmusik seien inzwischen „gründlich überwunden“. Auch sei eine gewisse „Eventisierung“ im Gang, wie sich an projektorientierten Konzerten mit Bandauftritten zeige. Konventionen würden etwa auch durch Crossover-Projekte oder besondere Formen wie eine keltische Messe hinterfragt.
Gleichwohl biete die Ausbildung für nebenamtliche Kirchenmusiker*innen noch keinen eigenen Popularmusik-Studiengang an. Wer sich darin üben wolle, müsse Angebote jenseits der landeskirchlichen Grenze suchen. Im Erprobungsraum „Pop and Go“ im Kirchenbezirk Kusel werde mit modernen Formen der Kirchenmusik experimentiert. Hier sei noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht, meint Steuerwald. Dass Popmusik das Allheilmittel gegen rückläufige Kirchenbesucherzahlen sei, will er allerdings nicht unterstreichen.
Im Verlauf des Zukunftsprozesses, der zur Bildung größerer Einheiten führt, dürfte es nach Steuerwalds Einschätzung künftig auch im Bereich der Kirchenmusik zu Regionalisierungen kommen. Haupt- wie ehrenamtliche Kirchenmusiker*innen fänden womöglich neue Arbeitsfelder vor, doch geht der Landeskirchenmusikdirektor davon aus, dass es zumindest bei den Nebenamtlichen bei einer starken Bindung an die Heimatgemeinde bleibt. All das sei jedoch noch nicht zu Ende gedacht, etwa was die künftigen Einsatzgebiete der Bezirkskantor*innen anbelangt, die mit jeweils 0,8 Hauptamtlichen auf die Regionalteams verteilt werden müssen.
Dieser Artikel ist auch im Evangelischen Gemeindeblatt für die Pfalz erschienen.

