Nach Harry Potter und Nick Cave stand jetzt die Musik von Coldplay im Mittelpunkt eines Gottesdienstes.

Von Florian Riesterer

LUDWIGSHAFEN. Liturgie trifft Popkultur, so könnte das heißen, was seit einiger Zeit der Kirchenbezirk Ludwigshafen erprobt. Das Publikum klatscht rhythmisch. „This could be paradise“ singt Lorena Huber vor dem Altar ins Mikrofon, begleitet von ihren vier Bandkollegen an Keyboard, Gitarre und Schlagzeug. Über ihnen breitet Jesus Christus segnend seine Arme aus, schaut herab auf die mehr als 300 Besucher. „A Tribute to Coldplay – Konzert trifft Gottesdienst“ heißt es an diesem Abend in der Ludwigshafener Friedenskirche.

„Ich find’s cool, wie voll das Haus ist“, sagt Tassilo Grün zur Begrüßung. Der 34-Jährige Presbyter ist bekennender Coldplayfan – das Konzept des Abends hat er sich überlegt. Unterstützung kommt von Dekan Paul Metzger und den Pfarrerinnen Cornelia Zeißig und Frauke Fischer.

„And so we pray“, betet die Gemeinde im anschließenden Gebet als Kehrvers, so wie im Liedtext des Songs „We pray“ der britischen Band. Von Stärke, Vergebung der Sünden, Segen und Hoffnung singt die Band. „Coldplay höre ich gerne und die Texte haben christliche Anklänge, oft auch etwas Mystisches“, sagt Grün. Deshalb habe er den Coldplay-­Gottesdienst vorgeschlagen.

Pfarrerin Frauke Fischer trägt ihre Gedanken zu „Speed of Sound“ vor. Der eigene Reflex, schnelle Ant­worten zu finden bei der Frage nach dem Sinn des Lebens. Und dann aber zu spüren, dass man selbst nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Der Fokus hin zu etwas viel Größerem. Eine entlastende Erfahrung: „Ich muss nicht alles wissen und kann auf Gott vertrauen.“

Das Verschmelzen von Popkultur und Gottesdienst ist in Ludwigshafen nichts Neues. Erst Anfang November lauschten rund 100 Be­sucher in der Melanchthonkirche den Songs und Texten von Musiker und Autor Nick Cave – mit Standing Ovations. Zwei Mal fand dort schon ein Harry-Potter-Gottesdienst vor vollem Haus statt.

„Wir experimentieren im Kirchenbezirk mit alternativen Gottesdienstformaten, die Reihe könnte man ­zusammenfassen unter dem Begriff Liturgie und Popkultur, das trifft es vielleicht am ehesten“, sagt Dekan Paul Metzger. Vorbild waren die Taylor-Swift-Gottesdienste in der Heilig-Geist-Kirche in Heidelberg. Letztlich komme es darauf an, wer sich ehrenamtlich einbringt. „Was habt ihr für Ressourcen, was könnt ihr anbieten? Weniger: Was wünscht ihr euch?“, so fasst Grün die Ge­danken zusammen.

Dass es dem promovierten Chemiker nicht schwerfällt, die Songtexte auf sein Leben zu beziehen als Christ, wird in seinen Worten zum Song „Fix You“ deutlich. „Ich fühle mich leer und überfordert gleichzeitig, müde, obwohl ich so lange geschlafen habe.“ Er schildert gleichnishaft, wie ein Einkauf im Supermarkt die wirklichen Bedürfnisse nicht stillt: „Wenn du alles bekommst, was du willst, aber nicht, was du brauchst“. Und dann, wenn es nicht mehr schlimmer kommen kann, ist da Gott, der ihm Kraft gibt: „Ich bin an deiner Seite und werde dich aufrichten.“

Popkultur und christliche Inhalte – für Dekan Paul Metzger ist dies eine weite Spielwiese. „Ich bin da offen, es muss nur authentisch sein.“ Biblische Anknüpfungspunkte gibt es viele. In seinem Text über den Song „Clocks“ von Coldplay outet er sich als „Trekkie“, spricht über Star-Trek-Bösewicht Doktor Soran, der versucht, der Zeit zu entkommen, die ihm als „Raubtier“ erscheint. „Die Zeit muss ich nicht besiegen, sie liegt bei Gott“, sagt Metzger. Das Publikum hört aufmerksam zu.

Für Tassilo Grün ist wichtig, Menschen zu erreichen, die Bock haben auf gute Musik oder einen guten Gottesdienst, vielleicht sogar beides. Dazu die Hoffnung, aus der ­eigenen Bubble herauszukommen. Und tatsächlich, beim Blick auf die Gemeinde stellt Pfarrerin Kerstin Bartels, die stellvertretende Dekanin fest: Es waren nicht nur Gemeindemitglieder, die den Weg in die Friedenskirche gefunden haben.

Kritik, die Kirche betreibe mit solchen Gottesdiensten Ausverkauf, kontert Paul Metzger. „Wenn Leute von Anbiedern sprechen, sage ich, kommt von eurem Elfenbeinturm ­herunter. Wir können als Kirche in Schönheit sterben, aber wir sterben dann trotzdem.“ Lebensnäher müsse die Sprache werden. Und für Gemeindeaufbau gebe es doch nichts besseres, als wenn die Gemeinde sich selbst beteiligt.

„Ich bin rundum glücklich“, sagt Grün, während Lorena Huber nach dem Segen weiter singt, während die Besucher inzwischen tanzen. Die nächsten Popkultur-Liturgie-Formate sind bereits in Planung: Am 26. Juni folgt ein Beatles-Gottesdienst. „Jemand aus der Gemeinde könnte sich ‚Herr der Ringe‘ vorstellen“, sagt Paul Metzger, der über Taylor Swift nachdenkt. Für Tassilo Grün wäre Bruce Springsteen eine Idee. Oder Rapper Apache 207. „Das wäre mal was für jüngere Leute.“

Dieser Artikel ist auch im Evangelischen Gemeindeblatt für die Pfalz erschienen.

Liturgie trifft Popkultur: Die Musik von Coldplay im Mittelpunkt eines Gottesdienstes in Ludwigshafen. Foto: Florian Riesterer