Am 13. November erhält Rheinland-Pfalz seinen dritten Gedenkort: In Neustadt ­bekommt Ministerpräsident Gordon Schnieder den Schlüssel für das ehemalige Gestapo-Haus als neuen Lernort für Besucher*innen ausgehändigt.

Von Lore Dohrenbusch

NEUSTADT. Mehrere Jahre lang ist das Gebäude in der Konrad-Adenauer-Straße 10 mit seinem ehemaligen Gestapo-­Keller saniert worden. 2019 hat die Stadt das Haus gekauft, das in der Nachkriegszeit vom Finanzamt genutzt worden war. In den Jahren 1937 bis 1945 hatten die Nationalsozialisten dem Bau eine unrühmliche Bedeutung verschafft: Deren Geheime Staatspolizei (Gestapo) nutzte ihn als Dienstsitz.

Im Keller richtete sie Luftschutzräume für die Angestellten ein, aber auch ein Hausgefängnis mit Verhörräumen und Arrestzellen. „Es ist davon auszugehen, dass dort über 3100 Inhaftierte zwischen 1937 und 1943 festgehalten wurden. Wegen der Lage in der Neustadter Innenstadt waren ihre Schreie laut Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bis auf die Straße zu hören“, weiß die Leiterin des neuen Lernorts, Annika Heinze. Regimegegner*innen, Menschen jüdischen Glaubens ebenso wie Sinti und Roma, arbeits- und obdachlose Menschen waren die Opfer.

Nach Informationen von Eberhard Dittus, bis Anfang 2022 Leiter der Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt, sind im Bundesland Rheinland-Pfalz nur in Neustadt alle alten Gestapo-Akten jener Menschen erhalten, die in der damaligen NS-Gauhauptstadt verhört, teils misshandelt und gefoltert wurden. Es seien mehr als 57 000 Karteikarten der Staatspolizeistelle Neustadt sowie 12 174 Personalakten erhalten, die im Landesarchiv in Speyer verwahrt werden. Kopien davon sind nun am historischen Ort in Neustadt einsehbar.

Den Anstoß zu dem historischen „Lernort Gestapo Neustadt“ hat der inzwischen verrentete Gemeindediakon Eberhard Dittus bereits vor 31 Jahren gegeben – noch in seiner Zeit als Bildungsreferent der landeskirchlichen Arbeitsstelle Frieden und Umwelt. Er erklärte, im Jahr 1995 sei er erstmals bei dem von ihm betreuten Neustadter Konfirmandenprojekt „Das Geheimnis der Versöhnung ist die Erinnerung“ auf das ehemalige Gestapo-Gebäude aufmerksam geworden. „Fünf Jahre später, am 27. Januar 2000, konnte ich erstmals öffentlich im Innenhof des Gebäudes an diesen Schreckensort erinnern“, sagt der heute 72-Jährige.

Am 21. März 2014 habe dann ein Symposium im städtischen Saalbau über den NS-Gauleiter Josef Bürckel aus Neustadt dem Projekt eine neue Dynamik gegeben. „Beim anschließenden Podiumsgespräch sagte ich dem damaligen Direktor des Landesarchivs, Walter Rummel, ich könne mir gut vorstellen, dass die mehr als 12 000 Gestapo-Personalakten aus Neustadt, die im Landesarchiv Speyer liegen, wieder in Neustadt zu sehen sind. Nach einer Schrecksekunde für ihn versicherte ich, ­natürlich als Kopien“, erinnert sich Dittus. Rummel sei sein stärkster Mitstreiter für das Ziel geworden. Ab 2016 habe er, um das Thema der Gestapo-Zentrale als historischen Lernort in der Öffentlichkeit wachzuhalten, öffentliche Führungen in dem Gebäude gemacht. Er habe auch Vertreter*innen der Oberen Denkmalschutzbehörde in Mainz, des Finanzministeriums und der Landeszentrale für politische Bildung nach Neustadt holen können. Bereits am 8. Juli 2019 habe ihm die damalige Ministerpräsidentin Malu Dreyer zugesagt, dass das Land die Schirmherrschaft für das Projekt übernehme.

„Dank dem Engagement der Stadt Neustadt, der Landeszentrale für Politische Bildung in Mainz und dem ehemaligen Direktor des Landesarchivs in Speyer, Walter Rummel, kann ich heute sehr glücklich und zufrieden sein“, sagte Dittus dem Evangelischen Gemeindeblatt.

Gruppen ebenso wie Einzelne sollen den ehemaligen Gestapo-Keller künftig besichtigen können und Einsicht in die kopierten Akten erhalten, versicherte Annika Heinze. Pädagogisch begleitete Workshops werden dort über die Schicksale der Verfolgten sowie über die Handlungsspielräume der Beamten informieren. Dafür stehen im Gebäude auch kleine Seminarräume zur Verfügung. Auch eine Dauerausstellung werde am neuen historischen Lernort eingerichtet. Im Mittelpunkt stehe ein „Gestaltungsprozess, in dem die geplanten pädagogischen Angebote gemeinsam mit unterschiedlichen Zielgruppen erprobt und weiterentwickelt werden. Dazu werden ausgewählte Gruppen zu Workshops in den Lernort eingeladen“, informierte Heinze. Sie hatte bereits 2021 gemeinsam mit dem ehemaligen Landesarchiv-Chef Walter Rummel eine Konzeption für den künftigen Lernort vorgelegt.

Die beiden weiteren Lernorte des Landes Rheinland-Pfalz sind die Gedenkstätte KZ Osthofen und die Gedenkstätte SS-Sonderlager KZ Hinzert. Alle drei werden von der Landeszentrale für Politische Bildung Rheinland-Pfalz mit Sitz in Mainz betrieben.

Dieser Artikel ist auch im Evangelischen Gemeindeblatt für die Pfalz erschienen.

Das ehemalige Gestapo-Haus in Neustadt wird neuer Lernort für Besucher*innen. Foto: Presse