Von Uwe Rauschelbach
LANDAU. Diese liegt in Frankfurt, wo die Landeskirchen der Pfalz, Hessen-Nassaus und Kurhessen-Waldecks das Seminar neu aufbauen wollen. Der Lehrbetrieb soll 2027 starten.
Der Transformationsprozess innerhalb der pfälzischen Landeskirche macht auch vor dem Butenschoen-Haus in Landau nicht Halt. Doch mit Blick auf das Jubiläum am 30. Mai überwiegt dort die Feierstimmung. Das 100-jährige Bestehen des Predigerseminars löst allgemein Dankbarkeit aus – aber auch Zuversicht an der Schwelle zu einem Neubeginn, an den die Leiterin des Predigerseminars, Sigrun Welke-Holtmann, große Erwartungen knüpft.
Im Zuge der Neuordnung der übergemeindlichen Dienste wollen die evangelischen Landeskirchen der Pfalz, Hessen-Nassaus und Kurhessen-Waldecks eine gemeinsame Ausbildungsstätte errichten. Das Projekt trägt den vielversprechenden Namen „Maximal gemeinsam“. Am Standort in Frankfurt soll die Arbeit zum 1. September 2027 aufgenommen werden. Angehende Pfarrerinnen und Pfarrer sollen ihre Vikariate auch künftig in evangelischen pfälzischen Kirchengemeinden absolvieren können. Begleitet werden sie weiterhin von Sigrun Welke-Holtmann, ihrer Kollegin Young-Mi Lee sowie von Verwaltungskraft Martina Kunoth.
In der Mainmetropole sollen zwei Ausbildungsgänge im Jahr angeboten werden, während das Predigerseminar im Butenschoen-Haus seit Jahren sinkende Anwärterzahlen verzeichnet – ein Spiegelbild der gesamtkirchlichen Entwicklung, wie sie sich auch an den theologischen Fakultäten fortsetzt. Derzeit bildet das Seminar einen Ausbildungsgang im Jahr mit jeweils vier bis sechs Vikarinnen und Vikaren aus. Ein „stetiger Rückgang“, wie Leiterin Welke-Holtmann mit Blick auf die Entwicklung des zurückliegenden Jahrzehnts resümiert.
Auch die geplante neue Einrichtung in Frankfurt wird vor „großen Herausforderungen“ stehen, schaut die Seminarleiterin voraus. Neben der Verkürzung der Vikariatszeit soll durch einen veränderten Prüfungsmodus auf die Entwicklungen im Bereich der theologischen Ausbildung reagiert werden. In den vergangenen Jahren kristallisierten sich die Schwerpunkte Seelsorge und kommunikative Kompetenz heraus. Der Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz erfordert zusätzliche Fähigkeiten. Die auf die Zukunft zugeschnittene teamorientierte Arbeit im Pfarramt ist ebenso Thema. Insgesamt wandelt sich die pastorale Rolle im landeskirchlichen Transformationsprozess. Vikarinnen und Vikare nehmen dies mit offener Bereitschaft an, beobachtet Welke-Holtmann. Gleichwohl hätten angehende Pfarrerinnen und Pfarrer den Wunsch, trotz der geplanten Regionalisierung des Pfarramts einen persönlichen Gemeindebezug zu pflegen.
Der „Stimme des Evangeliums“ in einer Zeit Gehör zu verschaffen, in der kirchliche und religiöse Themen an Relevanz verlieren, ist laut Welke-Holtmann grundlegende Herausforderung für eine Einrichtung wie das Predigerseminar. Gleichzeitig beobachtet die Seminarleiterin bei ihren Auszubildenden eine hohe Kreativität im Umgang mit zeitgemäßen Vermittlungsmethoden und -techniken. Die dramaturgische Konzeption einer Predigt, die Nutzung digitaler Medien oder die Konzentration auf kürzere Formate seien inzwischen fester Bestandteil der Ausbildung. Ebenso wie die Gestaltung von Kasualien; hier stellten sich nicht zuletzt durch das liberalisierte rheinland-pfälzische Bestattungsgesetz neue Aufgaben.
Günter Geisthardt kam 1992 als Dozent an das Predigerseminar und leitete es von 1995 bis 2007. Bevor er ins Predigerseminar wechselte, war er Gemeindepfarrer in Frankenthal. Die Verbindung von theologischer Wissenschaft und pastoraler Praxis war ihm seit jeher wichtig gewesen. Im Gespräch verweist er auf die enge Verschränkung von Kursen und Praxisphasen in Gemeinden, Schulen und anderen Bereichen als konstitutives Merkmal der Ausbildung am Landauer Seminar. In dieser von seinen Vorgängern entwickelten Struktur galt es, die Arbeit immer wieder an sich verändernde Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft anzupassen, ob es um die Zusammenarbeit mit Erzieher*innen in der Kindertagesstätte ging oder den Umgang mit Ehrenamtlichen in der Gemeindeleitung.
Als fruchtbar erwies sich - Geisthardt zufolge - der Austausch mit anderen Predigerseminaren im In- und Ausland. Anders als das Landauer Predigerseminar ist das benachbarte badische Seminar in Heidelberg an die dortige theologische Fakultät angebunden. Im Vergleich mit anderen Seminaren zeigten sich jedoch Vorteile der pfälzischen Strukturen wie kurze Wege und eine starke Vernetzung mit den Gemeinden und Diensten in der Landeskirche.
Anfang der 1990er Jahre besuchten bis zu 100 angehende Pfarrerinnen und Pfarrer in fünf Kursen das Seminar. Bald überschritten die Bewerberzahlen die Zahl der vorhandenen Stellen. In der Folge mussten Bewerber*innen auch Stellen im Teildienst übernehmen. Ferner wurden alternative Berufsfelder etwa bei diakonischen Trägern oder in Kirchengemeinden im Ausland gesucht. In Jahren, in denen unter Theologiestudentinnen und -studenten friedenspolitische, feministische oder geschlechterspezifische Themen im Fokus standen, hat das Seminar im Rückblick seines früheren Leiters sensibel auf solche Diskurse reagiert. Heute gelte es, auch angesichts der gesunkenen Wertschätzung für den christlichen Glauben und die Kirche Menschen dazu zu befähigen, theologisch reflektiert und zuversichtlich mit den aktuellen Herausforderungen umzugehen. Dazu werde das Predigerseminar im Übergang vom Theologiestudium zum Beruf auch künftig einen wichtigen Beitrag leisten.
Dieser Artikel ist auch im Evangelischen Gemeindeblatt für die Pfalz erschienen.

