Die Ausstellung "Kunst gegen Missbrauch" schafft Raum für die Perspektiven Betroffener. Das Begleitprogramm fragt nach Schutz, Aufarbeitung und der Verantwortung von Institutionen.

Speyer (lk).  „Ich male um mein Leben.“ Der Satz von Julius Wolf ist knapp. Und er erzählt doch viel über die Ausstellung „Kunst gegen Missbrauch“, die noch bis zum 24. Oktober in Speyer zu sehen ist. Wolf hat selbst sexualisierte Gewalt in seiner Kindheit erfahren. Seine Bilder sind auf seinem Weg der Aufarbeitung entstanden. Kunst, sagt er, sei für ihn zum Rettungsring geworden; eine Möglichkeit, nicht zu ertrinken in Ohnmacht, Wut und Verzweiflung.

Die Wanderausstellung „Kunst gegen Missbrauch“ verbindet künstlerische Perspektiven mit der Auseinandersetzung über sexualisierte Gewalt, Prävention und Aufarbeitung. Initiiert wurde sie von der Künstlerin Nezilla und Professorin Dr. Julia Wege. In Speyer wird sie gemeinsam von der Gleichstellungsstelle der Stadt, der Evangelischen Kirche der Pfalz, dem Bistum Speyer und dem Frauennotruf Speyer präsentiert.

Was geschieht, wenn für eine Erfahrung zunächst keine Worte da sind? Wie lässt sich ausdrücken, was sich eindeutiger Sprache entzieht? Und wie können andere Menschen damit in Berührung kommen, ohne sich die Geschichte eines Betroffenen anzueignen?

Genau darin liegt eine besondere Möglichkeit von Kunst. Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst formulierte es bei der Eröffnung der Ausstellung so:

„Das ist die große Chance der Kunst: Sie muss nicht sofort erklären. Sie muss nicht einordnen, bewerten oder abschließen. Sie kann sichtbar machen, was sich der eindeutigen Sprache entzieht.“

Die Ausstellung macht von dieser Offenheit auf unterschiedliche Weise Gebrauch. Die Fotografien von Felicitas Yang und Armando Milano zeigen vertraute, menschenleere Orte, an denen Kinder und Jugendliche leben, lernen und sich begegnen. Nezillas Installation nimmt mit dem Schnuller einen Gegenstand auf, der für frühe Kindheit und Schutzbedürftigkeit steht. Und die Arbeiten von Julius Wolf bringen die Perspektive eines Menschen ein, dessen Biografie von sexualisierter Gewalt geprägt ist – und der selbst darüber entscheidet, wie er davon erzählt.

So entsteht kein Versuch, sexualisierte Gewalt „abzubilden“. Die Ausstellung nähert sich vielmehr den Spuren, die sie hinterlässt, und den Fragen, die daraus entstehen: nach Sprache und Schweigen, nach Macht und Deutungshoheit, nach Schutz und Verantwortung. Sie schafft einen Raum, in dem etwas sichtbar werden kann, ohne dass alles erklärt oder abgeschlossen werden muss.

Wer bestimmt, wie eine Geschichte erzählt wird?

Gerade die Frage, wer über Erfahrungen sprechen und sie deuten darf, reicht weit über die Kunst hinaus. Denn für viele Betroffene endet die Erfahrung von Macht und Kontrollverlust nicht mit der Tat. Auch danach können andere darüber bestimmen wollen, was glaubwürdig ist, was wichtig erscheint, worüber gesprochen werden darf – oder wann eine Geschichte endlich als abgeschlossen gelten soll.

Für Dorothee Wüst liegt darin eine zentrale Aufgabe jeder ernsthaften Aufarbeitung: „Aufarbeitung darf diese Erfahrung nicht wiederholen. Sie muss das Gegenteil versuchen: die Deutungshoheit der Betroffenen über ihre eigene Geschichte achten und zugleich der gesellschaftlichen und institutionellen Verantwortung für das geschehene Unrecht nicht ausweichen.“

Das bedeutet auch: Niemand ist verpflichtet, öffentlich über erlittene Gewalt zu sprechen. Niemand schuldet anderen die eigene Geschichte. Wo Menschen dennoch erzählen, schreiben, malen oder auf andere Weise sichtbar machen, was ihnen widerfahren ist, braucht es mehr als Betroffenheit. Es braucht die Bereitschaft zuzuhören, auszuhalten und Konsequenzen zu ziehen.

Verantwortung beginnt nicht erst beim Verdachtsfall

Sexualisierte Gewalt ist kein Problem einzelner Milieus oder Institutionen. Sie kann in Familien und Partnerschaften geschehen, in Schulen, Vereinen und Freizeiteinrichtungen, in Kirchen und sozialen Organisationen – überall dort, wo Nähe, Vertrauen, Abhängigkeit und Macht missbraucht werden können.

Deshalb reicht es nicht, erst zu reagieren, wenn ein Verdacht bekannt wird. Schutz beginnt früher: bei der Stärkung von Kindern und Jugendlichen, bei sexueller Bildung, bei aufmerksamen Erwachsenen, bei verlässlichen Beratungs- und Interventionswegen und bei Strukturen, die Risiken erkennen und Machtmissbrauch erschweren.

Genau diesen Bogen spannt auch das Begleitprogramm der Speyerer Ausstellung. Es fragt nach konkreten Hilfsangeboten für Betroffene, nach der Bedeutung sexueller Bildung für die Prävention, nach Erinnerung und Aufarbeitung und danach, wie Schutzkonzepte in Institutionen tatsächlich wirksam werden können.

Für die Evangelische Kirche der Pfalz gehört dazu auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Versagen. Die ForuM-Studie hat offengelegt, dass sexualisierte Gewalt auch zur Realität evangelischer Kirche und Diakonie gehört. Versagen bestand dabei nicht nur darin, dass Menschen in kirchlichen und diakonischen Zusammenhängen Gewalt erfahren haben. Es zeigte sich auch dort, wo Betroffenen nicht geglaubt oder nicht zugehört wurde, wo Taten nicht konsequent aufgearbeitet, Täter geschützt oder Verantwortung abgewehrt wurde.

Schutzkonzepte, Richtlinien und Verfahren sind deshalb notwendig. Sie allein reichen aber nicht aus. Wüst formuliert den Anspruch weiter: „Institutionen und die Menschen in ihnen müssen lernen, sich von den Erfahrungen Betroffener in ihrem eigenen Selbstverständnis irritieren und verändern zu lassen.“

Das ist unbequem. Denn Institutionen neigen dazu, auf Kritik zunächst mit dem zu antworten, was inzwischen getan und verändert wurde. Auch darüber muss gesprochen werden. Aber die Perspektive darf sich dabei nicht erneut verschieben: weg von den Menschen, die Gewalt erfahren haben, hin zur Institution, die sich selbst erklärt.

Sehen, ohne zu vereinnahmen

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Stärke der Ausstellung. Sie erklärt nicht alles. Sie liefert keine einfache Botschaft, mit der das Thema erledigt wäre. Die leeren Räume auf den Fotografien, die Installation Nezillas und die Bilder von Julius Wolf lassen Ambivalenzen stehen.

Kunst kann Aufarbeitung nicht ersetzen. Sie kann keine Straftaten verfolgen, keine Anerkennung erlittenen Unrechts gewährleisten und kein Schutzkonzept an die Stelle institutioneller Verantwortung setzen. Sie kann auch nicht einfach heilen, was Gewalt zerstört hat.

Aber sie kann einen Raum öffnen.

Einen Raum, in dem sichtbar werden darf, was lange unsichtbar geblieben ist. Einen Raum, in dem Menschen ihren eigenen Ausdruck finden können. Und einen Raum, in dem Besucherinnen und Besucher nicht nur Informationen aufnehmen, sondern sich selbst fragen müssen, was das Gesehene mit ihnen und mit ihrer eigenen Verantwortung zu tun hat.

„Ich male um mein Leben.“

Julius Wolf

Der Satz erzählt vom Überleben und von der Anstrengung, das eigene Leben nach einer Erfahrung sexualisierter Gewalt wieder als das eigene zu erfahren. Zugleich erinnert er daran, dass kein Mensch auf das reduziert werden darf, was ihm angetan wurde.

Die Ausstellung fordert deshalb nicht nur zum Hinsehen auf. Sie stellt eine weitergehende Frage: Was verändert sich, wenn wir tatsächlich gesehen haben?

Ausstellung und Termine

„Kunst gegen Missbrauch“
bis 24. Oktober 2026
Sophie-La-Roche-Haus
Maximilianstraße 99, Speyer

Öffnungszeiten:
mittwochs, 16 bis 18.30 Uhr
samstags, 14 bis 17 Uhr

Rahmenprogramm

Mittwoch, 16. September 2026, 18 bis 19.30 Uhr
Q&A mit den Organisatorinnen der Ausstellung „Kunst gegen Missbrauch“
Gespräch über Unterstützungsangebote, Prävention und die Situation in Speyer mit dem Frauennotruf Speyer sowie den Fachstellen gegen sexualisierte Gewalt der Evangelischen Kirche der Pfalz und des Bistums Speyer.
Sophie-La-Roche-Haus, Maximilianstraße 99

Mittwoch, 23. September 2026, 18 bis 20 Uhr
„Zwischen Ja und Nein – warum sexuelle Bildung schützt“
Vortrag mit Pauline Grotheer, Sexualpädagogin bei pro familia Ludwigshafen.
Historischer Ratssaal, Rathaus, Maximilianstraße 12

Mittwoch, 30. September 2026, 18 bis 20 Uhr
„Sexualisierte Gewalt sichtbar machen – erinnern, aufarbeiten, Verantwortung übernehmen“
Einblicke in ein Aufarbeitungsprojekt der Universität Mannheim zum sexuellen Missbrauch im Bistum Speyer sowie die Perspektive eines Betroffenen.
Historischer Ratssaal, Rathaus, Maximilianstraße 12

Mittwoch, 7. Oktober 2026, 18 bis 20 Uhr
„How to Schutzkonzept: Schutz vor sexualisierter Gewalt wirksam gestalten“
Workshop mit Barbara Hocke, organisatorische Leiterin der Fachstelle „Schutz vor sexualisierter Gewalt“ der Evangelischen Kirche der Pfalz, und Patricia Maria Keil, Referentin für Intervention und insoweit erfahrene Fachkraft.
Historischer Ratssaal, Rathaus, Maximilianstraße 12

Mittwoch, 14. Oktober 2026, 18 bis 19.30 Uhr
Q&A mit Landesbeauftragter Anette Diehl
Gespräch mit der unabhängigen Landesbeauftragten gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Rheinland-Pfalz.
Historischer Ratssaal, Rathaus, Maximilianstraße 12

Die Teilnahme an den Veranstaltungen ist kostenfrei. Für die einzelnen Termine ist eine Anmeldung erforderlich. Weitere Informationen zur Ausstellung, zum Rahmenprogramm und zur Anmeldung gibt es unter speyer.de/kunst-gegen-missbrauch.

 

Alle Fotos: Barbara Hocke