Von Florian Riesterer
LUDWIGSHAFEN. Wo wie hier gelebter Glaube sichtbar werde, habe die Kirche eine Zukunft. Süße Teilchen, Brot und Brötchen schneiden und anrichten, Suppe in den großen Saal fahren und ausschenken. Benutzte Teller, Kaffeetassen und Besteck in die Küche bringen und in die Spülmaschine packen. In der Suppenküche des Kirchenbezirks Ludwigshafen an der Apostelkirche ist täglich gut zu tun.
Mittendrin ist Christine Müller-Kattwinkel. Die 65-jährige Presbyterin aus Ludwigshafen-Süd bringt sich hier seit mehr als 20 Jahren ein.
Geboren ist Müller-Kattwinkel im französischen Dijon. Seit mehr als 40 Jahren lebt sie in Deutschland, wo sie studiert hat. Evangelisch war sie schon immer. In ihrer Heimat gehörte sie damit zu einer Minderheit. „Und als ich nach Deutschland gekommen bin, hatte ich das Bedürfnis anzudocken, in die Kirche zu gehen, Leute zu treffen, die ich mag, aber die auch meinen Glauben teilen.“ Sie habe „tolle Leute“ kennengelernt, die sie 2008 dazu bewegen Presbyterin zu werden.
Hinter dieser Entscheidung stehen zwei Gründe, sagt sie: Menschliche und persönliche. Persönlich gesehen steht ihr Glaube im Mittelpunkt, aus den Aussagen der Bibel heraus zu handeln. Menschlich geht es ihr um Wertschätzung und Respekt: „Bei uns in der Versöhnungskirche hängt eine Flagge, auf der steht: Es gibt keine Menschen zweiter Klasse.“
Genau deshalb musste sie auch gar nicht lange überlegen, als sie gefragt wurde, ob sie in der Suppenküche mithelfen wolle. Dorthin kämen Menschen, „die oft übersehen werden“, so Müller-Kattwinkel. „Das ist für mich sehr wichtig, ihnen eine warme Mahlzeit zu reichen, ihnen zu zeigen, dass sie nicht ignoriert werden, dass sie nicht vergessen werden. Da ist Kirche genau richtig am Platz. Das ist Anerkennung, das ist Nächstenliebe.“
Die Deutsch-Französin betont, dass sie nicht nur Presbyterin ist, um in Gremien mitzuwirken, Entscheidungen bei Sitzungen mit zu treffen. Sie wolle richtig anpacken. „Und gerade in der Suppenküche machen wir das. Wir tragen Verantwortung dafür, dass der Glaube nicht abstrakt bleibt, sondern konkret wird.“
Rund 80 Menschen besuchen täglich die Suppenküche im Stadtteil Hemshof. Ein Grund ist die Armut. „Am Ende des Monats kommen deutlich mehr“, sagt Müller-Kattwinkel. Aber die Besucher kämen auch, um der Einsamkeit zu entfliehen.
Die evangelische Kirche, so schwärmt sie, öffne jedem die Chance, sich einzubringen, mit dem, was er könne, worauf er Lust habe. Seniorenkaffee, Jugendarbeit, Geburtstagsbesuche, neue Gottesdienstformate, Musik: All das seien kleine Bausteine, die aber viele Menschen betreffen.
„Für mich ist es wichtig, dass die Kirche nicht nur im Gottesdienst sichtbar ist“, sagt Müller-Kattwinkel. Genau darin sieht sie die Zukunft der Kirche: „Ein bisschen näher bei den Menschen zu sein.“ Gottesdienste, Liturgie sei ein entscheidender Teil. „Aber nur die Leute, die in die Kirche gehen, spüren das, und die anderen bleiben draußen.“
Die Kirche müsse sich verändern, sagt sie. Grund seien immer weniger Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch immer weniger Kirchenbesucher*innen oder Leute, die ehrenamtlich mitmachen. Sie wünsche sich deshalb „eine Kirche, die Mut macht, die sich auch einmischt, da wo es notwendig ist. Nicht nur unbedingt politisch, aber auch im sozialen Bereich“.
Und Müller-Kattwinkel ist sicher: „Wenn sich die Kirche auf den Glauben, die Nächstenliebe und die Wertschätzung, Begegnung auf Augenhöhe konzentriert, kann unsere Kirche auch in Zukunft ein Ort sein, wo die Menschen Kraft und Sinn und Hoffnung finden.“

