Von Gertie Pohlit
LANDAU. „Frauen sollten nicht länger an der Küste herumlungern, nur weil sie Angst haben, in See zu stechen.“ Formuliert hat das sinngemäß die britische Komponistin Ethel Smyth (1858 – 1944), die immerhin zu jenen Tondichterinnen zählte, deren Werk schon zu Lebzeiten neben herablassender Schmähung des männlich dominierten Kulturbetriebs auch Wertschätzung etwa von Pjotr Tschaikowski erfuhr.
Am dritten Advent dieses Jahres soll das wohl bedeutendste Werk der damals 34-jährigen Komponistin, die „Messe in D“, in der Landauer Stiftskirche unter Leitung von Interimskantorin Charlotte Vitek erklingen. Sie hat ihre Bachelorarbeit zum A-Kirchenmusikexamen über diese mutige und streitbare Komponistin, Dirigentin und Autorin geschrieben, die sich fast zwangsläufig als Frauenrechtlerin im von Männern regierten Musikbetrieb profilierte.
Charlotte Vitek geht damit konsequenterweise in die Praxis, stellt ein Werk vor, das bis in die neuere Zeit ein Schubladendasein fristete. Darüber hinaus wird es in der Landauer Stiftskirche einen auf Frühjahr und Herbst verteilten „Orgelpunkt“-Zyklus geben, der ausschließlich Interpretinnen auf die Bank der Rieger-Orgel zitiert. Vitek gestaltet mit Pfarrerin Heike Messerschmitt und Dekanin i. R. Angelika Keller die Auftakt-Veranstaltung unter dem Titel „Starke Frauen“: ein Format, das nun schon in vierter Auflage bekannt macht mit außergewöhnlichen Frauengestalten der Bibel. Und eben Komponistinnen.
Anna Croissant, derzeit in Elternzeit, hatte für die ersten drei Jahrgänge wahre Schätze an unbekannter Orgelmusik gehoben. Kate Westrup, Marianna Stoll, Theophania Cecil, Mel Bonis oder Cécile Chaminade – je davon gehört?
Für Elisabeth Theisohn, Professorin für Musikpädagogik an der Musikhochschule Karlsruhe, ist das kein Mysterium. „Zu allen Zeiten war der Blick auf die schaffende wie ausübende Kunst ein einseitig männlicher. Die Musikwissenschaft war männlich dominiert, ebenso die Fachkritik, das Veranstaltungswesen. Und gerade im sakralen Bereich hatten Frauen bis ins 20. Jahrhundert schöpferisch wie ausübend erhebliche Barrieren zu überwinden.“
Blickt man auf die Sparte künstlerisches Orgelspiel, denkt man spontan an die Pariser Berühmtheiten Nadja Boulanger (1887 – 1979) und Marie Claire Alain (1926 – 2013). Sie waren mit ihrer Internationalität Ausnahmeerscheinungen.
Gleichzeitig fällt auf, dass Konzertorganistinnen im Vergleich zu männlichen Protagonisten zwar nach wie vor in der Minderheit sind (etwa zehn Prozent). Aber ganz offensichtlich existiert eine junge Riege – Els Biesemans, Anna Scholl, Sandra Nosteide, Angela Metzger, Marie Sophie Goltz, Eva Schad, Carlotta Ferrari oder Mona Hartmann etwa –, die erfolgreich im internationalen Diskurs mitmischt. Das könnte bedeuten, dass erstmals eine Generation selbstbewusster Künstlerinnen heranwächst.
Irgendwo dazwischen angesiedelt ist das Profil der Kantorin – Mehrkampfprofi zwischen vokalen und instrumentalen Ensembles, Kinder- und Seniorenarbeit sowie Orgelspiel in Gottesdiensten und Konzerten. Mit wenig Bewegung beim Frauenanteil, sagt Landeskirchenmusikdirektor Jochen Steuerwald, seit knapp 30 Jahren in Besetzungsgremien. „Der Frauenanteil bei Bewerbungen um Kantoratsstellen lag und liegt in der Regel so um 15 bis 20 Prozent. Eine signifikante Entwicklung ist nicht zu beobachten.“
Aufschlussreich ist eine Genderstudie der Direktor*innenenkonferenz Kirchenmusik von 2022. Evaluiert wurde sie durch die Evangelische Kirche in Baden in Kooperation mit der Universität Heidelberg. Die sehr detaillierten Untersuchungen konstatieren, dass das Berufsbild Kantor/Kantorin auf Grund der Abend- und Wochenenddienste nicht familienfreundlich ist. Als Lösungsansatz von weiblicher Seite werden eine mehr teilzeitbezogene sowie teamorientierte Ausschreibung von Führungsstellen genannt sowie eine paritätische Besetzung von Ausschreibungsgremien.
Dass im Bezirkskantorat Landau erstmals in der Evangelischen Kirche der Pfalz eine solide Elternzeit-Regelung für einen Zeitraum von mehr als einem Jahr greift, signalisiert immerhin Aufbruch. Eine Um frage in Bezirkskantoraten dagegen ergab wenig, wenn auch Germersheim und Homburg sich als gut aufgestellt im weiblichen Neben- und Ehrenamt outen. Aber der Prinzipal-Klang der Kirchenmusik wird weiblicher. Was sich noch wie die Quadratur des Kreises anfühlt, könnte irgendwann Alltag werden.
Dieser Artikel ist auch im Evangelischen Gemeindeblatt für die Pfalz erschienen.

