Bibellese

Sonntag, 13. Januar, Psalm 71

Zuversicht in die Zukunft

Unsere Gesellschaft wird immer älter. Zum einen ein Ergebnis moderner Medizin und guter Versorgung, zum anderen eine nach wie vor auf niedrigem Niveau stagnierende Geburtenrate. Neue Krankheitsbilder bestimmen in bisher noch nicht gekanntem Umfang die Schlagzeilen und die Debatten. Pflegenotstand, häusliche Pflege, Elternunterhalt, Demenz, um nur einige zu nennen. Mitten in diese Situation hinein beten wir mit dem Psalmbeter: „Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde“ (Vers 9). Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Auch diese allzumenschliche Erfahrung ist dem Psalmbeter nicht fremd: „Denn meine Feinde reden über mich“ (Vers 10). Doch am Ende siegt die Erfahrung, dass Gott sich von Mutterleibe an als ein verlässlicher Begleiter, Bewahrer und Beschützer erwiesen hat. Aus der Vergewisserung dieser Erfahrung kann wieder Zutrauen zum Leben und Zuversicht in die von Gott geschenkte Zukunft erwachsen.

Montag, 14. Januar, 1. Mose 7, 17–24

Noah erfährt Gottes Gnade

Offenbar gibt es eine Erfahrung einer urzeitlichen Katastrophe, die sich tief ins kollektive Gedächtnis der Menschheit eingeschrieben hat. Eine Flutkatastrophe, eine Naturkatastrophe kosmischen Ausmaßes. Alles Landleben war bedroht, ja wurde zu großen Teilen vernichtet. Nur eine geringe Schar, hier Noah und die Seinen, wurde gerettet. Der Glaube an den Schöpfer, Begleiter und Bewahrer Israels deutet dieses Geschehen als ein gerechtes und nachzuvollziehendes Strafgericht Gottes über eine Menschheit, die sich ignorant und arrogant vom Schöpferwillen entfernt hat und den vertrauensvollen Bund offenbar pervertiert hat. Mitten in dieser Untergangsgeschichte wird Noah und die Arche zu einer Chiffre für Gottes Gnade inmitten des Gerichts.

Dienstag, 15. Januar, 1. Mose 8, 1–12

Der Ursprung der Friedenstaube

„Da gedachte Gott an Noah …“ Mit Gottes Gedenken wendet sich das Blatt und die Sintflut- beziehungsweise Untergangsgeschichte. Wenn Gott gedenkt, dann wendet sich die Geschichte zwischen ihm und seinen Geschöpfen zum Guten. Wenn Gott seines Bunds gedenkt, dann verwandelt sich die Geschichte in eine heile Geschichte. Mit Gottes Gedenken beginnt das Heil und die Heilsgeschichte. „Gott gedachte an seinen heiligen Bund“, so heißt es auch im Lukas-Evangelium im Gesang des Zacharias, in dem Gottes Heilswirken besungen wird. Bemerkenswert anschaulich sind auch die spannungserzeugenden verzögernden retardierenden Momente beim Aussenden von Rabe und Taube. Die Taube mit dem Ölblatt hat hier ihren Ursprung, die in der Bildsprache des 20. Jahrhunderts durch Picassos Taube zur universellen Friedenstaube wurde.

Mittwoch, 16. Januar, 1. Mose 8, 13–22

Gottes Bund mit Noah

Offenbar ist die erste und vielleicht einzig angemessene Reaktion auf die Errettung aus der als Gericht interpretierten Katastrophe die Errichtung eines Altars, um Gott zu danken, um ihm zu opfern und damit zu loben. „Noah aber baute dem Herrn einen Altar …“ (Vers 20). Gottes Reaktion folgt auf dem Fuße und läutet eine neue Ära in der Geschichte mit den Menschen, seinen Geschöpfen, ein. Es wird ein neues Kapitel aufgeschlagen und geschrieben. Gott richtet einen Bund auf: den Bund mit Noah. Das hat weitreichende Folgen. Die natürlichen Grundlagen des Lebens, der kosmisch-geheimnisvolle Rhythmus der Jahreszeiten und Naturgewalten, sollen nach Gottes Willen um der Menschen und Welt willen nicht mehr gefährdet beziehungsweise infrage gestellt werden. Bemerkenswert dabei ist, dass die Begründung lautet: „Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ (Vers 21). Hier handelte es sich offensichtlich nicht um ein Läuterungsgericht. Die Menschen sind nach der Sintflut nicht besser, aber offensichtlich hat sich Gottes Bewertung oder Konsequenz grundlegend geändert. Gott beginnt im Bund mit Noah grundlegend seine Gnade und Großherzigkeit zu zeigen und zu gestalten. Im Bundesschluss mit Noah und dem noachitischen Geschlecht, zu dem auch wir uns zählen dürfen, erweist sich der Schöpfergott als der gnädige Freund und Bewahrer des Lebens. Das zarte Licht des Evangeliums zeigt sich am Horizont dieser grundlegenden Universalgeschichte.

Donnerstag, 17. Januar, 1. Mose 9, 1–17

Der Regenbogen

Ganz gemäß des oben beschriebenen Neuanfangs wird der Schöpfungsauftrag quasi wiederholt: „Seid fruchtbar und mehret euch …“ (Vers 1 und 7). Auch das Thema der Gottesebenbildlichkeit, das Juden und Christen in die abendländische Erfolgsgeschichte der Menschenwürde eingetragen haben, wird im noachitischen Bund bestätigend wiederholt. Als Zeichen für diesen Bund wird ein Bogen in den Himmel geschrieben. Am Himmel des vergangenen Straf- und Urregens dürfen wir uns einen Regenbogen vorstellen, der durch das Schöpfer- und Gnadenlicht Gottes aufleuchtet. Das Faszinosum der sieben Farben des halbrunden Bogens, den wir gerne Regenbogen nennen, hat bis heute nichts von seiner urtümlichen und unmittelbaren Wirkung eingebüßt. Zu Recht wurden diese Farben zum Banner, Mahn- und Erkennungs- beziehungsweise Bekenntniszeichen, wenn es um den Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung geht, nicht nur, aber auch im ökumenischen konziliaren Prozess der weltweiten Gemeinschaft von Christinnen und Christen.

Freitag, 18. Januar, 1. Mose 9, 18–29

Noah pflanzt einen Weinstock

Besonders uns Pfälzern wird es bemerkenswert erscheinen, dass Noah als erstes Werk nach dem Bundesschluss einen Weinstock pflanzt. Die wunderbare alte Kulturpflanze des Weins erhält in Gottes Heilsgeschichte mit uns, seinen Geschöpfen und Menschen, einen äußerst prominenten und herausragenden Platz. Ganz im Sinne des Realismus dieses lebens-, welt- und menschenzugewandten Gottes folgt die ambivalente Wirkung des Weinstocks unvermittelt auf dem Fuße und wird überhaupt nicht verleugnet oder unter den Tisch gekehrt. „Und da er vom Wein trank, ward er trunken …“ (Vers 21). Beinahe derb humoristisch mutet der Duktus dieser „Ur-Rausch-Geschichte“ an. Offensichtlich scheinen großzügige Milde und Nachsicht die gottgewollte oder zumindest von Noah gesegnete Reaktion auf die rauschhafte Ausnahmesituation zu sein.

Gerade im 19. Jahrhundert fand diese Geschichte einen reichhaltigen Nachklang in den diversen Wein- und Trinkgedichten. So zum Beispiel bei August Kopisch, gestorben 1853, dem poetischen Vater der Heinzelmännchen und Erfinder eines tragbaren Heizöfchens, in seiner Historie von Noah.

Samstag, 19. Januar, 1. Mose 11, 1–9

Der Turmbau zu Babel

Den Reigen der urgeschichtlichen Erzählungen beendet die in Malerei und Dichtung zu Weltruhm gelangte Geschichte vom Turmbau zu Babel. Bevor mit der Verheißung des Segens an den Stammvater Abraham ein weiteres Kapitel der wechselhaften Liebesgeschichte zwischen Gott und uns, seinen Menschen, aufgeschlagen wird, versucht die kunstvolle sprachliche Komposition dieser Geschichte die als fragwürdig empfundene Vielfalt menschlicher Sprachen und sich ergänzender Kulturen zu erklären. Dabei brauchen die alttestamentlichen Autoren genau elfmal elf Wörter im hebräischen Urtext. Während es in diesem beinahe ur-beispielhaft gewordenen Text um den gottvergessenen Hoch- und Übermut der Menschen geht, deren Türme bis in den Himmel reichen sollen, um sich selbst als Götter zu fühlen und aufzuführen. Gott selbst bewahrt seine Welt vor den absehbar negativen Folgen dieser gottvergessenen menschlichen Fortschrittseitelkeit, indem er aus dem scheinbar so effektiven Unisono ihrer Stimmen die menschen-, weltbewahrende und weltbereichernde Vielfalt der Sprachen entstehen lässt. Beinahe augenzwinkernd verschränkt sich wieder Gottes Gericht mit seiner weitblickenden Gna­de und Bewahrung. Stefan Werdelis

Veröffentlichung der Bibellese mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"