Bibellese

Sonntag, 29. März, Psalm 102

Glaube angesichts von Abgründen

Der Beter des Psalms 102 erscheint mir wie ein Wanderer beziehungsweise Kletterer in den Schweizer Alpen: Über sich sieht er die majestätischen Gipfel der 4000er, schaut er dagegen unter oder vor sich, so blickt er in tiefe Abgründe. Da ist einerseits die Verzweiflung an seiner persönlichen wie der gegenwärtigen Situation des Volks – und doch andererseits zugleich das Wissen um den bleibenden Glanz der Majestät Gottes. Beides liegt für den Beter ganz dicht beisammen. Und es ist das Letztere, das Festhalten an seiner Hoffnungsperspektive, die ihn davor bewahrt, in den Sog des Abgrunds von Verzweiflung zu geraten. Es mögen extreme Momente des Lebens sein, aber manchmal erfahren wir es vielleicht ähnlich wie der Beter im Psalm. Wir blicken in Abgründe persönlicher wie allgemeiner Art – aber da sind dicht daneben das Wissen und die Hoffnung um den Gott in uns, der über diesen Abgründen steht. Dieses Wissen und Staunen über die Größe Gottes, die in keinem noch so großen schwarzen Loch des Universums verschwindet, gilt es festzuhalten.

Montag, 30. März, Markus 14, 1–11

Die Liebe rechnet nicht

Die Schlinge um Jesus zieht sich je länger umso mehr zu. Sein Todesurteil ist unter den führenden religiösen und politischen Kräften des Landes schon beschlossene Sache, es wird nur noch nach dem richtigen Zeitpunkt Ausschau gehalten. Da kommt der Verrat von Judas Iskariot wie gerufen. Doch inmitten dieser Düsternis zwischen Todesurteil und Verrat steht eine namenlose Frau, die das Kostbarste, was sie hatte, an Jesus verschwendet: Eine Flasche Nardenöl im materiellen Wert dessen, womit eine Familie in damaliger Zeit ein ganzes Jahr lang genügend Nahrung und Kleidung zur Verfügung gehabt hätte. Was für eine Verschwendung – aber was für eine Liebe und Hingabe zugleich. Jesus lässt diese Verschwendung zu, weil er die Liebe dieser Frau zu ihm darin sieht. Die Liebe rechnet nicht. Sobald sie berechnend wird, verliert sie ihre Kraft und ihr Geheimnis. Und die Liebe ist kreativ und erfinderisch. Wie arm wäre unsere Welt, wie arm ist eine Beziehung, in der die Liebe keinen Raum hat.

Dienstag, 31. März, Markus 14, 12–16

Himmlische Regie

Im Nachhinein gesehen war es der wichtigste und bedeutsamste Abend, den Jesus mit seinen Jüngern in den Jahren seines Wirkens verbracht hatte: Der Abend vor seiner Hinrichtung, an dem er mit ihnen das Passahfest feierte und im Rahmen dessen unsere Feier des Abendmahls seinen Ursprung hat. Die Geschehnisse in der Dichtheit dieser so wenigen, aber alles entscheidenden Stunden erwuchsen nicht der Zufälligkeit. Die beiden Jünger finden alles so vor, wie es Jesus ihnen vorausgesagt hat. Sie entdecken den Mann mit dem Wasserkrug, der sie zum Abendmahlssaal führt, genau wie Jesus es ihnen prophezeit hatte. Von außen betrachtet erscheint es, waren Jesu letzte Stunden vom Treiben und den Intrigen der mächtigen Gegner bestimmt – aber von anderer, von höherer Warte aus war sein Weg vorgezeichnet. Da ist nicht der Platz für eine Zufälligkeit und Willkür der Ereignisse. Wenn auch auf der Bühne des Lebens die Dinge ihren für uns nicht berechenbaren Lauf zu nehmen scheinen – im Regieraum sitzt doch Gott. Wir sehen es oft nur nicht, und wenn, dann meist nur im Nachhinein.

Mittwoch, 1. April, Markus 14, 17–25

Liebe und Verrat, Verrat und Liebe

„Wo Gott seine Kirche baut, baut der Teufel seine Kapelle ganz dicht daneben“ – dieser alte Weisheitsspruch gilt in ganz besonderer Weise für den heutigen Textabschnitt. Da feiert Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl und deutet mit der Gabe von Wein und Brot seinen eigenen Tod als Hingabeund Opfertod für sie. In der Feier des Abendmahls verdichtet sich seitdem das, was die Christenheit mit dem Karfreitag, ja mit der Mitte des Evangeliums verbindet, in einzigartiger Weise. Und im gleichen Atemzug verweist uns der Textabschnitt darauf, dass Jesus in derselben Stunde wusste, dass einer unter ihnen ihn verraten wird. Seine Bereitschaft, sein Leben für die Seinen in die Waagschale zu werfen, korrespondiert mit dem Wissen, dass einer von ihnen ihm die Gefolgschaft aufkündigen und verraten wird. Aber letztlich war es nicht nur der eine, der ihm die Treue brach, sondern alle, einschließlich Petrus. Für den Juden Martin Buber war dies das, was ihn an Jesus so tief erstaunte: Dass er, Jesus, die Seinen bis zum Ende – trotz Verrats – liebte.

Donnerstag, 2. April, Markus 14, 26–31

Was für eine Mannschaft

In der Kultur der einstigen Germanen galt die Treue des Untergebenen gegenüber seinem Herrn als ein ganz hohes, wenn nicht gar als das höchste Gut überhaupt. Verrat und Untreue waren das Schändlichste, was einer begehen konnte. Kaiser Wilhelm II. berief sich auf die „Nibelungentreue“, mit der er sich an die Seite Österreichs stellte, auch wenn er damit den Ersten Weltkrieg heraufbeschwor. So fiel es den iroschottischen Mönchen, die einst den Germanen das Christentum brachten, nicht leicht, ihnen davon zu berichten, wie Jesus von seinen engsten Vertrauten im Stich gelassen und verraten wurde. Es zeichnet andererseits die Heilige Schrift als ein so ehrliches Buch aus, dass sie keine heiligen und untadeligen Nachfolger Christi kennt, sondern nur solche, von denen keiner ohne ein „aber“ war. Es gehört auch zur tiefen Weisheit des apostolischen Glaubensbekenntnisses, dass es direkt hinter das Bekenntnis des Glaubens an die „Gemeinschaft der Heiligen“ jene Aussage stellt, in welcher von der „Vergebung der Sünden“ die Rede ist. Aus Letzterem allein leben wir.

Freitag, 3. April, Markus 14, 32–42

Falscher Schlaf

Die gleichen drei Jünger, mit denen er im 9. Kapitel des Evangeliums auf den Berg stieg, auf dem sie Zeugen seiner Verklärung wurden, sind von Jesus herausgefordert, mit ihm im dunkelsten Moment seiner Geschichte auszuharren. Und dreimal schlafen sie ein, dreimal verschließen sie vor dem, worum ihr Meister ringt und zittert, die Augen. Ein guter Schlaf mag ein Gottesgeschenk sein. Alle, die von Schlaflosigkeit geplagt sind, stimmen dem vorbehaltlos zu. Jesus selbst konnte im Boot mitten im Sturm auf dem See Genezareth schlafen, während seine Leute in Panik gerieten. Es gibt ein gutes und heilsames Schlafen. Aber es gibt auch ein Verschlafensein, das völlig fehl am Platze ist. Dann, wenn es gilt, hellwach zu sein, weil etwas Entscheidendes geschieht. „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit“ – so singen wir es immer wieder in Lied 262 (EKG). Wie wach sind wir im Blick auf das, worüber Christus heute an dieser Welt und seiner Kirche leidet? Und wie gern verschließen wir die Augen oder zappen weg, wenn wir Menschen leiden sehen?

Samstag, 4. April, Markus 14, 43–52

Liebe bis zum Äußersten

Die Steigerung von „Feind“ lautet „Parteifreund“. So oder so ähnlich ist es nicht nur als Aussage über vertraute Parteigenossen zu hören, sondern zuweilen auch in der Politik im Kleinen wie im Großen augenscheinlich zu erkennen. Wenn wir einem ausgemachten Gegner Steine in den Weg werfen, mag dies das Leben erschweren, aber davon werden wir nicht unbedingt umgeworfen. Von ganz anderem Gewicht ist es jedoch, wenn wir von solchen ans Messer geliefert werden, die uns ganz nahestehen. „Deine Feinde bauen deine Größe“, so lautet ein Motto, denn im Ringen mit ihnen können wir wachsen. Aber wenn solche, die uns Freunde waren, uns mit einem Judas-Kuss verraten, so schmeckt das mehr als bitter. Der Judas-Kuss – auch das gehörte für Jesus zu seiner Via Dolorosa, zu seinem Leidensweg. Es zeichnet ihn aus, dass er Judas nicht ins Gesicht spuckte, ihn nicht verfluchte, sondern ihn selbst in diesem Augenblick noch mit der Bezeichnung „Freund“ ansprach (Matthäus 26, 50). Seine Liebe hielt er auch in dieser Situation durch. Bruno Heinz

Veröffentlichung der Bibellese mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"