Bibellese

Sonntag, 15. Oktober, Psalm5

Frevler und Gläubige?

Der Psalm wird David zugeschrieben, der zu seinem Gott betet. Dabei betont David zunächst seine Bedürftigkeit, von Gott gehört zu werden, anschließend folgt die Klage über die Frevler Gottes, bevor er Gott für dessen Wohltaten für die Gläubigen dankt und ihn bittet, auch weiterhin die Gläubigen zu schützen und zu behüten. Die Unterscheidung zwischen Frevlern und denen, die Gott lieben, gilt Davids besonderes Augenmerk: Die einen möge Gott verdammen, während er die anderen beschützen und behüten möge. So nachvollziehbar Davids Bitten sein mögen: Der große König der Juden scheint in dem Moment nicht der Tatsache gewahr zu sein, dass er selbst oft genug gegen Gottes Gebot verstoßen hat. Etwas weniger Selbstgerechtigkeit stünde ihm sicherlich gut zu Gesicht. Insofern gehören die Verwünschungen der Frevler Gottes zwar zur Bibel dazu, weisen aber gleichzeitig auf eine Vorstellungswelt hin, die Gute und Böse trennt, statt zu erkennen, dass der Mensch immer beides sein und bleiben wird: Gerechtfertigter und Sünder.

Montag, 16. Oktober, Lukas 18, 1–8

Kein Grund zur Verzagtheit

Ein Richter fürchtet sich vor nichts, weder vor Gott noch vor den Menschen. Eine Witwe bittet ihn unablässig um seine Unterstützung. Schließlich folgt er ihrer Bitte, vordergründig um endlich Ruhe zu haben und sich nicht den Zorn der Witwe zuzuziehen. Jesus vergleicht diesen Richter mit Gott: Auch wenn Menschen schon oft zu Gott gebetet und bisher keine Hilfe erfahren haben, so sollen sie dennoch nicht nachlassen in ihrem Gebet. Denn wenn sich schon ein hartnäckiger Richter erweichen lässt, um wie viel mehr wird sich dann ein gnädiger Gott den Menschen zuwenden, die ihn um Hilfe bitten? Und schließlich: Nehmen die Menschen überhaupt Gottes Hilfe wahr, nehmen sie sie an? Immerhin ist in Jesus ja der Sohn Gottes zu den Menschen gekommen, um ihnen Heil und Erlösung zu bringen. Die Frage ist nur, ob die Menschen offen genug sind, Gottes Hilfe, seine Liebe, seine Nähe auch zu erkennen und sich ihr anzuvertrauen. Jesus macht somit den Menschen Mut, Gott weiter zu trauen und die Spuren seines Handelns zu erkennen und dann auch anzunehmen.

Dienstag, 17. Oktober, Lukas 18, 9–17

Selbstrechtfertigung bringt nichts

„Mein Boot, mein Haus, mein Auto“ – es mag Kategorien und Wertmaßstäbe geben, in denen der Mensch aus sich selbst heraus bestehen kann. Vor Gott funktioniert das nicht. Das verdeutlicht Jesus mit dem Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner: Weder das Herausheben der eigenen Leistung hat vor Gott Bestand, noch das Herabsetzen der Menschen um einen herum, um selbst größer dazustehen. Das Einzige, was vor Gott zählt, ist die Einsicht der eigenen Bedürftigkeit. Jeder Mensch bedarf der Liebe, jeder Mensch bedarf der Vergebung. Und beides, Liebe und Vergebung, kann sich der Mensch nicht verdienen – weder gegenüber anderen Menschen, noch gegenüber Gott. Vergebung und Liebe bleiben somit immer Geschenk. Die wesentlichen Werte unseres Lebens können wir nicht machen, sondern nur empfangen.

Mittwoch, 18. Okt., Lukas 18, 18–30

Nachfolge erarbeiten?

Muss man wirklich alles aufgeben, wenn man Gott nachfolgen will? Besitz, Reichtum, Freunde, Familie? Vordergründig scheint Jesus zu sagen, dass man genau das muss. Doch diese Interpretation greift zu kurz. Denn zunächst verweist Jesus den reichen Mann, der ihn bezüglich der Nachfolge anspricht, auf das Einhalten der Gesetze. Doch dies scheint dem reichen Mann nicht zu reichen, er will mehr. Dieses „Mehr“ scheint sein Leben zu kennzeichnen, sonst wäre er wahrscheinlich nicht reich geworden. Er scheint als Sinnbild für all jene zu stehen, die durch eigenes Tun immer „mehr“ erreichen wollen. Und so lässt sich Jesus auf dieses Denkmodell ein: Wenn der Mann tatsächlich durch eigenes Tun die Nachfolge sicherstellen will, dann muss er sehr viel mehr tun – zu viel nach menschlichen Maßstäben. Dem Reichen zumindest ist dieses „Mehr“ zu viel. Sein Herz hängt an seinem Besitz. Und deswegen verweist ­Jesus darauf, dass gerade das ihn von wahrer Nachfolge trennt. Dabei schenkt wahre Nachfolge mehr, als sie nimmt, das macht Jesus abschließend deutlich. Sascha Müller

Donnerstag, 19. Okt., Hesekiel 1, 1–21

Unter dem offenen Himmel

So ist das also, wenn Gott die für uns unüberwindliche Grenze zu seinem „himmlischen“ Machtbereich durchbricht und von seinem Thron herab einem Menschen buchstäblich auf den Leib rückt. Es geht dabei um einen ganz bestimmten Menschen aus dem Volk Israel, einen Priester namens Hesekiel; und es geschieht zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt im Jahr 593 vor Christus (das meint die etwas umständliche Angabe in Vers 1 f.) und an einem ganz bestimmten Ort im südlichen Zweistromland, wohin fünf Jahre zuvor mit dem judäischen König Jojachin und der Oberschicht Judas auch Hesekiel vom babylonischen König Nebukadnezar verbannt worden waren. Die „Gesichte“, die Hesekiel unter dem „aufgetanen Himmel“ zu sehen bekommt, übersteigen das Fassungsvermögen menschlicher Augen bei Weitem. Wollte man, was in den Versen 4 ff. beschrieben wird, zu malen versuchen, käme bestenfalls ein sehr bizarres, surrealistisches Gemälde heraus. Aber wie sollte es anders sein, wenn ein Mensch den offenen Himmel und darin die Majestät Gottes auf seinem Thron zu schauen bekommt und das mit seinen menschlichen Augen fassen will? Kann da anderes herauskommen als immer wieder ein „etwas wie“? Beschreibungen, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Die Bilder, die wir uns von Gott machen, sind meist erschreckend harmlos. Hier aber erscheint einem Menschen Gott in seiner wirklichen Herrlichkeit, und das muss ihn aus der Fassung bringen.

Freitag, 20. Oktober, Hesekiel 1, 22–28

Von Gottes Herrlichkeit überwältigt

Die Beschreibung der Gottesschau setzt sich fort und bringt weitere „Ungereimtheiten“: Schien es zunächst so, als wären die vier merkwürdigen Wesen nur die Begleiter des auf merkwürdigen Rädern einherfahrenden Gottesthrons, so ruht dieser jetzt auf „etwas wie einer Himmelsfeste“ und wird von diesen viergesichtigen Wesen sozusagen getragen. Der Thronende erscheint „wie ein Mensch“, aber was dann weiter von ihm zu sehen ist, ist alles andere als menschlich. Ebenso „war die Herrlichkeit des Herrn anzusehen“. Unsere eigenen Gottesvorstellungen erschüttern uns nicht. Dafür sorgen wir schon. Hesekiel aber fällt nach dem, was ihm da widerfahren ist, „auf sein Angesicht“.

Samstag, 21. Okt., Hesekiel 2, 1–3, 3

Hesekiels Sendung und Ausrüstung

Die Hesekiel zuteilgewordene Gottesschau war kein Selbstzweck, sondern die Vorbereitung auf seine Beauftragung: Kein Geringerer als der ihm in seiner ganzen Herrlichkeit erschienene Gott ist es, der jetzt dieses „Menschenkind“ gebrauchen will. Hesekiel ist aber dafür, so wie er ist, nicht brauchbar. Erst die Anrede Gottes richtet ihn auf und macht ihn aufnahmefähig. Denn jetzt ist es nicht sein Auge, das Gott trifft, sondern sein Ohr. Gott redet ihn an: „Ich sende dich.“ Mit diesen Worten beauftragt und bevollmächtigt Gott Hesekiel zum Propheten. Seine Sendung richtet sich an Israel in seiner damaligen Lage als geschlagenes Volk, das sowohl im Lande als auch in der Verbannung unter dem Joch Babylons leidet. Aber nicht das spricht Gott an, sondern den Grund für das alles: dass sie ein „Haus des Widerspruchs“ sind. Aber davor darf Hesekiel nicht zurückschrecken. Von ihm wird einfältiger Gehorsam gegenüber seinem Sendungsauftrag gefordert (Vers 7, 8), und dazu wird er auch ausgerüstet: Hesekiel muss das (in einem Buch aufgeschriebene) Wort Gottes regelrecht aufessen, damit er davon ganz erfüllt wird – und dann erkennen kann, dass Gottes Gerichtswort („Klage, Ach und Weh“) am Ende „süß wie Honig“ ist. Aber dazu wird es ein langer Weg sein. Horst Hahn

Veröffentlichung der Bibellese mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"