Bibellese

Sonntag, 26. Mai, Psalm 77

Trost in allem Leide

Am vergangenen Sonntag war Psalm 108 Text der Bibellese. Darin wurde von jemandem gesungen, der beseelt von einer außergewöhnlichen Ruhe und Ausgeglichenheit Gott und den Morgen bejubelte. Eine ganz andere Ausgangsstimmung liegt dem heutigen Psalm zugrunde: Da ist jemand, möglicherweise ist es auch das ganze Volk Israel, in große innere Not geraten. Selbst durch die Besinnung auf Gott findet man keine Entlastung. Die Ruhe des Herzens, der innere Frieden sind entglitten. Die Ausgeglichenheit und der optimistische Mut der Dank- und Lobpsalmen werden hier gänzlich entbehrt – zumindest zunächst. Was dann aber doch zu Hoffnung und Zuversicht führen kann, ist die Erfahrung: Kein Problem ist unlösbar und keine Not zu groß für Gott, und vor allem anderen: Gott ist bei mir in aller Hoffnungslosigkeit und durch alle Traurigkeit hindurch! Das mag dazu verhelfen, nicht gänzlich aus der Bahn zu fallen. Um es mit den Worten des Pfarrers und Kirchenlieddichters Arno Pötzsch zu sagen: „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand.“

Montag, 27. Mai, 2. Samuel 21, 1–14

Ein Vertragsbruch wird gesühnt

Pest, Krieg und auch Hunger wurden im alten Israel als Ausdrucksformen für Gottes Zorn auf irgendein Vergehen in Israel interpretiert – so auch hier in dieser „Rachegeschichte“: Die Geschichte mit den Gibeonitern ist zeitlich früher einzuordnen als 2. Samuel 9, wo beschrieben wird, wie David Gnade gegenüber Jonathans Sohn gewährt. Die Nachkommen Sauls müssen büßen für dessen Vertragsbruch (beschrieben in Josua 9) und enden auf besonders schändliche Weise. Verschont wird dabei Jonathans Sohn (aufgrund des Bunds, den David mit seinem Freund Jonathan geschlossen hat). Sieben andere Sippenglieder werden aufgehängt. Jetzt, da die Schuld des ersten Königs Israels gesühnt ist, kann die Ernte beginnen. Die Hungersnot, so der damalige Glaube, ist damit gebannt. Davon ist auch David überzeugt, nachdem die Buße und Totenwache Rizpas den in dieser Erntezeit ungewöhnlichen Regen, ein göttliches Zeichen des Erbarmens, bewirkt haben mag. Jetzt wird Saul mit einer würdigen Bestattung öffentlich rehabilitiert.

Dienstag, 28. Mai, 2. Samuel 23, 1–7

Davids letzte Worte

In 1. Könige 2, 9 werden König David von anderen niedergeschriebene letzte Worte in den Mund gelegt. In unserer heutigen Bibellese geht es dagegen um die letzten Worte, die David selbst spricht. Sein wichtigstes Thema ist die Gerechtigkeit: „Wer gerecht herrscht unter den Menschen, wer herrscht in der Furcht Gottes, der ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, am Morgen ohne Wolken.“ Und mit der Beschreibung des Vermächtnisses für seine Nachkommen geschieht hier eine Art Heiligung von Davids Königtum durch Gott. Dessen Treue wird menschlicher Untreue gegenübergestellt und so vor jeglicher Rebellion gewarnt. Schärfer kann die Warnung an königsfeindliche Agitatoren nicht sein, denn das Königshaus ist fest in Gottes Hand und von ihm erwählt und getragen! Daraus folgt also die Maxime, dem Königsgeschlecht die gebührende Ehre zukommen zu lassen und in vollkommener Loyalität dazu auch dem Schöpferwillen gemäß zu handeln. Mit anderen Worten: Diese letzten poetischen Verse Davids, dem auch viele Psalmen zugeschrieben werden, schweben wie ein Damoklesschwert über denen, die Böses im Schilde gegen das Königreich und damit auch gegen Gott führen.

Mittwoch, 29. Mai, 2. Samuel 24, 1–25

Eine missratene Musterung

Warum ist es so verwerflich, dass David seine Soldaten zählen lässt? Es ist wohl so, dass dadurch Davids Hochmut zutage tritt, der sich in überschwänglichem Selbstvertrauen mit der Stärke seines Heers brüsten möchte, anstatt diese (militärische) Macht und Größe Gott zu verdanken. Indem das Ergebnis der Volkszählung durch die Pest wertlos wird, wird das ganze Volk durch Davids stures Handeln (die Musterung dauert zehn Monate – Zeit genug für den König, um umzudenken, zumal Joab ihm dies ans Herz legt) bestraft. Die Exekution durch einen Engel lässt David seine Schuld erkennen: Er bereut. Am Ende dieser Geschichte steht aber nicht die Strafe Gottes, sondern der Altar, der errichtet wird, legt den Zeigefinger in Richtung göttliche Reaktion auf die Umkehr Davids: Auch Gott „kehrt um“, sein Zorn wandelt sich in Erbarmen. So wird der Altar als „Pars pro toto“, was den späteren Tempelkult betrifft: Der Tempel wird so mit einem Ort der Sühne konnotiert. Oliver Böß

Donnerstag, 30. Mai, Psalm 110

Himmlischer Amtssitz

Der Königspsalm klingt zu Himmelfahrt nach dem erhöhten Gottessohn. Der Ehrenplatz zur Rechten Gottes ist reserviert für ihn. Triumphal will der Psalm die rituell inszenierte Heiligkeit abbilden. Und Himmelfahrt ist nun einmal genau das. Die demonstrative Verortung des Menschensohns im Hoheitsgebiet Gottes mit Amtssitz im Himmel. Es geht um die größte anzunehmende Verherrlichung dessen, der Himmel und Erde miteinander verbunden hat. Es geht um die Verleihung des göttlich geadelten Amts an allerhöchster Stelle. Höher hinauszukommen als an Himmelfahrt, ist einfach undenkbar. Die absolute Spitzenposition hat kein anderer inne als der, der zuvor ziemlich weit heruntergekommen ist. Ab sofort schließen sich himmelhoch und erdennah nicht mehr aus, sondern ein. Der Hohepriester steht auf dem Erdboden der Tatsachen und sitzt gleichzeitig göttlich erhöht im Glanz gottvoller Heiligkeit. Wir sind in atemberaubender Weise mit dem Himmel verbunden. In Zeit und Ewigkeit aufgehoben in den Händen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Altes und Neues Testament himmeln sich an.

Freitag, 31. Mai, Philipper 1, 1–11

Heiligsprechung

Wenn Paulus einen Brief schreibt, dann spricht er seine Adressaten immer heilig. Also auch in Philippi. Dort ist durch sein Wirken die erste christliche Gemeinde auf europäischem Boden zuhause. Und dort leben ganz normale Leute, vornehmlich Heidenchristen. An denen hat der inzwischen inhaftierte Paulus offenbar seine helle Freude. Aber deswegen sind sie keineswegs vollkommen und fehlerfrei. Heilig sind sie alleine deswegen, weil sie sich von Gott in die Nachfolge Jesu haben berufen lassen. Demnach sind wir alle, wenn wir uns denn zu Jesus Christus bekennen, tatsächlich Heilige. Wer hätte das gedacht. Man muss also nicht schon ziemlich lange tot und einigermaßen heldenhaft in die Geschichte eingegangen sein, um zu dem besonderen Kreis der Gemeinschaft der Heiligen zu gehören. Es genügt der verbindende und verbindliche Glaube. Und schon gehört man dazu. Das verspricht Paulus uns allen. Hoch und heilig. Und das ist aber erst der Anfang eines langen Glaubenswegs, auf dem Erkenntnis und Verständnis immer liebevoller werden sollen.

Samstag, 1. Juni, Philipper 1, 12–26

Hauptsache Verkündigung

Wer einen Brief schreibt, will sich mitteilen. Paulus schreibt seinen Leuten im geliebten Philippi, um sie über sein Ergehen aufzuklären. Aber es ist kein weinerliches Betteln um Mitleid. Im Gegenteil. Paulus erträgt die Gefangenschaft und die Ungewissheit über seine Zukunft mit großer Gelassenheit und Gottvertrauen. Er fühlt sich getragen von einer Welle der Sympathie und der aus seinem Verhalten erwachsenen Ermutigung. Dabei sind nicht alle, die sich mit ihm solidarisieren, automatisch seine Freunde. Da gibt es durchaus auch Neid und Konkurrenz. Auch unter den Briefträgern der Liebe Gottes sind immer allerlei menschliche Schwächen und andere böse Absichten verbreitet. Das ist in der Christenheit so bis heute. Aber das nimmt Paulus billigend in Kauf. Hauptsache ist, dass die Verkündigung des Evangeliums voran­getrieben wird. Keine Todesangst, keine Verzweiflung ist ihm so groß und so wichtig wie die Überzeugung, in seiner Gottesbeziehung geborgen zu sein. Ludwig Burgdörfer

Veröffentlichung der Bibellese mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"