Bibellese

Sonntag, 19. Januar, Psalm 133

Um Segen und Frieden bitten

Jeder, der Geschwister hat, weiß, dass vielleicht nirgendwo anders Nähe und Distanz, Liebe und Zwietracht, Gunst und Missgunst näher beieinanderliegen und explosiver miteinander vermischt sind als gerade dort, im Kern der Familie. So haben wir eine Ahnung von der Unverfügbarkeit jenes ersehnten und wünschenswerten Traums des „einträchtigen Beieinanderwohnens“ unter Geschwistern. Wir Menschen brauchen zur Erreichung dieses Sehnsuchtsziels des einträchtigen Miteinanders die Gabe des Heiligen Geistes und die Nähe unseres Gottes, dessen Gegenwart im Alten Testament im Ritus des Tempels begangen und gefeiert wurde. Immer dann und immer dort, wo uns dieser geschwisterliche Friede gelingt, dürfen wir Gott am Werk wissen, dürfen wir die Früchte seines Segens ernten. Um diesen Segen und Frieden dürfen wir, nicht nur sonntags, auch immer wieder bitten und beten.

Montag, 20. Januar, 1. Korinther 1, 1–9

Paulus sieht Gott am Werk

Paulus, der eigentliche Mitbegründer des Christentums als Weltreligion, Paulus der spätberufene, nicht unumstrittene Apostel und ehemalige jüdische Eiferer, Paulus, der „Säulenheilige“ der Kirchen reformatorischer Tradition, eröffnet hier im zeitgenössischen Stil der Antike mit einem Absender und einer förmlichen, bei uns zur Liturgie gewordenen Formel den inhaltsreichen und oft stilbildenden Brief an die von ihm gegründete Gemeinde in der lebendigen und verruchten Hafenstadt Korinth. Paulus weiß nicht nur im Kern seines Glaubens Gott selber in Christus durch den Heiligen Geist allein am Werk, sondern gerade auch in seinem missionarischen Wirken. Darum steht der Dank an Gott für seine erwiesene Gnade beim Verkünden seiner guten und frohen Nachricht in Korinth am Anfang dieses Schreibens, das es noch schwer in sich haben wird an zentralen und konfliktträchtigen Themen. Doch atmen schon und gerade diese Eröffnungszeilen den Geist der Gelassenheit und Zuversicht, weil Paulus nicht so sehr sich, sondern vielmehr Gott selber am wirkmächtigen Werk sieht. Gelingende Gemeinschaft und Berufung gründet in der verheißenen Treue Gottes, die er uns in seinem Sohn Jesus Christus, unserm Herrn erweist.

Dienstag, 21. Januar, 1. Korinther 1, 10–17

Der einzige Grund

Wo Menschen zusammenkommen, wird geredet. Allen moralisch korrekten Ordnungsrufen zum Trotz wird dabei am liebsten übereinander geredet, vor allem, wenn die Objekte des Gesprächs nicht anwesend sind. Jeder interne Kenner von Kirchengemeinden und ihren Leitungsgremien kann sicherlich davon auch ein Liedchen singen. Darum weiß auch der Apostel Paulus. Er sieht das Werk der Gemeindegründung und des Gemeindeaufbaus grundsätzlich gefährdet. Er argumentiert theologisch. Paulus erinnert an den Grund, der gelegt ist, und den Namen, in dem getauft wurde: Christus allein. In seinem Namen und nicht im Namen von Mensch und weltlichen Mächten wird getauft. Dieser Grund und dieser Name sind unteilbar. Im unteilbaren Christus liegt der Grund der unverletzlichen Einheit der Gemeinde, an die Paulus hier gezwungenermaßen eindringlich erinnert. Oder um es noch deutlicher zu sagen: Es geht nicht um Zuständigkeitsfragen, sondern um die Predigt des Evangeliums – der Frohen und guten Botschaft!

Mittwoch, 22. Januar, 1. Korinther 1, 18–25

Torheit und Schwäche

Paulus hat ein Gespür dafür, dass an dem Kern der christlichen Botschaft, der Menschwerdung Gottes, die in Jesu Kreuzestod gipfelt, alle menschlichen Maßstäbe zerbrechen und umgewertet werden. Archetypisch kontrastiert der Apostel Paulus zwei Zugangsarten zur Welt und zum Glauben und führt sie an seiner Interpretation vom Kreuzestod Jesu ad absurdum. Für alle vernunftgetragenen Zugänge zur Welt, zu Heil, Glück und Erlösung muss das Wort vom Kreuzestod des Gottessohnes eine unerträgliche Torheit und Dummheit darstellen, die jeglicher Logik und Vernunft widersprechen muss. Für alle emotional oder religiös gefärbten Zugänge zur Welt, zu Heil, Glück und Erlösung muss das Wort vom Kreuzestod eine beinahe gotteslästerliche Zumutung darstellen. Doch der Gott, den der Apostel Paulus verkündet, erweist seine Weisheit in der Torheit und seine Stärke in vermeintlicher Schwäche. Dieser spannungsvolle Widerspruch wird bis in unsere Gegenwart auch immer Quelle von inspirierender Theologie sein und kulturelle Wirkkraft entfalten.

Donnerstag, 23. Januar, 1. Korinther 1, 26–31

Nur der Ruhm Gottes zählt

Wenn Paulus sich die Zusammensetzung der Gemeinde in Korinth ansieht, sieht er die oben genannte dialektische, scheinbar der Welt und ihrer Sicht widersprechende Kraft widergespiegelt und abgebildet. Offensichtlich überwiegen in der jungen Gemeinde Frauen, die in der damaligen Welt von keiner großen gesellschaftlichen Bedeutung sind, und offensichtlich sind gesellschaftliche Außenseiter in wirtschaftlicher und intellektueller Sicht in der Gemeinde überproportional vertreten. Diesen analytischen soziologischen Befund interpretiert Paulus als folgerichtige Entsprechung zu dem Gott, der seine Kraft in Schwachheit erweist, der seine Allmacht nicht für sich behält, sondern der sich seiner Macht scheinbar entäußert und Mensch wird in aller Konsequenz bis hin zum schmählichen Kreuzestod, um gerade so seine erlösende und befreiende Macht an allen und für alle Menschen zu erweisen. Vor einem solchen Gott verbietet sich jedwedes menschlich, irdische Renommier- und Imponiergehabe. Der einzige Ruhm, der in der christlichen Gemeinde paulinischer Prägung Raum hat, ist der Ruhm Gottes.

Freitag, 24. Januar, 1. Korinther 2, 1–9

Liebe ist Kern der Verkündigung

Auch in diesen Zeilen wird Paulus auf unnachahmliche Weise eindeutig konkret und klar. Seine Botschaft, seine Verkündigung gründen und entsprechen in Form und Inhalt der Botschaft von Gott, der Mensch wurde in Jesus, der sich kreuzigen ließ und sich in Kreuz und Auferstehung als der Gesalbte und als der Messias erwies. Diese Botschaft und diese Erlösung sind und bleiben ein Geheimnis. Dieser Botschaft ist nicht mit geschliffener und technisch ausgebuffter Rhetorik und Technik beizukommen. Auch hier wird schon deutlich, dass die in der Kirchen- und Missionsgeschichte noch aus-, aber schon bevorstehende Liaison und Partnerschaft zwischen Christentum und weltlicher Macht nicht ohne gefährlichen inhaltlichen Bedeutungsverlust der ursprünglichen Botschaft bleibt. Dabei ist und bleibt der Kern der christlichen Erkenntnis, Existenz und Verkündigung: die Liebe! Die frohe Botschaft des Evangeliums scheint nur mit dem „Auge des Herzens“ wahr- und aufgenommen werden zu können.

Samstag, 25. Januar, 1. Korinther 2, 10–16

Der Geist und die Geister

Die Größe, das Geheimnis und die Unfassbarkeit der Liebe des Gottes, aus dem der Apostel Paulus lebt und in dessen Namen er seine Mission betreibt, führen auch ihn an die Grenzen der Logik, und so erscheinen die folgenden Zeilen beinahe wie ein Ringschluss, in dem er die Frage mit der Frage zu beantworten scheint. Der hermeneutische Schlüssel ist der so schwer fassbare und auch vor Missbräuchen weder geschützte noch schützende Begriff des guten und schöpferischen, aber auch unverfügbaren Geistes. Wohlgemerkt, es scheint auch Geister der Welt zu geben, die vom Geist Gottes geschieden und zu unterscheiden sind. Weder auf Form, vielleicht nicht einmal auf Inhalt scheint es im Grunde anzukommen, sondern auf den Geist. Am richtigen, weil von Gott geschenkten Geist entscheiden sich die christliche Existenz und der Erfolg der christlich, missionarischen Predigt und Verkündigung. Gottes Sinn zu erfassen, ihn weiterzugeben, nach ihm zu leben und nach ihm zu urteilen, sind Gottes Gaben, um die wir in Gemeinschaft und in Nachfolge des Apostels Paulus nur demütig beten und bitten dürfen, können und müssen. Stefan Werdelis

Veröffentlichung der Bibellese mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"