Bibellese

Sonntag, 2. August, Psalm 139

Ein Vertrauenspsalm

Was für ein Vertrauenspsalm. Ich komme schnell ins Staunen. Wie hoch ist auch mir Gottes Allgegenwart in Raum und Zeit. Kann ich eigentlich von diesem allgegenwärtigen und auch allwissenden Gott mir mal freinehmen? Ich denke darüber nach, wie ich ihm jemals entfliehen könnte, in die Finsternis, in den Tod, oder – mit einem der schönsten Bilder der Bibel gesprochen – „nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer“, Gott wäre auch da. Ehe ich geboren wurde, hatte Gott mein Leben schon vor seinen Augen. Anfang, Mitte und Ende meines Lebens sind ihm bekannt. Und dennoch bin und bleibe ich selbstständig Handelnder – in christlicher Verantwortung versteht sich. Genau darin nehme ich Gott wahr und beginne – wie der Psalmbeter –, mich selbst an seinen Maßstäben zu prüfen. Dann bin ich wieder froh über Gottes Allgegenwart. Denn durch seine Gnade und Barmherzigkeit vergibt er mir, wo ich auf meinen Wegen danebenlag. Über diesen Gott kann ich jeden Tag nur staunen, und ich will ihm mein Vertrauen schenken.

Montag, 3. August, Markus 4, 26–29

Die Saat und Gottes Reich

Wenn Jesus über das Reich Gottes spricht, verwendet er gerne Bilder aus der Landwirtschaft. Leicht können sich in diese Bilder die Hörerinnen und Hörer hineinversetzen. So vergleicht Jesus das Reich Gottes mit einem Menschen, der die Saat ausstreut und sich dann nicht weiter darum kümmert, was mit der Saat geschieht. Ganz sorgenfrei vertraut er die Saat der Erde an. Er wirft Samen aufs Land, „schläft und steht auf, Nacht und Tag, und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie“. Wir Leser heute fragen uns vielleicht: Wann wird gedüngt, wann wird gewässert, wann wird Unkraut gejätet? Genau darin liegt die Pointe des Gleichnisses: Gottes Reich wächst nicht schneller oder besser, wenn wir uns darum Sorgen machen. Weil Gott seinen Segen dazugibt wächst es wie von selbst. Das darf uns beruhigen im Blick auf so manche leeren Kirchenbänke sonntags. Wenn wir immer nur unsere Schäfchen zählen, dann schlafen wir irgendwann ein. Trauen wir Gottes Segen doch etwas mehr zu.

Dienstag, 4. August, Markus 4, 30–34

Die Wirkung des Senfkorns

„Dem Volk auf’s Maul schauen“ – ein Zitat, das gerne Martin Luther zugeschrieben wird. So reden, dass es jeder versteht, der sich darauf einlässt, muss auch Jesus gekonnt haben. Nach dem Evangelisten Markus redet Jesus zu den Menschen so, „wie sie es zu hören vermochten“. Jesus redet den Menschen nicht nach dem Mund, nein, dazu sind seine Worte oftmals zu unbequem. Aber er spricht die Menschen an mit einer Kraft, die ihre Herzen berührt. Bildhaft und lebendig ist seine Sprache. In den Gleichnissen gelingt es ihm, seine Zuhörer zu involvieren. Seine Worte sind dem Alltag der Menschen entnommen. Wie das Senfkorn entfalten Jesu Worte große Wirkung – damals wie heute. Einige Theologen sagen, dass sich im Erzählen beziehungsweise im Hören der Gleichnisse Jesu das Reich Gottes ereignet. Sie entfalten einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Wo von Gottes Reich so gesprochen wird, dass die Menschen darin Raum haben sich wiederzufinden, da ist es heute schon angebrochen.

Mittwoch, 5. August, Markus 4, 35–41

Alles hat seine Zeit

Sie sind mitten auf dem See Genezareth. Ein Sturm zieht auf. Die Wellen schlagen ins Boot. Aber Jesus schläft – tief und fest. Fast beneiden könnte ich ihn. Trotz aller Bedrängnis, aller Sorgen, Jesus schläft. Wie oft liege ich nachts wach, wenn das Gedankenkarussell sich dreht. Jesus schläft und lässt sich selbst von den vom Sturm aufgepeitschten Wellen nicht stören. Was für ein Gottvertrauen. Später wird das noch deutlicher, nachdem die Jünger ihn geweckt haben und sich auf sein Wort hin Wind und Wellen gelegt haben. „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Es ist klar: Selbst als Glaubender habe ich unruhige Nächte. Aber Jesus will mir zeigen, dass alles seine Zeit hat. Das Schlafen, das Grübeln, das Zur-Tat-Schreiten. Wer schläft, darf darauf vertrauen, dass Gott die Wacht hält. Am nächsten Tag ist dann Zeit, sich Gedanken zu machen, was zu tun und was zu lassen ist. Und es ist genug, dass der kommende Tag seine eigene Plage hat.

Donnerstag, 6. August, Markus 5, 1–20

Der besessene Gerasener

Wer kann helfen? Traut sich überhaupt jemand? Selbst die Ketten können den besessenen Gerasener kaum bändigen. Einer, der sogar in Gräbern haust, abgeschrieben von der Welt, sich selbst hat er aufgegeben. Selbst Jesus braucht eine Weile, bis er an ihn rankommt. Aber Jesus gibt nicht auf, schreibt ihn nicht ab. Jesus weiß, wie es ist, wenn ein Mensch verzweifelt ist, so verzweifelt, dass er sich gar nicht mehr helfen lassen will. Schließlich sind die Versuche seiner Mitmenschen schon gescheitert und endeten in der Isolation. So haben sich sogar die vermeintlichen Helfer dem Dämon ergeben. Nicht aber Jesus. Er fragt den Dämon nach seinem Namen, spricht ihn an. Es scheint mir, als ob damit der Dämon, an dem der Gerasener verzweifelt, wieder in dessen Bewusstsein rückt, damit er wieder zu sich finden kann. Das, womit der Gerasener sich selbst gefangen hält – und das ist sehr viel, wie der Name „Legion“ verrät –, soll verschwinden. Es gelingt. Die Liebe, die Menschenfreundlichkeit Gottes haben gesiegt. Der Gerasener erfährt: Bei Gott ist niemand verloren, denn Jesus ringt um uns, zieht uns zu sich. Was für ein Trost.

Freitag, 7. August, Markus 5, 21–34

Die blutflüssige Frau

Wir werden hineingenommen in die Denkweise des Alten Testaments. 3. Mose 15 spricht von der Unreinheit bei Frauen und Männern. Was muss also diese Frau alles durchgemacht haben? Nicht nur durch ihre Erkrankung, vielmehr auch durch die psychische Belastung ausgelöst von gesellschaftlicher Ächtung. Damals war es üblich zu fragen, welche Schuld gegenüber Gott eine Erkrankung auslöste. Unweigerlich führte das zu Selbstzweifel der Betroffenen. Und bei all dem war es der blutflüssigen Frau verwehrt, am religiösen Leben teilzunehmen. Selbst von Gott war sie abgeschnitten. Daher verwundert es nicht, dass sie nicht offen auf Jesus zugeht. Heimlich und voller Scham nähert sich die Frau, man kann ihre verstohlenen Blicke spüren, ihre Gedanken spüren. „Soll ich, soll ich nicht?“ Allen Mut nimmt sie zusammen und ergreift im wahrsten Sinne ihre letzte Chance. Was Außenstehende vielleicht als hinterhältig abgewertet haben, das bestätigt Jesus als vorbildlich tiefes Vertrauen in die Heilungskraft Gottes.

Samstag, 8. August, Markus 5, 35–43

Die Tochter des Jairus

Zwölf Jahre litt die Frau unter Blutfluss. Zwölf Jahre alt die Tochter des Jairus, der Jesus scheinbar nicht mehr helfen konnte. Er kommt zu spät. Kein Wort der Entschuldigung, keine Beileidsbekundung, kein Ringen nach Worten. Nein! Jesus behält das Zepter in der Hand. „Fürchte dich nicht. Glaube!“, lautet Jesu Aufforderung. Und schon hört man, wie die Kritiker Jesus auslachen. Sie können oder wollen sich nicht vorstellen, was Gott alles vermag. Zu klein ist ihr Glaube , ganz anders als der Glaube der blutflüssigen Frau und des Synagogenvorstehers Jairus. Und so verbannt Jesus erst einmal allen Unglauben der anwesenden Menschenmenge aus der Nähe des Mädchens und seinen Eltern. Nur sie und seine Jünger nimmt er mit. Sie scheinen würdig zu sein, Gottes rettende Kraft mitzuerleben. Viel braucht es nicht. Keine Hand legt Jesus auf, wie der Vater sich anfangs wünschte. Ein schlichtes „Mädchen, steh auf!“ genügt. Auch uns, die wir in ihn vertrauen, wird Jesus das eines Tages sagen. Lars Stetzenbach

Veröffentlichung der Bibellese mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"