Bibellese

Sonntag, 22. Juli, Psalm 48

Machtkritik

Bei aller Begeisterung für die Schönheit und Würde der Stadt Jerusalem enthält dieser Psalm eine radikale Kritik weltlicher Pracht und Macht. Jerusalem gibt dem Gottesvolk Schutz, nicht weil seine Mauern so stark und die Gebäude so gewaltig sind, sondern weil Gott dort anwesend ist. Er könnte sein Volk auch in ärmlichen Hütten beschützen. Im biblischen Glauben gibt es keine „heiligen Orte“. Der „Gottesberg hoch im Norden“ ist eine Vorstellung aus der heidnischen Umwelt der Israeliten. Irgendwo am Ende der Welt soll ein kosmisches Machtzentrum liegen. Der biblische Glaube hat dafür letztlich nur Verachtung übrig. Jede kleine Kammer kann Ort der Sicherheit und des Schutzes werden, wenn Gott dort gegenwärtig ist. In der Geschichte Israels genügte Gott ein Zelt, um mit seinem Volk unterwegs zu sein. Es gibt keine Stelle auf der Erde, die Gott unbekannt wäre. Kriterium seiner Gegenwart sind das Recht und die Achtung auch und gerade der Schwachen.

Montag, 23. Juli, Johannes 6, 28–40

Himmlisches Brot

Das Johannesevangelium berichtet im Unterschied zu den drei anderen Evangelien nicht davon, dass Jesus mit den Jüngern vor der Kreuzigung noch das Passamahl gefeiert hat. Bei Johannes wird Jesus bereits am Rüsttag auf das Passafest gekreuzigt, zu der Stunde, wo im Tempel die Lämmer geschlachtet werden. Jesus stirbt als das wahre Passalamm. Stoff für eine ausgefeilte Abendmahlstheologie bietet Johannes somit sehr wohl. Besonders betont er, dass es allein auf den Glauben ankommt. Das göttliche Brot, das aus dem Himmel auf die Erde kommt und ewiges Leben gibt, wird im Glauben angeeignet. „Brot“ ist hier ein Symbol für Lebenskraft, „Hunger“ und „Durst“ werden spirituell verstanden als bedürftige Lebenszustände. Wer an Jesus als Gottes Sohn glaubt, wird gute Werke tun. Die Eingangsfrage, wie Menschen im Tun gerecht werden können, ist in der Einladung zum Glauben aufgehoben.

Dienstag, 24. Juli, Johannes 6, 41–59

Der Kern des Konflikts

Jesu Fleisch essen und sein Blut trinken, das ist bei Johannes als starker Ausdruck des Eins-Werdens im Glauben zu verstehen. Wer glaubt, dass in Jesus das ewige Leben liegt, wird sozusagen „ganz Jesus“. Ginge es hier im physischen Sinn um den Verzehr von Fleisch und Blut, so hätten Jesu jüdische Gesprächspartner an der Zumutung, Blut trinken zu sollen, massiv Anstoß genommen, denn in der jüdischen Tradition ist der Verzehr von Blut strikt verboten. Jesu Gesprächspartner sind zwar durchaus auf Konflikt aus, doch verstehen sie die Botschaft richtig: Es geht um Jesu Herkunft vom göttlichen Vater und seine darin begründete Kraft. Davon fühlen sie sich provoziert. Der Streit hat seinen wahren Gegenstand gefunden: Im Glauben an Jesus als Gottes Sohn liegt das Heil. Billiger kommt man nicht zu Gott. Jesus nur als Beispiel eines guten Erdenlebens zu nehmen, verfehlte die Botschaft des Evangeliums. Treffend wird das im Anschluss als „harte Rede“ charakterisiert.

Mittwoch, 25. Juli, Johannes 6, 60–71

Judas – das Geheimnis

Judas, der „Teufel“ und „Verräter“, ist im Neuen Testament ein Geheimnis. Immer wieder lädt er zum Nachdenken ein, um vorgefasste Meinungen infrage zu stellen. Was soll Judas verraten haben? Jesu Lehre war öffentlich bekannt, sein Aufenthaltsort genauso, zur Verhaftung bedurfte es keines Geheimtipps. Wurde in der Figur des Judas womöglich eine Art Sündenbock geschaffen, ein Feindbild, erzeugt aus Spannungen in der frühen Christengemeinde? Wichtig ist, dass im griechischen Originaltext der „Verrat“ des Judas mit derselben Vokabel bezeichnet wird wie das, was Gott am Kreuz mit Jesus tut: „Dahingeben!“ Die gewöhnlich als urböse gedeutete Tat eines Menschen liegt ganz nahe bei Gottes höchster Liebestat. Einmal mehr wird hier deutlich, dass die Bibel kein schlichtes Lehrbuch ist, sondern ständige Herausforderung des Glaubens. Wie es in diesem Abschnitt heißt, macht das Fleisch nicht lebendig – und der bloße Buchstabe auch nicht. Es kommt auf den Geist Gottes an, der den Glauben weckt und erhält. Klaus Beckmann

Donnerstag, 26. Juli, Johannes 7, 1–13

Vor dem Laubhüttenfest

Die Kapitel 7 bis 10 sind eine Einheit, sie handeln vom dritten Aufenthalt Jesu in Jerusalem vom Laubhütten- bis zum Tempelfest. Unser Abschnitt ist wie ein Vorwort. Das Laubhüttenfest wird als Fest der Juden bezeichnet, ein Hinweis darauf, dass die johanneische Gemeinde nicht mehr zur jüdischen Kerngemeinde gehört. Im 1. Jahrhundert war das Laubhüttenfest ein zentrales Fest, das im September oder Oktober gefeiert wurde. Es ist eins der drei Pilgerfeste. Ursprünglich ein Erntefest, an dem Hütten in Weinbergen und Obstgärten gebaut wurden, wurde es dann auch heilsgeschichtlich als Erinnerung an den Schutz Gottes in der Wüste verstanden. Jesus und seine Lehre wird von den Brüdern, der wankelmütigen Volksmenge und den Juden abgelehnt, seine Botschaft nicht verstanden. Kontrovers geht es um die Identität Jesu. Die Gesprächspartner gehören zur „Welt“. Jesus unterwirft sich nicht den Bedingungen der Welt, wenn er nach Jerusalem – zum Kreuz – geht. Er offenbart sich nicht so, wie es erwartet wird, sondern folgt inkognito dem Plan Gottes.

Freitag, 27. Juli, Johannes 7, 14–24

In der Mitte des Festes

In der Mitte, am vierten Tag des Festes, gibt Jesus sein Inkognito auf und lehrt öffentlich im Tempel. Seine Befähigung zur Lehre wird angezweifelt. Er habe keine Ausbildung zum Schriftgelehrten. Aber Jesus ist unabhängig von menschlichen Autoritäten. Gott ist Garant seiner Lehre – keine menschlichen Gewährsleute. Indem er gehorsam den Willen Gottes angenommen hat, hat er das Angesicht Gottes entdeckt. Dieser Glaube befähigt ihn, das Wort der Schrift zu verstehen und ist die Bedingung dafür, den Anspruch Jesu annehmen zu können. Jesus ist ein Bote, der seine Autorität nicht aus sich selbst bezieht, sondern von dem, der ihn gesandt hat. Er stellt heraus, wie er als von Gott befähigter Lehrer das Gesetz Mose auslegt. Er nimmt die Auseinandersetzung um die Heilung am Teich von Bethesda (Kapitel 5) an einem Sabbat auf und macht deutlich, dass er im Namen Gottes und in Übereinstimmung mit der Tora, also dem Gebetsbuch der Juden, handelt. Wenn es erlaubt ist, einen Menschen am Sabbat zu beschneiden und ins Volk aufzunehmen, warum wird er angefeindet, warum wird ihm unterstellt, von einem Dämon besessen zu sein, wenn er einen Menschen in seiner Ganzheit gesund macht?

Samstag, 28. Juli, Johannes 7, 25–39

Auf dem Höhepunkt des Festes

In Jerusalem Ansässige melden sich zu Wort. Sie wissen von den Absichten, Jesus gefangen zu nehmen und ihn zu töten. Wie kann Jesus trotzdem öffentlich im Tempel predigen? Liegt es etwa daran, dass die Oberen Jesus jetzt doch als Messias anerkennen, obwohl seine Herkunft aus Galiläa bekannt ist? Jesus antwortet, indem er auf seine Sendung verweist. Er ist von Gott gesandt und auf dem Weg zu ihm. Viele glauben an Jesus, darauf reagieren die Pharisäer und Schriftgelehrten mit der Absicht, ihn festzunehmen. Jesus antwortet, indem er auf seinen bevorstehenden Tod hinweist: „noch kurze Zeit bin ich bei euch!“, und ankündigt, zu dem zurückzukehren, der ihn gesandt hat. Sein Tod wird also keine Niederlage, sondern Erfüllung sein. Die Juden, diejenigen die nicht glauben, sind hier gemeint, verstehen ihn nicht. Sie überlegen, was Jesus wohl meinen könnte. Will er unter den Juden in der Diaspora für seine Lehre werben? Es herrscht eine große Ratlosigkeit. Am letzten Tag des Festes, an dem die Priester begleitet von Pilgern Wasser aus dem Teich Siloah schöpfen und den Tempel besprengen, tritt Jesus noch einmal auf. Das lebendige Wasser, das in der Wüste floss, das aus der Tempelquelle floss, ist in einer Person zu haben. Jesus ist der Lebensquell. Aber erst nach Ostern, nach Kreuz und Auferstehung wird der Heilige Geist dies offenbaren. Ludger Mandelbaum

Veröffentlichung der Bibellese mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"