Bibellese

Sonntag, 25. Oktober, Psalm 119, 129–136

Gottes Wort ist Weisung und Wunder

Israel hat in seiner Geschichte die Begleitung durch Gott immer wieder als Wunder erfahren. Dazu gehören zum einen die geschichtlichen Ereignisse wie die Befreiung aus Ägypten und die Besiedlung neuen Lands. Zum anderen aber wird auch die Offenbarung des Wortes Gottes selbst als Wunder erlebt. Für den Psalmbeter führt diese Erfahrung in ein Lob und ein Bekenntnis zugleich. Für ihn kommt ein Verlassen von Gottes Gebot nicht infrage. Dass der Unverständige durch die Erkenntnis von Gottes Offenbarung weise werden kann, darf als weiteres Wunder gesehen werden. Der Zuwendung Gottes zum Menschen entspricht als Antwort, dass der Mensch an Weisungen Gottes festhält. Dazu braucht er aber wiederum Gottes Hilfe. Darum bittet der Beter. Denn der Mensch wird sich aus eigenem Antrieb nicht an Gottes Gebot halten und es in seinem Kern auch nicht verstehen können. Dabei geht es nicht in erster Linie um Gelehrsamkeit, sondern um das Verstehen mit dem Herzen. Lässt Gott sein Licht nicht über mir leuchten, wird mir auch sein Wort verborgen bleiben.

Montag, 26. Oktober, Jeremia 23, 16–32

Schönredner schaden den Menschen

Falsche Propheten waren zur Zeit Jeremias offenbar ein großes Problem. Aber was macht sie zu falschen Propheten? Ihr Lebenswandel spielt hier keine Rolle. Vielmehr sind sie bequeme Schönredner! Sie reden, was die Hörer hören wollen: dass alles in Ordnung sei und sie keine Sorgen vor der Zukunft haben müssen. Was sie sagen, ist ihrer Fantasie entsprungen, aber kein echtes prophetisches Wort, das aufrüttelt. Ist es Zufall, dass Jeremia sich selbst wohl nie als Prophet bezeichnet? Es war für ihn nie bequem. Er hat viel in Kauf genommen und persönliche Entbehrungen ertragen, um seinem Auftrag treu zu bleiben. Kriterien sind für ihn die Treue zu dem einen Gott und der Glaube, dass Gott jederzeit Geschichte gestaltet, Treue segnet und Untreue heimsucht. Belanglos sind dagegen folgenlose Sonntagsreden falscher Tröster, die von den Menschen in ihrer trägen Bequemlichkeit so gerne gehört werden. Vielmehr sind die Zeichen der Zeit ohne Beschönigung zu deuten und die Menschen zur Umkehr aufzurufen.

Dienstag, 27. Oktober, Jeremia 25, 1–14

Die Prophetie erfüllt sich

An einem weltgeschichtlichen Wendepunkt zieht Jeremia eine Zwischenbilanz seiner Verkündigung. Das von ihm seit vielen Jahren angekündigte Unglück steht vor der Tür. Der babylonische Herrscher Nebukadnezar hat den Ägyptern die Vorherrschaft im Vorderen Orient genommen und stellt nun die entscheidende Bedrohungsmacht für Juda dar. Nun wird klar, wen Jeremia mit dem Feind aus dem Norden meinte, der die aus dem Süden kommenden Ägypter besiegt und das Strafgericht an dem Gott untreu gewordenen Israel zu vollziehen droht. Der Fremdherrscher wird als „Knecht Gottes“ tituliert, denn er führt eine Handlung aus, die Gott für sein Volk vorgesehen hat. So ist der neue ­Machthaber selbst nur eine Figur in der Hand Gottes – das Ergehen Israels daher nicht Schicksal, sondern von Gott gelenkt. Den so ausgeübten „Bann“, das heißt die Ausmerzung des Volks aus dem Land, haben einst die Israeliten an den Kanaanäern vollzogen, als sie das Land einnahmen. So wird Israel wieder auf den heimatlosen Zustand vor der Besiedlung des Lands zurückgeworfen. Harry Albrecht

Mittwoch, 28. Oktober, Jeremia 26, 1–19

Die Passion des Jeremia

Mit diesem Kapitel beginnt ein neuer Abschnitt in der Darstellung von Jeremias Wirksamkeit. Viel mehr als in den Kapiteln zuvor dreht sich alles um Jeremia und seine Leidensgeschichte, seine Passionsgeschichte. Hier scheint das Schicksal, die Zukunft, noch ansatzweise offen, eine Entscheidung ist noch möglich. Gott lässt durch den Propheten Jeremia dem Volk mitteilen: Sagt, wie wollt ihr euch verhalten? Welchen Weg wollt ihr gehen? Wollt ihr Gottes Weg folgen oder eurem eigenen Wollen? Beides ist denkbar. Doch die Konsequenzen werden offengelegt. Der Überbringer dieser unbequemen Botschaft, Jeremia, wird sogleich mit dem Tode bedroht. Diese Botschaft will niemand hören. Jeremia gibt zu bedenken, von Gott gesandt zu sein. Die Oberen erinnern sich an einen früheren Propheten mit ähnlicher Botschaft und legen ein gutes Wort für ihn ein. Und wir? Welche Botschaft hören wir aus Jeremias Worten in unserer Zeit? Wie sehen die klaren Konsequenzen aus für das Leben auf der Erde, wenn wir unserem bisherigen Lebensstil unverändert folgen?

Donnerstag, 29. Oktober, Jeremia 27, 1–22

Das Joch als prophetisches Zeichen

Eine verrückte Welt: Jeremia muss sich auf Gottes Geheiß ein Joch umhängen und es tragen, damit alle es sehen. Ein Joch, wie ein Rindvieh, das Lasten zieht. Was soll das bedeuten? Gott setzt damit ein Zeichen für den König von Juda und seine Verbündeten: So wird es euch allen gehen! Ihr werdet unterjocht unter den Feind, den König von Babel, Nebukadnezar. Das geschieht im Namen Gottes. Eine herbe Botschaft ist das – im Namen Gottes. Das ist kein harmloses, frommes, nettes Wort, kein stärkendes Zeichen. Wer möchte da nicht viel lieber den freundlichen Heilspropheten glauben, die das für übertrieben halten? Nein, sagen sie, so schlimm kommt es nicht. Es wird nichts so heiß gegessen wie gekocht. „Alles gut, alles gut.“ Gar nichts ist gut. Jeremia hat eine befremdliche, verstörende Botschaft: Die Deportation wird kommen. Nichts wird bleiben, wie es ist. Darauf können sich alle einstellen. Es gibt kein Entrinnen. Es gibt nichts anderes zu verkündigen im Namen des Herrn. Gott sei’s geklagt! Immerhin: Gott, der Herr, gibt einen Ausblick über diese Zeit hinaus, der hoffen lässt.

Freitag, 30. Oktober, Jeremia 28, 1–17

Jeremia und Hananja

Es steht Prophet Hananja gegen Prophet Jeremia. Es steht die Ankündigung einer besseren Zeit gegen die Ankündigung des Unheils. Beide berufen sich auf Gott selbst. Doch wer ist der rechte Prophet, wer der falsche? Die Unterscheidung der Geister hat immer wieder zu großen Auseinandersetzungen geführt, bis in die Gegenwart. Gut, wenn diese Auseinandersetzung geführt wird. Natürlich möchten alle, das Volk und die Herrschenden, lieber die angenehme Botschaft hören. Derzeit geht es um die Fragen unserer Zukunft. Wie steht es um die Erwärmung der Erde, die lange geleugnet wurde? Falsche Propheten gibt es weiterhin zuhauf. Wie kann es weitergehen? Wie bisher sicher nicht! Der falsche Prophet zerbricht das hölzerne Joch von Jeremia, als sei damit die drohende Unterjochung abgewendet. Und Jeremia? Er geht zunächst davon. Doch er kommt zurück, gestärkt mit Gottes Wort: Er entlarvt Hananja als Lügenprophet, der die Menschen in falscher Sicherheit wiegt. Das hölzerne Joch ist weg, doch das Volk wird stattdessen ein Joch aus Eisen zu tragen haben, ein leidvolles Joch.

Samstag, 31. Oktober, Jeremia 29, 1–14

Zum Wohl der neuen Heimat

Das Unheil ist eingetreten, das ganze Volk ist deportiert, zwangsumgesiedelt nach Babylon. Jeremia bleibt in Jerusalem. Im Namen Gottes sendet er einen ermutigenden, tröstenden Brief an die Deportierten. Was ist der Inhalt? Zunächst einmal ist die Realität zu akzeptieren: Ihr seid nun dort. Wie sollen sie nun dort in der Fremde ihr Leben gestalten? Jeremia schreibt so: Lebt dort mit euren Familien und nehmt am Leben teil, baut Häuser, richtet euch so ein, dass ihr über lange Zeit dort leben könnt. Bringt euch ein, sucht Gemeinschaft mit den Menschen, die dort leben, bringt euch ein in das Gemeinwesen. Gut, wenn das möglich ist. Nicht immer werden Menschen aus anderen Ländern gerne gesehen am neuen Ort. Doch das Wohl der neuen Heimat soll das Ziel sein. „Suchet der Stadt Bestes.“ Es ist, wie es ist. Jeremia überbringt eine erste Ansage des Heils: Gott hegt Gedanken des Friedens für sein Volk. Ja, es kann eine gute Zukunft geben. „Wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.“ Gudrun Herzer

Veröffentlichung der Bibellese mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"