Bibellese

Sonntag, 24. Mai, Psalm 131

In Stille vor Gott

Der Psalmbeter vergewissert sich seines eigenen Standpunkts, um sich selbst zu prüfen, ob er für Gottes Stimme und Gottes Zuspruch empfänglich ist. Nach solcher Selbstprüfung kann er sagen: „Herr, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz.“ Das Gegenteil von „hoffärtig“ kann „bescheiden“ sein. Das Gegenteil von „stolz“ kann „demütig“ sein. Bescheidenheit und Demut sind Tugenden, mit denen der endliche Mensch vor den unendlichen Gott treten kann, um sich von seiner Heiligkeit berühren zu lassen. Die existenzielle Begegnung mit dem Heiligen vermag den Menschen zu faszinieren und ins Licht zu heben. Oder ihn zu erschüttern und ihm dabei seine eigene Bedeutungslosigkeit vor Augen zu führen. In Ehrfurcht vor dem Allmächtigen lässt der Psalmbeter seine „Seele still und ruhig werden, wie ein kleines Kind bei seiner Mutter“. Eine ruhige Seele ist ein wertvolles Gut. Denn eine unruhige Seele kann einen Menschen so aus dem Gleichgewicht bringen, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.

Montag, 25. Mai, 1. Timotheus 6, 11–16

Wiederkunft Christi

Paulus fordert Timotheus auf, den „guten Kampf des Glaubens“ zu kämpfen, um untadelig zu sein bis zur Wiederkunft Jesu Christi. Aber wie können wir das verstehen – den guten Kampf des Glaubens? Manchmal, da kämpfen wir ja mit uns selbst, wenn wir angesichts von herber Enttäuschung oder schwerer Krankheit mit unserem Glauben ringen. Andererseits kann gerade in Krisensituationen der Glaube eine Stütze sein in der Erfahrung: Wenn auch so manches wegbricht, auf Gott aber darf ich stets vertrauen. Er ist Halt in schwerer Zeit. In unserem Text wird die Motivation zu Gerechtigkeit und Frömmigkeit, zu Liebe und Geduld abgeleitet aus der Hoffnung auf die Wiederkunft Christi und dem damit erwarteten Heil. Diese Hoffnung war Mitte des 1. Jahrhunderts verbreitet. Jesus selbst teilte die Erwartung des Endes der Welt. Der Kosmos werde in sich zerfallen, und „dann werden sie sehen den Menschensohn kommen in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit“ (Markus 13, 26). Wenn sich auch diese Erwartung nicht erfüllte, so ist die Hoffnung auf jenseitige Herrlichkeit doch in vielen Christen lebendig.

Dienstag, 26. Mai, 1. Timotheus 6, 17–21

Bereitschaft zum Teilen

Nach der Verkündigung der Wiederkunft Christi wendet sich Paulus wieder dem Diesseitigen zu, indem er erneut die „Reichen dieser Welt“ thematisiert. Anders aber als zuvor, da er mit dem Streben nach Reichtum „Verderben und Verdammnis“ einher denkt, sieht er nun in den „Reichen“ das Potenzial, dass sie Gutes tun, gerne geben, zum Teilen bereit sind und sich selbst einen Schatz sammeln als guten Grund für die Zukunft. Damit wird deutlich: Reichtum an sich ist kein Übel. Zum Übel wird er, wenn er mit Egoismus und Gier verbunden ist. Zum Segen kann er werden, wenn er durch Großherzigkeit und Nächstenliebe Gutes wirkt. In der Bereitschaft des Teilens wird der Teilende nicht ärmer, sondern reicher, weil er Achtung und Anerkennung erntet und Teil hat an neu entstandener Gemeinschaft. Im Schlussteil dieses Briefs schwört Paulus den Timotheus nochmal ein, zu bewahren, was er ihm anvertraut hat, und „Geschwätz“ und „Gezänk“ zu vermeiden. Denn von denen, die andere Ansichten vertreten, sagt Paulus, dass sie „vom Glauben abgeirrt seien“.

Mittwoch, 27. Mai, 2. Timotheus 1, 1–12

Liebe statt Furcht

In der Anrede seines zweiten Briefs an Timotheus nennt Paulus ihn „mein geliebtes Kind“. Über dessen Alter sagt dies aber nichts aus. Und darüber erfahren wir auch nichts. Paulus erinnert Timotheus an dessen Gabe der Handauflegung. Sie wird als Medium verstanden, um den Geist Gottes und seinen Segen weiterzugeben. Bekannt ist uns dieses Ritual der Handauflegung durch die Einsegnung anlässlich der Konfirmation. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Furcht ist allzu menschlich. Und manchmal allzu verständlich. Wer sich seiner Furcht aber dauerhaft überlässt, wird mutlos und tatenlos und freudlos. Gott, der unserem Geist mit seinem Geist erfüllen will, weckt in uns die Kraft der Zuversicht. Und er lässt uns etwas von seiner Liebe erfahren, indem wir uns der Kraft des Himmels öffnen, sie empfangen und weitergeben. Die Bedingung der Möglichkeit dazu geschieht durch Christus. der dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Donnerstag, 28. Mai, 2. Timotheus 1, 13–18

Ermahnung und Klage

Paulus rät dem Timotheus, sich zu halten „an das Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast im Glauben und in der Liebe in Christus“. Vielleicht meint Paulus damit die vorigen Worte, dass Christus „dem Tod die Macht genommen“ hat um seinen Gefährten zu trösten. Denn, wer den Tod nicht fürchtet, der braucht überhaupt nichts zu fürchten und kann sich frei fühlen selbst in Gefahr. Paulus fährt fort mit seiner Klage, „dass sich von mir abgewandt haben alle, die in der Provinz Asia sind“. Asia befindet sich im Bereich der heutigen Türkei. Warum, so mögen wir fragen, haben sich die Menschen in Asia von Paulus abgewandt? War er zu autoritär aufgetreten? Bestritt man seine Kompetenz als „Apostel“? Oder hielt man ihn – wie es die Athener taten – für einen Schwätzer? In besonderer Weise bittet Paulus für einen gewissen Onesiphoros, dem er dankt für das, was er in Ephesus geleistet hat, und dafür, dass selbiger ihn in Rom besucht hat.

Freitag, 29. Mai, 2. Timotheus 2, 1–13

Dulden und Herrschen

In diesem Text begegnet uns militante Sprache. Timotheus wird von Paulus aufgefordert, „ein guter Streiter Christi Jesu“ zu sein. Danach begegnen uns Begriffe wie „Krieg“, „Wettkampf“, „Siegerkranz“. Wie muss sich Timotheus vorkommen, wenn er von Paulus gedrängt wird, in den Krieg des Glaubens zu ziehen, wo ihm Skepsis, Argwohn und Feindschaft begegnen. Bei solcher Zumutung klingt es ja schon fast zynisch, die Auferstehung Christi als Motivation anzuführen. Paulus betont einmal mehr sein eigenes Leiden. Er sei „gebunden wie ein Übeltäter“. Aber er dulde alles, um der Auserwählten willen, auf dass auch sie die Seligkeit erlangen. Aber, woher will Paulus wissen, wer auserwählt ist? Und, meint Paulus, er könne mit seinem Dulden die Seligkeit für andere erwirken? Aus seinem eigenen Leiden macht er eine Tugend, weil er solches Leiden als persönlichen Bußgang für seine frühere Saulus-Existenz versteht. Und er verklärt sein Leiden mit der Hoffnung auf jenseitiges Heil: „Sind wir mit gestorben, so werden wir mit leben; dulden wir, so werden wir herrschen.“

Samstag, 30. Mai, 2. Timotheus 2, 14–26

Der Herr kennt die Seinen

In der Gemeinde in Ephesus, wo Timotheus wirkt, gibt es Streit. Darum soll sich Timotheus von „ungeistlichem losem Geschwätz“ fernhalten. Paulus nennt dabei den Hymenäus und den Philetus, „die von der Wahrheit abgeirrt sind“. Der Herr aber „kennt die Seinen“. Aber nur Gott, der Herr, kennt die Seinen! Weder Paulus noch sonst jemand darf ein Urteil darüber fällen, wer zu den Seinen gehört und wer nicht. Aus den Evangelien geht hervor, dass Jesus einem reuigen Sünder nähersteht als einem Selbstgerechten. Paulus gebraucht das Bild von Gefäßen und unterscheidet dabei zwischen goldenen und silbernen einerseits und hölzernen und irdenen andererseits. Aber, welcher Mensch ist dabei welcher Art von Gefäß zuzuordnen? Selbstkritik und Besonnenheit sind Tugenden, die es uns verbieten, die einen zu den Guten und die anderen zu den Schlechten zu zählen. Offenbar verträgt Paulus in seinem Missionseifer keine Kritik. Darum rät er Timotheus, „die törichten und ungezogenen Fragen“ zurückzuweisen. Vielleicht verhelfe Gott ja doch noch den „Widerspenstigen“ aus der Verstrickung des Teufels. Dieter Leppla

Veröffentlichung der Bibellese mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"