Glaube und Leben

Andacht zum zweiten Advent

Der Sinn liegt im Ziel

von Pfarrer Martin Anefeld

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: Wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Lukas 21, 25–33

Durchschnittlich 374 Tage verbringt der Mensch mit Warten: an der Ampel und am Automaten, im Bahnhof, Flughafen und Stau, beim Arzt, an der Kasse. Da tut sich nichts, man erlebt nichts. Noch nicht einmal als Erholungspause taugt dieses Warten. Zeitvergeudung. Erfüllte Zeit sieht anders aus.

Warten kann heutzutage fast niemand mehr. Warten kann nur, wer Zeit hat, und wer hat die heutzutage noch?

Zuganschlüsse müssen im Minutentakt ineinandergreifen, sonst hagelt es Beschwerden. Erdbeeren müssen jederzeit verfügbar sein, koste es, was es wolle, und schmecke es, wie es wolle. Und Lebkuchen und Nikoläuse: Sind die nicht schon seit September zu haben? Warten muss man können, es ist eine Kunst. In der Adventszeit ist Warten das Eigentliche. Warten auf den, der kommen soll, um die Welt zu verwandeln.

Das Paradoxe ist, dass sich dieses Warten bereits erfüllt hat und zugleich noch aussteht. Wir warten im Advent auf die Ankunft des Gottessohns. Das ist bereits geschehen, der wurde uns geboren, der hat bereits das Wort der Versöhnung unter uns aufgerichtet.

Und wir warten auf die Wiederkunft des Menschensohns. Das muss noch geschehen: die Erlösung der ganzen Schöpfung, wo Himmel und Erde vergehen, wo endlich die Worte bestehen, die von Gott kommen, wo endlich Gott alles in allem sein wird, wo Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen, wo Gott alle Tränen von ihren Augen abwischen und der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz. Wir warten auf Gottes Reich.

Ich weiß nicht, inwiefern dieses Warten überhaupt eine Rolle unter uns spielt. Schon das „Warten aufs Christkind“ gibt es kaum mehr. Advent und Weihnachten werden in einen Topf geworfen und vermischt. Die meisten Kinder wissen längst, was für sie unterm Weihnachtsbaum liegt. Und Warten auf die Wiederkunft des „Christ-Mannes“? Warten auf Gottes Reich? Wir bitten in jedem Vaterunser darum, dass es kommt. Aber sehnlich darauf warten?

Die ersten Christengemeinden haben wirklich gewartet. Leidenschaftlich haben sie gehofft, dass Christus wiederkommt, um sein Reich zu vollenden. Sie haben damit gerechnet, dass dies noch zu ihren Lebzeiten geschehen würde. Aber es geschah nichts. Die Wiederkunft Christi zögerte sich hinaus, immer wieder. Unheil und Leid waren immer noch da und trieben die Menschen in die Verzweiflung.

Die einen sagten dann: Es ist sinnlos, weiter zu warten, Zeitverschwendung, und wendeten sich ab. Und es gab die anderen. Die konnten nicht glauben, dass ihr Warten und Hoffen vergebens sei. Sie versuchten zu verstehen, wie beides, das große Leiden in der Welt und die große Zukunft Gottes, zusammengehören könnten. Und sie kamen zu der Erkenntnis: Ja, diese Welt muss durch ihren Untergang hindurch, bis Gott eine völlig neue Welt schafft.

Die Bilder, die Lukas wählt, haben Menschen immer schon dazu verleitet, die Zeichen der Zeit so zu deuten, als ob es jetzt endlich so weit sei: Zeichen an Sonne, Mond und Sternen, Brausen und Wogen des Meeres, Krieg, Terror, Hungersnöte, Erdbeben, Überschwemmungen … Und alle haben sich bis heute verrechnet. Es gibt keinen Fahrplan für das Ende der Welt. Wie die Wehen eine schwangere Frau überfallen, wie ein Dieb in der Nacht, so kommt das Reich, weiß die Bibel an anderer Stelle.

Kann sein, dass uns diese Auskunft nicht reicht. Wir wollen wissen, wie lange wir warten müssen. Wir wollen wissen, wann der Zug abfährt. Darum machen wir ja Fahrpläne, um ihn nicht zu verpassen, um dabei zu sein, wenn es losgeht, die Häupter zu erheben, weil sich die Erlösung naht. Aber auf die Frage „Wann ist es so weit?“ gibt es nur eine Antwort „Dann, wenn Gott es tut.“

Warten auf das Reich Gottes tut wohl niemand mehr so inständig. Aber die Sehnsucht ist noch da, die Sehnsucht, dass das alles, was wir erleben und erleiden müssen, einmal ein Ende hat. Diese Sehnsucht packt uns gerade in diesen Adventswochen, wo es auf Weihnachten – „das Fest der Liebe“ – zugeht: Sehnsucht, Warten, dass es besser wird.

Der Sinn des Wartens liegt im Ziel. Wer den Sommer nicht abwarten kann und das ganze Jahr Erdbeeren kauft, wird nie das Hochgefühl erleben, wenn man die erste Erdbeere des Jahres im Mund zergehen lässt. Wer nicht damit rechnet, dass Gott einst eine neue Welt schafft, dem wird diese Welt einerlei.

Aus Wartestillstand wird Haltung. Aus dem scheinbar Untätigen wird eine Tätigkeit. Aus Warten wird Erwartung, Vorgeschmack, Vorfreude, Gespanntheit, Neugier, aktive Mithilfe auf das hin, was kommt. Das ist keine leere, verschwendete Zeit, das ist erfüllte Zeit.

Martin Anefeld ist Pfarrer in Nußdorf im Kirchen­bezirk Landau und Landesobmann für die Bläserarbeit in der Pfalz.

Gebet

Wir warten dein, o Gottes Sohn, und lieben dein Erscheinen. Wir wissen dich auf deinem Thron und nennen uns die deinen. Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt und siehet dir entgegen; du kommst uns ja zum Segen. Amen. (EG 152, 1)

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"