Glaube und Leben

Andacht zum Sonntag Reminiszere

Das Prinzip der Liebe

von Pfarrer Matthias Strickler

Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

Johannes 3, 14–21

Das Prinzip der Gegenseitigkeit bestimmt unser menschliches Leben und Handeln. Ich gebe jemandem etwas und erwarte doch gleich von meinem Gegenüber eine entsprechende Gegenleistung. Verträge basieren auf diesem Grundsatz, wie beispielsweise der Mietvertrag, der Darlehensvertrag oder der Arbeitsvertrag. Auch im alltäglichen Bereich von Bildung und Erziehung kennen wir diesen Grundsatz. Je nach Verhalten und Mitarbeit gibt es eine gute oder eine weniger gute Bewertung. Das schulische Notensystem läuft ebenfalls nach diesem Muster ab.

Das Prinzip von Leistung und Gegenleistung stößt aber dort an Grenzen, wo es um den Menschen geht. Das Berechnen, das Abrechnen hat keinen Platz, wo Menschen als Liebende miteinander umgehen. In zwischenmenschlichen Beziehungen, die von wahrer Freundschaft und Liebe geprägt sind, stehen nicht das Berechnen und Abrechnen im Mittelpunkt, sondern das Schenken und beschenkt Werden auf vielfältige Weise.

Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin und über mein eigenes Verhalten vor allem gegenüber meinen Mitmenschen nachdenke, merke ich, wie vielleicht mein schlechtes Gewissen mich umtreibt, mich innerlich unruhig macht. Für gläubige Menschen kommt Gott ins Spiel. Er will nicht, dass ich mich auf immer in Selbstvorwürfen quäle. Gott will mich, ohne Gegenleistung, aus Liebe und Gnade beschenken. Er handelt nicht nach dem Prinzip von Leistung und Gegenleistung, sondern nach dem Prinzip der Liebe. „So sehr hat Gott die Welt geliebt …“ Ja, Gott liebt diese Welt mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Wie oft wurde in der Vergangenheit die Welt verteufelt, in ihr fast nur Schlechtes gesehen. Wie oft haben Christen, hat die Kirche die Flucht von der Welt gepredigt, weil sie angeblich böse ist.

„So sehr hat Gott die Welt geliebt“, dass er selbst als Mensch unter uns Menschen kam und so die Liebe unter uns Wirklichkeit werden ließ in Jesus Christus. Nicht die Welt ist böse oder schlecht. Das Böse entsteht, wenn der Mensch die Welt mit ihren vielfältigen Möglichkeiten nicht nach Gottes Geboten braucht, sondern seinen Egoismen freien Lauf lässt zum Nachteil für die Umwelt und unsere Mitgeschöpfe. So führt der zunehmend unverantwortliche und gedankenlose Umgang des Menschen mit den Ressourcen der Erde dazu, dass wir unsere eigenen und die Lebensgrundlagen anderer Menschen in fernen Ländern zerstören.

Wenn ich in meinem Herzen einen Menschen richte und verurteile, dann entsteht das Böse in der Welt. Gott hingegen kann gar nicht – wie wir es tun – Böses mit Bösem vergelten. Er vergilt Böses mit Gnade und Erbarmen. Er erwartet aber auch von uns, dass wir erbarmend mit anderen umgehen. Wenn Gott richtet, dann bedeutet das, dass er etwas recht machen, dass er etwas in Ordnung bringen will. Gott handelt sozusagen wie ein Baumeister, der das wieder aufbaut, was der Mensch zerstört hat. Genau das ist gemeint, wenn wir sagen: Gott will das Heil der Menschen. Gott will für die Menschen kein Unheil. Er will heil machen, aufrichten und stärken.

Aus Gnade sind wir gerettet, sagt Paulus. Als von Gott Beschenkte sind wir befähigt, nach Gottes Prinzip zu handeln, damit auch durch uns das Gute sich ausbreitet. Auch wir sind Menschen der Gnade, wenn wir andere nicht richten, sondern aufrichten und heilen, wenn wir anderen zum Leben verhelfen und Freude am Leben schenken.

Und wie kann dies aussehen? Indem wir nicht nur einseitig an uns selbst denken, immer nur unseren eigenen Vorteil in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen, sondern vor allem unseren Nächsten im Blick haben, der aus unterschiedlichsten Gründen nicht mithalten kann in einer Gesellschaft, in der die Starken, die Lauten, die Reichen und Mächtigen sich durchsetzen. Hier gilt es, nach dem Vorbild Jesu zu handeln, sich den Schwachen und an den Rand unserer Gesellschaft Gedrängten zuzuwenden, sie zu unterstützen, sie aufzurichten und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen. Auf diese Weise erfüllen wir den Willen Gottes, der zum Ziel das Leben hat.

„So sehr hat Gott die Welt geliebt.“ Uns sind ganz persönlich diese Worte gegeben, damit wir sie immer wieder neu hören, ihre Tiefe ahnen, ihre Weite als befreiend erfahren, uns von Ihrer Eindringlichkeit berühren und von ihrer Kraft ergreifen lassen.

Wenn das geschieht, dann gewinnt unser Glaube an Leuchtkraft, unser Leben an Tiefgang, die Vorbereitung auf Ostern eine Mitte in einer aus den Fugen geratenen Welt.

Matthias Strickler ist Pfarrer in Zweibrücken-Niederauerbach.

Gebet

Gott, du bist Liebe und trägst sie in Jesus Christus zu uns, damit wir dich finden. Frei gemacht hast du den Weg zu dir. Lass uns ihn gehen und erkennen, dass er auch zum anderen Menschen führt, auf dass wir miteinander deine Liebe teilen. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"