Glaube und Leben

Andacht zum 8. Sonntag nach Trinitatis

Die Weichen neu stellen

von Pfarrer Georg Weber

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Johannes 9, 1–7

Johannes erzählt eine Wundergeschichte, in der es nicht um ein Wunder geht. Zumindest nicht im klassischen Sinn. Die Heilung eines Blinden ist Hinweis auf etwas Größeres. Bei denen, die sie als Zuschauer erleben, leitet sie einen Perspektivwechsel ein.

Jesus scheint stehen zu bleiben. Er sieht den Blinden, und darum sehen auch die Jünger den Menschen am Wegrand. Und dann stellen sie die Frage, die zu jedem Leid in der Welt gehört: Warum? Wer ist schuld? Er ist blind geboren, ist das eine Strafe für die Eltern? Wofür straft Gott einen Menschen von Geburt an?

Die gängige Überzeugung war, dass alle Krankheit eine Folge von Sünde sei. Kranke Menschen seien also zumindest schlechte Menschen und unseres Mitleids nicht wert.

Vielleicht war es diese Frage der Jünger, die es für Jesus so dringlich macht, sich dem Blinden zuzuwenden und damit das heilige Gebot der Sabbatruhe zu brechen.

Als Krankenhaus-Seelsorger ist mir diese Frage nach dem „Warum?“ vertraut. Warum ich, warum jetzt, warum auf diese Weise? Und ich kenne sie von mir selbst: Was war die Ursache, die dazu geführt hat, dass ich jetzt hier liege?

Natürlich haben Ereignisse Ursachen: Wenn ich beim Laufen aufs Handy schaue, statt auf meinen Weg, dann stolpere ich. Wenn ich mich unvernünftig ernähre, bekomme ich Bauchschmerzen. Wenn ein Unglück geschieht, suchen wir nach dem Menschen, der versagt hat. Das ist allemal besser, als anzunehmen, dass Material oder Technik zu jeder Zeit versagen können. Dass jemand schuld ist, weist den unberechenbaren Zufall in erträgliche Schranken.

Es ist beruhigend, wenn Ursache und Wirkung klar zu erkennen und zu benennen sind, wenn Schuldige aus dem Verkehr gezogen werden. Das gibt uns Sicherheit. Wenn es eine erkennbare Ursache gibt, kann ich beim nächsten Mal besser aufpassen, und dann passiert mir das nicht. Benennbare Ursachen und Folgen geben der Welt eine Ordnung und vertreiben das Chaos. Mein Leben scheint dann berechenbar und das Leid vermeidbar. Selbst wenn jemand eine schwere Krankheit hat, sind wir versucht, nach Ursachen zu fragen. Und wenn ich sicher bin, dass all das bei mir nicht zutrifft, dann brauche ich keine Angst zu haben, dass ich so etwas auch bekomme.

Einer so schön geordneten Welt, in der es für alle Folgen eine Ursache gibt und Garantien, dass dir nichts Schlimmes passiert, wenn du nur die Regeln befolgst, erteilt Jesus eine Absage. In vielen Fällen gibt es niemanden, der schuld ist. Leid und Krankheit gibt es. So ist nun mal diese Welt, die ihre Bestimmung noch nicht erreicht hat. Auf die Frage, wer Schuld hat, antwortet Jesus mit einer zeichenhaften Zuwendung zu dem Menschen und einer Aussage über Gott in unserer Welt.

Mit seiner Zuwendung in der Heilung des Blinden macht er den Sabbat zum Handlungsfeld für Gottes guten Willen. Hier und jetzt, sagt er, gilt es, Gottes Werk an diesem Menschen zu tun. Aber zugleich gilt, dass jetzt alle Voraussetzung gegeben ist, dass dieses Werk gelingt. Er ist das „Licht der Welt“, in seinem Licht gibt es tatsächlich eine Chance, dass alles gut wird.

Nicht indem wir fragen, wer Schuld hat, dass es bisher schiefgelaufen ist, sondern indem wir uns klarmachen, wo es hingehen soll.

So wird aus dieser Wunder-Geschichte, die keine ist, eine Mutmach-Geschichte über die Zeit hinweg. Bei aller Unberechenbarkeit der Ereignisse unseres Lebens bleibt dieses Leben eingezeichnet in eine Welt, in der Gott „am Werk“ ist. Es geht darum, das zu erkennen, zu sehen und sichtbar zu machen. Durch Zuwendung zu den Menschen, mit denen wir Leben, statt durch Ausgrenzung. Es ist unwichtig, woher ein Mensch kommt. Was zählt, wird sein, ob er mit mir auf das gleiche Ziel hinwill. Aber womöglich gibt es eine sinnvolle Zeit dafür, Gutes zu tun und eine Zeit, in der das wenig Sinn macht. So verstehe ich seinen Hinweis: „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“

Ich möchte glauben, dass wir jetzt gerade Tageszeit haben. Unfreiwillig haben wir Tempo aus unserem Leben herausgenommen. Vielleicht ist ja gerade Sabbatzeit. Besinnungszeit auf das Wesentliche. Wir können Weichen neu stellen, bevor wir wieder blind loslegen. In der Frage, welche politischen Kräfte wir unterstützen oder ob wir sie wieder in die staubigen Ecken der Geschichte zurückverweisen. In der Frage, wie wir die Güter unserer Welt verantwortlich produzieren und gerecht verteilen. In der Frage, worauf ich bei meinen Schwestern und Brüdern schaue, auf ihre Schwächen von gestern, damit ich mich besser fühlen kann, oder auf ihre Stärken, die mir morgen wohltun. Auf dem Weg zum lebendigen Wasser des Teiches Siloah, das heißt „gesandt“.

Georg Weber ist ­Klinikseelsorger in Homburg.

Gebet

Vater im Himmel, dein Reich wächst unter uns. Nicht immer gelingt es uns, das zu sehen. Wecke du unsere Sinne, dass wir erkennen, wo du Menschen zu uns sendest. Du hast uns mit Fantasie und Vernunft begabt. Du nährst in uns die Sehnsucht nach einer Welt, in der dein Werk wächst. Wecke uns täglich neu die Freude daran, gebraucht zu werden. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"