Glaube und Leben

Andacht zum Sonntag Rogate

Einladung zum Gebet

von Pfarrerin Silke Gundacker

Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Lukas 11, 5–13

Haben Sie schon einmal jemand um etwas bitten müssen? Vielleicht befanden Sie sich in einer Notlage oder es war irgendetwas Alltägliches. Manchmal handelt es sich um eine Kleinigkeit. Aber es können auch Dinge mit größerer Tragweite sein, um die wir bitten. Wer von uns kennt nicht die Bitte nach Gesundwerden. „Bitte helfen Sie mir!“, sagen wir zu einem Arzt. „Bitte vergeben Sie mir“, sagen wir nach einem Fehler. Das Wort „bitte“ wird nicht nur als Höflichkeitsfloskel gebraucht, sondern markiert einen eindringlichen Wunsch.

Um einen solchen geht es auch in dem Gleichnis. Da klopft irgendein Mensch zu später Stunde an die Tür seines Freundes. „Wie unerhört“, werden wir jetzt denken. Man kann doch nicht mitten in der Nacht die Ruhe stören, geschweige denn wegen eines solchen Anliegens. So ähnlich reagiert der schlafende Mann. Er beschwert sich bei seinem Freund aufgrund der Ruhestörung und begründet dies. Schließlich schlafen seine Kinder und er schon lange. Er ist zu spät. Er hat nicht vorgesorgt. Er hat die Gelegenheit verpasst. Im Gleichnis schaltet sich an dieser Stelle Jesus ein. Er räumt ein, dass der Mann vielleicht nicht wegen seines Freundes aufsteht, aber der andere wird so lange bitten und Lärm schlagen, bis er etwas bekommt. Jesus macht deutlich, dass Bitten Sinn macht. Gott lässt sich bitten wie ein guter Freund. Unsere Bitte wird nicht umsonst sein. Er wird uns erhören und uns sogar mehr geben, als wir erwarten.

Jesus macht uns wie in diesem Gleichnis bewusst darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, zu bitten und zu beten, damit wir Trost, neuen Mut, Kraft und Erleichterung erfahren. Wir dürfen um das bitten, was so nötig ist. Jesus lädt uns zum Gebet ein. Sonst würden wir an den Lasten unseres Lebens zerbrechen. Wir würden wie mit einem schwer beladenen Rucksack herumlaufen, der uns zu erdrücken droht. Leid und Ausweglosigkeit lasten auf unserer Seele. Stress und Hektik blockieren sie. Wir fühlen uns unzufrieden, unglücklich und unfrei. Schwierige Situationen, Konflikte und Leid können wir oftmals nicht vermeiden und manche Fehler nicht mehr rückgängig machen. Deshalb tut es gut, wenn wir die Kraft aufbringen und all das, was uns belastet, vor Gott bringen. Indem wir es vor ihm aussprechen, werden wir schon spüren, wie es uns bessergeht.

Wenn wir Gott unsere Anliegen nennen, können wir auftanken, neuen Atem schöpfen. Vieles wird uns wieder leichter von der Hand gehen. In Zeiten von Krankheit und Schwächerwerden bekommen wir im Gebet Kraft und Stärke. Energie kehrt zurück, die neuen Lebenswillen freisetzt. In Zeiten von Trauer erhalten wir im Gebet Trost, Hilfe und Mut für neue Aufgaben. In Zeiten von Konflikten und Streit finden wir in der Ruhe des Gebets wieder klare Gedanken. In Zeiten von Älterwerden erfahren wir im Gebet Stärkung, um auch diese letzte Lebensphase ruhig gehen zu können. Gott trägt und hält uns. Jederzeit können wir zu Gott beten und Hilfe erwarten. „Bittet, so wird euch gegeben.“

Beten können wir an allen Orten, sei es in der Kirche, zuhause, während der Arbeit, am Tisch, vor dem Einschlafen. Gott hört uns.

Ist es nicht eine Beruhigung für uns, zu wissen, dass wir nicht allein auf unserem Weg durch das Leben gehen müssen, sondern da ist einer, der geht mit, der trägt mit, der schafft Erleichterung? Ist es nicht ein besonderer Trost, wenn wir hören: „Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan?“ Jesus verstärkt diesen Satz noch, indem er hinzufügt: „Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ Dieser Satz ermutigt mich und baut auf. Es braucht niemand draußen vor der Tür zu stehen. Dieser Satz leitet mich an, Türen zu öffnen.

Der Name des kommenden Sonntags lautet: „Rogate, betet!“ Ja, es macht auch heute noch und immer wieder Sinn, wenn wir uns nicht zu schade dafür sind, zu bitten und zu beten. In der Schnelllebigkeit unserer Zeit, in einer Zeit, die von einer unsicheren Weltlage und von Leistungsdenken bestimmt wird, in der ­Religion immer mehr aus dem Alltag verdrängt wird, tut es not, sich wieder auf die Wurzeln unseres christlichen Glaubens zu besinnen. Wir brauchen Halt und Hilfe und vor allem Gottvertrauen. Dann werden wir schon „mutig voranschreiten“ können, wie es die Gründer der Pfälzer Kirchenunion ausgedrückt haben. „Denn wer da bittet, der empfängt.“

Silke Gundacker ist Pfarrerin in ­Contwig und Stambach.

Gebet

Herr, unser Gott, komme Du zu uns in der Betriebsamkeit dieser Zeit und erfülle uns mit Deinem Heiligen Geist. Lass uns nicht müde werden, Dich zu bitten und zu beten, dass unser Leben Sinn erhält. Stärke uns im Glauben, tröste uns durch Dein Wort, ermutige uns zu neuen Schritten und schenke uns Deinen Frieden. Dann werden sich Türen öffnen. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"