Glaube und Leben

Andacht zum Sonntag Miserikordias Domini

Hirte und Herde

von Pfarrer Matthias Schwarz

Und des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten ­Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Hesekiel 34, 1–2 (3–16) 31

Das Bild vom Hirten und der Herde spricht bis heute Menschen an. In diesem Bild kommt eine in der menschlichen Seele tief verwurzelte Sehnsucht nach behütetem Leben zum Ausdruck. Es ist das Bedürfnis nach einer Existenz, in der ich geborgen bin.

Die Hirten, die der Prophet Hesekiel vor Augen hat, haben ihre Aufgaben allerdings mangelhaft wahrgenommen. Sie haben ihr Hirtesein in unguter Weise gelebt. Sie haben zu viel an sich gedacht, sich selbst bereichert und dabei die Schafe aus dem Blick verloren. Hesekiel zeichnet das Bild von schlechten Hirten und kritisiert auf allgemeingültige und zeitlose Weise alle „Großen“, die in der religiös-politisch-sozialen Verantwortung stehen und diese missbrauchen: Im Blick auf das Israel seiner Zeit sind das König, Priester, Propheten, Adlige und Älteste. Sie sind schlechte Hirten, nur auf das eigene Wohlbefinden bedacht, stets in Sorge für sich selbst – statt für die ihnen anvertraute Herde. Ich weiß nicht, ob die entsprechenden Leute in Israel zu Zeiten Hesekiels schlimmer waren als die Führungsschichten zu unseren Zeiten.

Es reizt natürlich, auch in unserer politischen und wirtschaftlichen Gegenwart nachzuspüren und aufzuweisen, wo man sagen kann: Da sind Hirtinnen und Hirten, die sich selber weiden. Beispiele, wie die „Großen“ in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vor allem an sich selber denken und sich selber versorgen, werden immer wieder bekannt: von Amtsmissbrauch, Korruption, Maskenaffäre bis hin zum erschlichenen Doktortitel. Das hat nicht aufgehört seit damals, auch wenn die Bedingungen politischer und wirtschaftlicher Machtausübung sich in vielem verändert haben. Aber ich zögere.

Das Geschäft, auf andere zu zeigen und sie anzuprangern, das besorgen in Presse, Nachrichten und Kommentaren schon hinreichend viele: Immer wenn ich mit einem Finger auf andere zeige, zeigen mindestens drei Finger auf mich zurück. Wir sehen sehr schnell und deutlich die Fehler und das Versagen bei anderen, was wir bei uns großzügig übersehen. Es ist ja leicht, von den „Großen“ da draußen und da oben zu reden. Und nicht zu sehen, wo auch wir selbst Verantwortung für andere tragen, also Hirtinnen und Hirten sind, wenn auch in kleinerem Maßstab.

Fast jeder Mensch hat eine größere oder kleinere Führungsrolle inne und übt damit Macht aus. Überall haben wir doch Verantwortung für andere Menschen, und es hängt mit an uns, ob Leben gelingt. Denn das ist doch der Maßstab, der uns gesetzt ist, wenn es von Gott selber heißt: Er ist der Hirte. Gott sucht Hirten nach seinem Herzen. Wie kann ich Hirtin oder Hirte sein? Hüterin, Hüter? „Schafe weiden, sie lagern lassen. Das Verlorene suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; weiden, wie es recht ist.“ Das bleibt anspruchsvoll. Es klingt ein bisschen nach „allen alles werden“.

Die Schwachen schützen – sie überhaupt auszumachen und wahrzunehmen – ist schon anspruchsvoll. Die Verwundeten verbinden. Und nicht nur das, sondern wohl mehr noch, wie es Dietrich Bonhoeffer so zeitlos gültig gesagt hat, „dem Rad in die Speichen greifen“. Also auch mit daran arbeiten, dass weniger Menschen verwundet werden. Nicht nur Trostpflaster zu kleben, sondern Unrecht benennen, anprangern, verhindern oder wenigstens vermindern helfen. Und zugleich auch die, die stark sind, die, die viel zu leisten vermögen, nicht aus dem Blick verlieren. Auch die, denen vermeintlich alles gelingt, brauchen ein offenes Ohr. Wenn wir unsere Augen und Ohren und vor allem unsere Herzen öffnen, dann werden wir jeden Tag die neuen Möglichkeiten entdecken, wo wir als Hirtinnen und Hirten in unserer Zeit zum Einsatz gerufen sind.

An diesem Sonntag „Miserikordias Domini“, dem zweiten Sonntag nach Ostern, der an die Barmherzigkeit Gottes erinnert, schauen wir auf den guten Hirten. Gott selbst wie auch sein Sohn Jesus Christus gehen uns als gute Hirten voraus. Liebe, Achtsamkeit und Barmherzigkeit sind uns Menschen durch sie geschenkt. Erweisen wir uns als gute und vertrauenswürdige Hirtinnen und Hirten unserer Mitmenschen. Gott und Jesus zeigen uns den Weg und gehen uns als große Hirten mit Liebe und Barmherzigkeit voran.

Matthias Schwarz ist seit 2016 Dekan im Kirchenbezirk „An Alsenz und ­Lauter“.

Gebet

Du Gott des Lebens! Wir sollen weiden, wie es recht ist. Lass uns als gute und vertrauenswürdige Hirtinnen und Hirten uns erweisen. Wir sollen den Menschen neben uns so in Liebe und Barmherzigkeit begegnen, dass sie aufrecht und mutig ihren Weg gehen. Hilf du uns immer wieder, recht zu leiten und zu handeln. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"