Glaube und Leben

Andacht zum 18. Sonntag nach Trinitatis

Glaube verlangt Taten

von Pfarrer Markus Jäckle

Was hilft's, Brüder und Schwestern, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen? Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft ihnen das? So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber. So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein. Desgleichen die Hure Rahab: Ist sie nicht durch Werke gerecht geworden, als sie die Boten aufnahm und sie auf einem andern Weg hinausließ? Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.

Jakob 2, 14–17 (18–23) 24–26

„Was hilft’s“, hat Martin Luther gefragt, „wenn einer jeden Sonntag in die Kirche geht, die kirchlichen Hochfeste feiert, sogar mit regelmäßigen Wallfahrten, jedem Bettler am Straßenrand ein Almosen in die Hand drückt, dazu viel Geld an die Kirche zahlt, bis hin zum Freibrief mit Sündenvergebung?“ – „Gar nichts hilft’s“, hat Martin Luther geantwortet. Gott lässt sich nicht kaufen. Mit Geld nicht und mit guten Taten auch nicht. Keiner muss sich Gottes Zuwendung geschweige denn Liebe erarbeiten. Mehr noch: Keiner kann das. Weil es menschenunmöglich ist. Weil es nicht gottgewollt ist.

Allein aus Glauben. Allein aus Gnade. Das sind die Schlüsselwörter. Türöffner bei Gott für den Menschen. Im Leben hier und im Leben dort. Da gibt es für Martin Luther kein links und kein rechts. Es ist der von Gott geschenkte Glaube, der den Menschen selig macht. Werke tragen da nichts aus. Sie sind nichts weiter als der hilflose Versuch, die Türe zu Gott mithilfe eines Dietrichs öffnen zu wollen. Schon im Wollen zum Scheitern verurteilt.

So weit, so gut. Aber nicht für Jakobus. „Was hilft’s“, fragt er, „wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch! Ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – Was hilft ihnen das?“

„Gar nichts hilft’s“, antwortet Jakobus. Glaube ohne Werke ist tot. Gerecht wird der Mensch durch Werke, nicht durch Glauben allein. Wer seinen Glauben nicht lebt, ist unglaubwürdig. In jeder Hinsicht. Vor den Menschen und vor Gott. Erst durch Werke wird der Glaube vollkommen. Glaube muss gelebt sein. Glaube verlangt nach der Tat. Im Leben hier und im Leben dort. Da gibt es für Jakobus kein links und kein rechts. Glaube braucht Werke. Ohne Werke trägt er nichts aus, ist nutzlos, zum Scheitern verurteilt. Nicht nur das: Ohne Werke ist er tot. Allein Werke können ihn zum Leben erwecken.

Und nun? Was hilft’s? Wenn diese beiden Positionen so hart und unverbrüchlich nebeneinander stehen? Wer hat denn nun recht in dieser Frage? Ist’s der Glaube oder sind’s die Werke?

Gar nichts hilft’s. Martin Luther wendet sich gegen einen Missbrauch der Werkgerechtigkeit. Und er hat recht. Jakobus wendet sich gegen eine missverstandene Rechtfertigungslehre. Und er hat recht. Beide Anfragen treffen uns gleichermaßen: Wie steht es mit dem Glauben und den Werken heute? In der Gemeinde? In der Kirche? So höre ich Martin Luther fragen: Was hilft’s, wenn ein Mensch getauft sein will und das kaum mit seiner Beziehung zu Gott verbindet? Was hilft’s, wenn eine Gemeinde eine große Zahl von Angeboten, Gruppen und Kreisen, Veranstaltungen und Aktionen hat und sich dabei kaum von einem Verein unterscheidet? Was hilft’s, wenn die Kirche soziale Aufgaben des Staats übernimmt, Sozialstationen, Kindertagesstätten, Krankenhäuser, Seniorenheime betreibt und kein Mensch mehr weiß, was diese Arbeit eigentlich mit Kirche und Glauben zu tun hat? Gar nichts hilft’s. Da ist viel zu viel gemacht. Und viel zu wenig geglaubt.

Und Jakobus: Was hilft’s, wenn einer getauft ist und seinen Glauben nicht lebt? Was hilft’s, wenn im Kirchenbezirk bei fast jeder Visitation die fehlende Jugendarbeit in der Gemeinde beklagt wird und niemand bereit ist, zu sagen: Ich will das Meine tun und geben was nötig ist? Was hilft’s, wenn der Glaube nur am sonntäglichen Gottesdienstbesuch festgemacht wird, und unter der Woche sieht und hört man nichts davon, dass einer Christ ist? Gar nichts hilft’s. Da ist vieles totgeglaubt. Und viel zu wenig gelebt und getan.

Was hilft? Diese Anfragen bitter ernst nehmen. Unbedingt. Beide. Da reicht kein hilfloses Achselzucken als Antwort. Es geht ums Ganze. Um das Verhältnis von Glaube und Werken. Mehr denn je. Für jeden Einzelnen, für die Gemeinden, für unsere Kirche. Es geht darum, in dieser Welt und dieser Zeit als Getaufte erkennbar zu leben, miteinander verbunden als besondere Gemeinschaft im Namen Jesu Christi, als sichtbarer und erlebbarer Teil seines Leibes in dieser Welt. In Wort und Tat.

Dabei gilt: Der Glaube braucht die Tat und umgekehrt. Beides bedingt sich einander. Gottesdienst und Menschendienst, Sonntag und Alltag sind untrennbar miteinander verbunden. Deswegen kann Glaube nicht nur Privatsache sein. Und umgekehrt muss jedes gesellschaftliche Engagement aus der Relevanz des Glaubens heraus begründet sein. Alles andere bleibt letztlich ungeglaubt und unwürdig. Glaube, Gnade, Leben, Tat. Das sind die Schlüsselwörter. Gegen Unglauben, Gnadenlosigkeit, Tod und Untat unserer Zeit. Türöffner bei Gott. Für Kirche, Gemeinden, Getaufte. Und Ungetaufte.

Markus Jäckle ist Dekan im Kirchenbezirk Speyer und Mitglied der Kirchenregierung.

Gebet

Starker Gott, ich bin tatenlos. Hilf mir. Mach mich zum Täter deines Wortes, deiner Liebe, deiner Gnade, deines Friedens. Sonst nichts. Aber das lass mich tun. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"