Glaube und Leben

Andacht zum 2. Sonntag nach Epiphanias

Vertrauen statt Panik

von Pfarrer Klaus Beckmann

Dies ist das Wort, das der Herr zu Jeremia sagte über die große Dürre: Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Ach, Herr, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, Herr, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Jeremia 14, 1 (2) 3–4 (5–6) 7–9

Die Sorge um das Klima bewegt Menschen. Berechtigt ist sie, denn wir sollen nicht nur unseren Nachkommen eine bewohnbare Erde hinterlassen, sondern tragen Verantwortung für alle von Gott geschaffenen Lebewesen, für Tiere und Pflanzen. Dass wir die Natur beherrschen sollen, erlaubt kein rücksichtsloses Verhalten. Nach uns die Sintflut, das funktioniert nicht, schon weil Gott versprochen hat, nie wieder eine Sintflut kommen zu lassen.

Auch zur Zeit des Propheten Jeremia spielten die Temperaturen verrückt, das natürliche Gleichgewicht entgleiste. Scheinbare Kleinigkeiten in dem biblischen Abschnitt lassen uns manches entdecken: Die Großen handeln nicht selbst, sondern schicken ihre Diener. Diener und kleine Bauern sind traurig, verspüren sogar Scham und verhüllen ihr Gesicht im Anblick der Tatsache, dass sie nichts ausrichten. Die Brunnen sind trocken. Ohnmächtige empfinden, dass Entscheidendes nicht stimmt. Sie möchten alles am Laufen und am Leben erhalten – doch sind sie ohnmächtig. In der Natur geschieht das Widernatürliche. Muttertiere verlassen ihre Jungen: Wo das passiert, stürzt der Grund allen Lebens ein. Harmlose freundliche Wesen wie Esel treten auf wie Schakale. Der Schakal ist in der Vorstellungswelt des Nahen Ostens Inbegriff des Bedrohlichen und Hinterhältigen. Wo Schakale heulen, geht man lieber nicht hin. Doch wo gibt es Zuflucht?

In unseren Tagen breitet sich angesichts besorgniserregender ökologischer Entwicklungen immer wieder nervöse Stimmung aus. „Ich will, dass ihr in Panik geratet.“ Solch ein Buchtitel zielte vor Kurzem mitten hinein in die aufgeregte, vielleicht auch bereitwillig erregbare Atmosphäre. Dass Panik aber kein guter Ratgeber sein kann, ist für Jeremia gewiss. Wo Menschen Fehler gemacht haben, gilt es, sie zu korrigieren. Das geht am besten mit Einsicht und Bedachtsamkeit. Wenn Jeremia vor Gott Sünden zur Sprache bringt, weiß er, dieses Bekenntnis führt nicht zu Bloßstellung oder Vernichtung. Gott will seine Schöpfung nicht im Chaos vergehen lassen und mit dem Tod bestrafen, trotz aller Fehler von Menschen. Im Zeichen der Panik hingegen ist ein Mensch gut beraten, seine Fehler zu verbergen. Panik rast und sucht nach Opfern, nach „Schuldigen“. Gottvertrauen aber stiftet die Gewissheit, dass Umkehr nicht vergebens sein wird.

Wir wissen heute viel genauer als zur Zeit Jeremias, welchen Einfluss menschliches Verhalten auf ökologische Zusammenhänge ausübt. Dieses Wissen sollen wir nutzen, ohne Rücksicht auf Interessen, die zum Schaden alles Geschaffenen nur „weiter so“ gehen wollen. „Weiter so“ wäre Frevel an Gott, dem Schöpfer.

Nur ist und bleibt Gott eben der Herr seiner Erde und des ganzen Kosmos. Er fordert Umkehr; zugleich aber lässt er das Werk seiner Hände nicht fallen. Gott will nicht Panik, sondern Einsicht und kluges Handeln. Vor Gott ist es richtig, die Erde zu bebauen und zu bewahren, damit sie ein guter Ort bleibt.

Gottvertrauen macht Ohnmächtige mächtig. Dazu hilft der Gebrauch des eigenen Verstands. Und Lernen hilft – weshalb ein „Schulstreik“ angesichts der uns Menschen gestellten Aufgaben töricht ist und kein Beitrag zur guten Zukunft. Gottvertrauen gibt Geduld und Ausdauer. Menschen können für kommende Generationen Richtiges tun: Das Auto öfter mal stehenlassen, beim Einkaufen kritisch hinschauen und nachfragen, unter welchen Umweltbedingungen ein Produkt hergestellt wurde. Langsam immerhin kommt etwas in Bewegung. Dass öffentliche Verkehrsmittel stärker gefördert werden müssen, war vor 30 Jahren noch eine ohnmächtige Forderung „grüner Spinner“ am Rand der Gesellschaft; heute stimmt die Mehrheit dem zu, was nicht heißt, vermeidbare Fehlentscheidungen von gestern stifteten morgen nicht noch teuren Schaden. Wenn bessere Formen der Erzeugung von elektrischem Strom auch ihre gesellschaftlichen Kosten haben – Windräder etwa nicht einfach unsichtbar sind –, wird das Vertrauen in Gottes Treue ermahnen, nicht wankelmütig zu werden und richtige Entscheidungen konsequent durchzusetzen. Verantwortlich ist letztlich jeder. Die Kreatur wartet darauf, dass Gottes Kinder offenbar werden und ihren Auftrag erfüllen.

Jeremia fragt, warum Gott sich stellt wie ein Fremder. Eigentlich zielt die Frage auf das Vertrauen der Menschen zu ihrem Schöpfer und Erhalter. Wo Menschen vor drohender Gefahr hysterisch werden, machen sie selbst Gott zum Fremden. Sie grenzen den aus, der trägt und hilft. Das Gegenteil von Vertrauen ist Kleinmut, der in wilder Panik auch gegen Menschen wüten kann, die als „fremd“ empfunden werden. Vertrauen versöhnt und schafft Mut, überall. Gott verlässt uns nicht, denn „Helfer“ ist sein Name. Bei ihm wird das Ende der Welt keine Naturkatastrophe sein, sondern Vollendung in Liebe.

Dr. Klaus Beckmann ist Persönlicher Referent des Militärbischofs der EKD in Berlin.

Gebet

Da alles, was der Mensch beginnt, vor seinen Augen noch zerrinnt, sei du selbst der Vollender. Die Jahre, die du uns geschenkt, wenn deine Güte uns nicht lenkt, veralten wie Gewänder. Amen. Jochen Klepper (EG 64, 2)

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"