Glaube und Leben

Andacht zum Sonntag Rogate

Gebete werden erhört

von Pfarrer Alexander Ebel

Und an jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei. Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater. Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Johannes 16, 23b–28 (29–32) 33

Bittet, so wird euch gegeben, heißt es in der Bergpredigt Jesu, und diese Überzeugung scheint auch hier anzuklingen, im Zusammenhang der sogenannten „Abschiedsreden“ Jesu im Johannesevangelium. Es kommt freilich auf das Bitten „im Namen Jesu“ an. Wer mit Jesus und seinem Wort verbunden bleibt, dessen Gebet wird ganz gewiss erhört werden – so das Versprechen, das er laut dem Bericht des Evangelisten Johannes seinen Jüngern gibt.

Zum Abendessen vor dem Passafest sind sie zusammen. Gerade hat Jesus den Jüngern die Füße gewaschen. Judas ist hinausgegangen, nachdem ihm sein bevorstehender Verrat auf den Kopf zugesagt wurde. Und Petrus wird, nachdem er Treue bis in den Tod geschworen hat, vor den Kopf gestoßen: Dreimal verleugnen werde er Jesus, bevor der Hahn kräht.

Dann aber spricht Jesus viele tröstliche und ermutigende Worte. Sie wirken wie ein Vermächtnis. Er spricht von den vielen Wohnungen im Hause seines Vaters und davon, dass der Weg zum Vater über ihn führt. Er spricht davon, dass sein Vater den Jüngern einen anderen Tröster schicken wird, den Geist der Wahrheit, sodass sie nicht allein und ohne Beistand in der Welt bleiben müssen. Er spricht von seinem Frieden, den er hinterlässt, vom Weinstock und den Frucht bringenden Reben, davon, seine Gebote zu halten und einander so zu lieben, wie seine Liebe war. Er spricht davon, dass es gut für seine Jünger sei, wenn er weggehe, denn nur so könne der Tröster, der Beistand, zu ihnen kommen. Und er spricht davon, dass auf die Trauer über den Abschied die Freude über das Wiedersehen folgen wird.

Tröstliches und Testamentarisches ist es, was Jesus hier seinen Jüngern und durch die Zeiten hindurch auch uns hinterlässt. Tröstliches: Dass Jesus den schweren Weg gehen musste, den er ging; dass er, der Sohn Gottes, diese Welt wieder verlassen musste, „aus der Welt hinausgedrängt wurde ans Kreuz“ (Bonhoeffer), hat auch ein Gutes. Durch seine Auferweckung ist unmissverständlich klar geworden, dass der Vater Jesu Christi ein Gott des Lebens ist. Das stiftet Hoffnung über den Tod hinaus. Und Jesus kann auf andere, neue Weise in Ewigkeit bei uns sein: durch den Geist. Und Testamentarisches: Es hat den Charakter einer letzten Verfügung, wenn Christi Jünger zur Einigkeit ermahnt werden, dazu, in ihm Frieden zu haben, seine Gebote zu halten und so in seiner Liebe zu bleiben.

Dass Gebete erhört werden, das verschließt sich zumeist einer abstrakten, objektiven Betrachtung von außen. Worum sie Gott bitten würden, das würde er ihnen geben, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Kann das sein? Ein Traum, zu schön, um wahr zu sein. „In der Welt habt ihr Angst.“ – Ja, Angst haben wir Menschen, immer wieder. Manchmal ist es eine große Angst, bei der es ums nackte Überleben geht. Todesangst. Oft ist es Weltangst: „Wie soll das alles nur enden? Wohin führen die Wege, die wir Menschen gehen?“ Vielleicht ist es auch die Angst, wie das Leben ohne einen verstorbenen Angehörigen weitergehen soll. Oder die Angst vor Krankheit und Leid. Oder die Angst davor, dass Vertrauen missbraucht und ein Herz verletzt wird. Dass Gott kein Wunschautomat ist, der alles so hinzaubert, wie wir es ihm diktieren möchten, das wissen wir, das erfahren wir täglich. So funktioniert das Bitten im Gebet nicht.

Aber: Gott ist einer, der nicht wegschaut, wenn wir leiden. Und er will ganz sicher, dass wir Frieden finden. „Bittet in meinem Namen“, sagt Jesus. Also: Bittet unter Besinnung darauf, was ich euch gelehrt habe, wie Menschen mir begegnet sind und heil wurden an Leib und Seele, wie ich gelebt und gelitten habe, gestorben und auferstanden bin. Wenn ihr bittet, bleibt dabei mit mir verbunden. Dann werdet ihr erfahren, dass der himmlische Vater euch geben wird. Vielleicht anders und anderes als gedacht. Aber ihr werdet darin Frieden haben, auch in dieser Welt, in der ihr Angst habt. Denn ich habe sie überwunden.

Einige Tage später verstehen die Jünger. Wieder sitzen sie beieinander und reden, hin- und hergerissen zwischen Trauer und Freude. Jesus, in den sie ihre Hoffnung setzten, war hingerichtet worden, am Kreuz aufgehängt wie ein Verbrecher. Er hatte sicher Angst. Er hat sie ausgehalten. Und letzten Endes war die Angst nicht größer als Gott. Sie war aufgehoben in Gott und wurde verwandelt. Seid getrost!

Alexander Ebel ist Gemeindepfarrer in Altrip im Kirchenbezirk Ludwigshafen.

Gebet

Jesus Christus, Friedefürst! Du hast die Welt überwunden. So schenk mir nun deinen Geist, damit ich mit anderen Augen sehen und mit anderen Ohren hören und mit anderem Herzen hoffen kann. Verwandle meine Angst in Mut, und verleihe mir die Gewissheit, dass meine Gebete erhört werden. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"