Glaube und Leben

Andacht zum vorletzten Sonntag des Kirchenjahres

Gott kennt alle Hiobs

von Pfarrer Oliver Böß

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir, und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: So blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut. Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest! Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. Dann würdest du meine Schritte zählen und nicht achtgeben auf meine Sünde. Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

Hiob 14, 1–6 (7–12) 13 (14) 15–17

Ach, Hiob …! Auf der Schattenseite des Lebens angelangt, stehst du vor dem Nichts. Und vielleicht gerade, weil du auch die Sonnenseite kennst, kommt dir die Dunkelheit nun so finster vor, dass es schlimmer nicht mehr gehen kann. Einst mit so vielen Gütern und Gaben gesegnet, kannst du jetzt, da du dir wie ein von Gott Verfluchter vorkommen musst, kannst du jetzt nur noch klagen – oder ist es treffender zu bemerken: immerhin noch klagen und das in die Richtung dieses so unbegreiflichen Gottes? Denn wer klagt, lebt ja noch. Noch … aber jetzt, im „welken“ Zustand, siehst du dich fallen und sterben ins absolute Nichts hinein.

Ach, Gott …! Wie stehen wir Menschen vor dir, oft so klein und gar nicht „zu deinem Bilde“ ganz und gar nicht nur „wenig niedriger gemacht als du selbst, Gott“ (Psalm 8, 5). Du hast uns Menschen so geschaffen, wie wir sind – mit all unserer Vergänglichkeit, mit all unseren Schwächen und Makeln, letztlich alle zum Tode hin geschaffen von dir, Gott. Unzählige Hiobs, männlich und weiblich, hast du bis heute entstehen und zugelassen in all dem Leid, das uns Menschen widerfahren kann und auch ständig widerfährt: der „Hiobfluch“ als Perpetuum mobile über Männer, Frauen, Kinder, Jugendliche.

Der Volkstrauertag erinnert an die grausigen Schrecken der Kriege mit all ihren verheerenden Folgen. Das Leid, das Juden zugefügt wurde. Darüber hinaus auch den Soldaten, deren Familien, der Zivilbevölkerung. Der „Hiobfluch“ – auf der ganzen Welt, in jeder Faser der Weltgeschichte, in den verschie­densten Gestalten, in denen Krankheit, Flucht, Terror, Unfall, Leiden, Sterben auftreten können und tatsächlich auch aufgetreten sind.

Gott, die Frau in meiner Gemeinde – du kennst sie. Als Mutter musste sie sehr früh drei Kindern ins Grab schauen und auch dem Ehemann. Mit dir ringend, kam sie dennoch stets in die Gottesdienste, hat dich gelobt, Bibelsprüche zitiert, an die sie sich klammerte. Als sie dann ihr rechtes Bein verlor, beurteilte sie die Amputation als eine „Lappalie“ gegen das, was ihr davor widerfahren war. Mit dem Tod ihres letzten Sohnes schließlich starb bei ihr auch der allerletzte Lebenssinn. Wie etliche Hiobs vor ihr wollte nun auch sie nur noch zu ihren Lieben ins Totenreich – um diese wieder in der Nähe zu haben. Und vielleicht auch wie Hiob deiner Nähe, Gott, zu entfliehen?

Ist es denn oft nicht so: dass du uns deine Nähe versprichst, dass du uns in die Gemeinschaft mit dir eingeladen hast – aber unsere Schuldgefühle und unser mangelndes Vertrauen in deine vergebende Güte diese Einladung zu sehr belasten? Hiob jedenfalls will von dir, Gott, genau das Gegenteil. „Lass mir meine Ruhe“ – wie sehr muss ein Mensch leiden, dass er so bitter wird; wie tief muss die Verzweiflung sitzen, dass jegliches Gottvertrauen verschwunden ist!

Mensch, Hiob, deine Gedanken und Gefühle meine ich zumindest ähnlich auch in einem Lied aus der Zeit meiner Adoleszenz zu lesen, 1983 von Herbert Grönemeyer so formuliert: „Es gab immer nur ein Zusammen. Doch dann war da doch der Tag, dass wir auseinanderkamen so wie ein Blitz auf Donnerschlag. Komm zurück, ich liebe dich! Bleib doch weg, ist mir auch egal! Du bist mir zu nah! Liebe, dieses klebrige Wort.“ So auch bei Hiob: ein Blitzlichtgewitter zwischen „Wo bist du, Gott!?“ und „Nur weg von dir!“. Sehnsucht danach, nicht belästigt zu werden – und zugleich auch so viel Sehnsucht nach Gottes Nähe! Komm zurück – bleib doch weg! Liebe – dieses klebrige Wort!

Es wird bei Hiob dann so kommen, dass Gott sich in diese Ohnmacht hineinbegibt. Er wendet sich nicht ab. Er bleibt nicht stumm. Seine Liebe zu uns Menschen ist grenzenlos, übersteigt alle unsere Gedanken und Gefühle und Empfindungen und Sehnsüchte. Unser alttestamentlicher Hiob entbehrt jeglicher Auferstehungshoffnung. Er kennt keine Zukunft am Ende seines Lebens. Aber Gott kennt ihn – so, wie er alle seine Hiobs kennt. Im Laufe der Zeit wurden und werden Menschen darauf hingewiesen, dass Gottes Liebe… ja, dass sie gewissermaßen klebt: am Kreuz! Johannes der Täufer zeigt mit übergroßem Finger auf den Gekreuzigten – in einzigartiger Weise ist dies auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald dargestellt. Ein Blick auf den Reformationsaltar in der Stadtkirche Wittenberg: Lucas Cranach lässt hier den predigenden Martin Luther ebenfalls auf den gekreuzigten Jesus Christus zeigen. Das ist Gottes liebevolle Antwort auf alles Fragen und Verzweifeln. Am Ende wird Hiob fähig sein, mit Martin Luthers Worten er- und bekennen zu können: „Dieweil er Gott ist, so kann und weiß er, wie er’s mit mir aufs Beste machen soll. Dieweil er Vater ist, so will er’s auch tun.“

Oliver Böß ist Pfarrer in Mackenbach und Schwedelbach im Kirchenbezirk Homburg.

Gebet

In jeder Nacht, die mich umfängt, Gott, lass mich dein leuchtendes Angesicht gewahr werden! In jeder Finsternis, die mich bedrängt, Gott, sprich mir dein Wort zu: „Es werde Licht!“ Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"