Glaube und Leben

Andacht zum Sonntag Estomihi

Augen auf und sehen

von Pfarrer Wolfgang Schumacher

Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war. Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näherkam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Lukas 18, 31–43

Augen zu und durch. Das scheint für viele die Devise zu sein, wenn es darum geht, die Umstände auszublenden, während etwas geschieht, was ich lieber verdränge.

Augen zu und durch. Das kann auch die Titelzeile über dem ersten Teil der Schilderung des Lukas’ sein, wenn er vom Beginn des Wegs Jesu nach Jerusalem berichtet. An Eindeutigkeit lassen es die Worte Jesu nicht fehlen. Das wird kein Spaziergang, keine Pilgerreise. Jesus kündigt seinen Jüngern sein Leiden und seine Auferstehung an. Und das nicht zum ersten Mal. Und dennoch scheinen die Jünger blind für das, was ihnen vor Augen geführt wird. Entweder weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Oder weil sie es wirklich nicht verstehen, verständnis-los sind.

So folgen sie Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. Ganz auf sich und auf ihn konzentriert, sodass sie nicht nach rechts und links schauen und übersehen, dass es da Menschen am Rande gibt. Einer von ihnen ist blind. Und bettelt. Und bittet, man möge ihm schildern, was gerade vor seinen Augen vor sich geht. Dass es Jesus ist, erfährt er beim Vorbeigehen der Menschen. Doch, wer dieser Jesus ist, das hat der Blinde nicht so im Vorbeigehen, nebenher erfahren. Das weiß er. Ihn kennt er. Ganz genau. Er hat ein Bild von ihm vor Augen. Sonst würde er nicht nach dem Sohn Davids rufen sondern wie die Menge nach dem Mann aus Nazareth. Der Blinde hat den Durchblick – mehr als die sehenden Begleiter.

Und er hat eine Stimme. Und so ruft er und schreit, bevor die andern einfach weitergehen. Jesus bleibt stehen und, verärgert über die barsche Reaktion seiner Weggefährten gegenüber dem Rufer, befiehlt er ihnen, den Mann vom Rand zu ihm in die Mitte zu bringen.

Einer vom Rand der Gesellschaft wird in die Mitte geholt. Nicht bloßgestellt, nicht vorgeführt, er rückt ins Zentrum. Seine Isolation wird durchbrochen. Jesus wendet sich ihm zu. Er sieht ihn. Der Blinde erhält seine Aufmerksamkeit, wird angesprochen, ernstgenommen. Heute würde man sagen: eine Begegnung auf Augenhöhe.

Es bedarf nicht vieler Worte zwischen den beiden Gesprächspartnern. Jesus erkundigt sich, was der Mann von ihm will. Der Angesprochene antwortet knapp, dass er wieder sehen möchte. Eine Frage, eine Antwort, zwei Worte: „Sei sehend.“ Und dann, ohne dass er Spucke und Erde auf die Augen des Bittenden streicht oder ein anderes „Heilmittel“ eingesetzt wird, kann der Blinde wieder sehen. Nur durch zwei Worte und durch die Feststellung, „dein Glaube hat dir geholfen“. Und der Wunsch des Blinden nach Heilung.

Der Glaube ist der Grund der Heilung. Das tiefe Vertrauen in den Sohn Davids, das Zutrauen in die Fähigkeit des Jesus, sein Schicksal zu wenden. Der Glaube hilft zur Klarsicht. Und die Erkenntnis, dass nicht immer nur das stille Gebet, sondern auch das Rufen und Schreien Ausdruck des Glaubens sein kann. Rufen und schreien bedeutet nicht plumpe Parolen brüllen oder skandieren. Wer nach Freiheit ruft oder nach Gerechtigkeit schreit, der öffnet den Blick vieler Sehender für Missstände und Mängel, der lenkt das Augenmerk auf Menschen am Rande.

Also Augen auf. Denn nur so sieht man die Welt, wie sie ist und wie sie nach Gottes Willen sein soll. Den Mitmenschen nicht als Gegner, Fremden, Feind betrachten, sondern als von Gott geliebten, unendlich aufgewerteten Menschen, als Bruder und Nächsten. Die so ausgebeutete Erde, die gefährdete Umwelt als Gottes Schöpfung anschauen, die wunderbar gemacht ist, die es zu bewahren gilt.

Augen auf. Ihr, die ihr blind vor Wut und Zorn seid. Begreift, dass das schädlich ist für euer Herz. Und den Verstand sowieso. Augen auf. Ihr, die ihr mit rosaroter Brille durch die Welt geht und die dunklen Farben der Wirklichkeit ausblendet. Augen auf. Ihr, die ihr nur auf eine Lösung setzt, weil ihr blind für Alternativen seid. Seht, dass es vielleicht mehr als eine Lösung gibt und seid offen für die Argumente anderer.

Augen auf. Der Blinde von Jericho sieht den Weg, Jesu. Und nicht dennoch, sondern deshalb folgt er ihm. Sein Glaube hilft ihm. Jesus hat ihn sehend gemacht. Auch für das Kreuz, das Leid und den Tod. Denn wer sieht, wirklich die Augen offen hält für Gott, der kann auch davor die Augen nicht verschließen. Aber dann weitet sich auch der Blick auf die Auferstehung und das Leben. Und dafür lohnt es sich allemal, die Augen offen zu halten.

Wolfgang ­Schumacher ist Leiter des Öffentlichkeits­­referats der Evangelische Kirche der Pfalz.

Gebet

Treib aus, o Licht, all Finsternis,behüt uns, Herr, vor Ärgernis,vor Blindheit und vor aller Schandund reich uns Tag und Nacht dein Hand,zu wandeln als am lichten Tag,damit, was immer sich zutrag,wir stehn im Glauben bis ans Endund bleiben von dir ungetrennt. (EG 440)

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"