Glaube und Leben

Andacht zum 20. Sonntag nach Trinitatis

Einen Tag lang Freiheit

von Pfarrer Michael Landgraf

Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Markus 2, 23–28

„Da habe ich Zeit, und das Wetter stimmt, um am Haus zu werkeln. Doch wegen der doofen Sonntagsruhe darf ich nichts machen.“ Das Gebrummel eines Nachbarn an einem Sonntagnachmittag habe ich noch gut im Ohr. Lange schon beschäftigen sich Gerichte mit der Frage, was am Sonntag alles erlaubt ist. Wer den Rasen mäht, riskiert eine Strafe. Ständiger Diskussionsstoff ist, wann eine Sportveranstaltung oder ein öffentliches Fest am Sonntag beginnen darf. Dass während der Gottesdienstzeiten noch kein Frühschoppen stattfinden soll, führt auch zu Kritik an den Kirchen.

Beim Streit um den Ruhetag geht es meist um Details – wie auch in unserem Text. Pharisäer treten auf, also Angehörige einer Glaubensgruppe, die damals biblische Regeln sehr ernst nahmen und zu schützen suchten. Unerlaubt sei das, was die Jünger tun. Jesus, den seine Begleiter „Rabbi“, also „Lehrer“ nennen, lässt sich auf ein Streitgespräch ein. Dabei argumentiert er wie ein jüdischer Schriftgelehrter. Er erinnert an König David, den Hoffnungsträger von einst und jetzt. In seinen Anfängen hatte der sich auf der Flucht vor Saul auch nicht immer legal verhalten. Jesus nimmt als Beispiel eine Geschichte aus dem 1. Buch Samuel. Aus der Not geboren hatte David einen Priester für sich und seine Freunde um Schaubrote gebeten. Wenn diese durch frisches Opferbrot ersetzt wurden, durften allein Priester sie verzehren. Jesus nimmt also das Beispiel eines Größeren, um die Kleineren zu schützen. Wenn es also dem großen König David aus der Not heraus erlaubt war, Verbotenes zu tun, warum sollten nicht die Jünger ebenfalls etwas Anstößiges tun dürfen?

Bei diesem Streitgespräch stellt sich mir die Frage: Wie stehen Pharisäer und Jesus zueinander? Gerne wurde in der Vergangenheit eine Gegnerschaft aufgebauscht und mit einem angeblichen Gegensatz zwischen Judentum und Christentum verbunden. Das Menschensohnwort am Ende kann in diese Richtung gedeutet werden, wie auch die dramatische Zuspitzung in der nachfolgenden Wundergeschichte. Das Wort gehörte wohl nicht zum Streitgespräch, sondern diente den ersten Christen der Klärung, wer Jesus war: nämlich der Herr, der im Namen Gottes spricht. Doch erhebt sich Jesus nicht über das Schabbatgebot. Auch erweist er sich im Streitgespräch als loyaler Rabbi, der seine Schüler auf Basis der heiligen Schriften verteidigt. Während Markus verallgemeinernd von „den“ Pharisäern spricht, korrigiert Lukas in „einige“. Das zeigt, dass es sich hier um eine umstrittene Frage selbst unter den Pharisäern handelte.

Unstrittig ist das Armengesetz der Tora: Es ist erlaubt, sich durch Korn am Feldrand den Hunger zu stillen. Doch gilt das auch am Schabbat? Der Blick in den jüdischen Talmud zeigt, dass sich Jesus und die Pharisäer im Rahmen einer innerjüdischen Diskussion bewegen. Darin wird das Ährenabreiben, um sie zu essen, teils nicht als Erntearbeit eingeschätzt. Das betont auch der jüdische Evangelienausleger Pinchas Lapide. Er weist darauf hin, dass reife Ähren in Israel sowieso ohne Erntewerkzeuge durch Berührung in die Hand fallen. Eine wichtige Frage dabei ist auch, warum die Jünger dies tun. Matthäus ergänzt im Paralleltext, dass sie hungrig waren. So wird deutlich, dass es sich um eine Notlage handelt. Dies wundert nicht, denn Jesus und seine Jünger lebten von der Hand in den Mund, wie viele ihrer Zeitgenossen. Dadurch wird die Argumentation mit der David-Geschichte nun auch klar: Dass Menschen hungern, ist nicht im Sinne Gottes. Daher müssen die Grenzen der Regeln ausgelotet werden.

Was ist also am Ruhetag erlaubt? Von Jesus lerne ich, dass die Frage nicht mit einer Aufzählung von Regelungen beantwortet werden kann. Es geht darum, was in der Situation lebensfördernd ist – ähnlich wie in den Zehn Geboten. Auch sie sind kein abstraktes Regelwerk, sondern sie dienen als Wegweiser oder Navi dem Schutz des Lebens. Aus der Sklaverei in Ägypten entkommen sorgte das Schabbatgebot für die Freiheit, sich einen Tag lang Gott, den Menschen und sich selbst zu widmen. So lautet die zentrale Aussage unseres Textes, dass der Schabbat um des Menschen willen gemacht ist.

Der Ruhetag ist eine bleibende Gabe Gottes an seine Schöpfung, die auch für Pflanzen und Tiere gilt. In einer technisierten und wirtschaftlich orientierten Welt jedoch, für die es ärgerlich ist, wenn Maschinen stillstehen, ist der Ruhetag besonders wichtig. Das ist schon während der Industriellen Revolution vor 150 Jahren klar geworden, als Arbeitende ohne Ruhezeiten ausgebeutet wurden. Auch wenn die Sonntagsruhe in der Bibel wurzelt: Es war die staatliche sozialpolitische Gesetzgebung dieser Zeit, die den Sonntag durch Gesetze zu schützen suchte. Der biblische Ruhetag ist heute also verbunden mit einem gesellschaftlich gewollten Menschenrecht auf arbeitsfreie Zeit.

„Wäre es dir lieber, dass der Sonntag ein Arbeitstag ist?“, antwortete ich meinem Nachbarn auf sein Gebrummel. „Hast auch wieder recht“, sagte der und ging mit seiner Frau spazieren.

Michael Landgraf ist Leiter des Religionspädagogischen ­Zentrums in Neustadt und Bibelbeauftragter der Landeskirche.

Gebet

Guter Gott, du hast deiner Schöpfung den Ruhetag geschenkt. Nicht immer wollen wir uns auf diese Ruhe einlassen. Nicht immer können Menschen die Ruhe sorgenfrei genießen. Schenk uns Einsicht, dass wir deine Gabe annehmen. Lass uns dafür sorgen, dass es anderen gut geht, damit sie sich auf deine Ruhe einlassen können. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"