Glaube und Leben

Andacht zum 4. Sonntag nach Trinitatis

Der Splitter im Auge

von Pfarrerin Janina Kuhn

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen. Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister. Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Lukas 6, 36–42

Ein Mann hatte über seinen Nachbarn schlecht geredet. Dieser hatte es gehört und stellte ihn zur Rede. „Ich mache das nie wieder,“ versprach der Mann, „ich nehme alles zurück, was ich über dich erzählt habe.“ Der Nachbar sagte ernst: „Ich werde dir verzeihen, aber du musst etwas tun.“

„Ich bin gerne zu allem bereit,“ sagte der Mann zerknirscht. Der Nachbar holte ein großes Kissen und sagte: „Trag dieses Kissen bis zu dem letzten Haus im Dorf. Dann schneide ein Loch in das Kissen und komme zurück, indem du immer eine Feder nach rechts und eine nach links wirfst. Das ist der erste Teil.“ Der Mann tat es. Als er mit der leeren Kissenhülle zurückkam, fragte er: „Und was ist der zweite Teil?“ „Jetzt geh den ganzen Weg zurück und sammle alle Federn wieder ein.“ Der Mann stammelte verwirrt: „Das ist unmöglich. Der Wind hat die Federn weg geweht. Wie soll ich alle finden?“

Der Nachbar nickte ernst. „Das wollte ich hören! Genauso ist das mit Gerüchten. Einmal ausgestreut, fliegen sie durch alle Winde. Und man kann sie nicht wieder zurückholen.“

Diese Geschichte will uns davor warnen, wahllos und unüberlegt Dinge zu erzählen und überall zu verbreiten. Wenn ich Kritik habe, mir das Verhalten meines Gegenüber nicht gefällt oder ich es nicht verstehe, dann ist es viel besser, den anderen direkt zu fragen und anzusprechen, anstatt mit Dritten darüber zu reden. Jesus fordert uns dazu auf, barmherzig zu sein, also freundlich und geduldig mit den Schwächen der anderen umzugehen. Ihnen zu vergeben, wenn sie einen Fehler gemacht haben, und nicht noch darauf rumzureiten. Es wäre besser, wir würden uns zum Anwalt unserer Nächsten machen, ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen und sie eben nicht auf die Anklagebank zu setzen.

Worte, die einmal ausgesprochen sind, kann man nicht mehr zurücknehmen, sie sind in der Welt, entwickeln oft eine ganz eigene Dynamik und verbreiten sich wie Federn in alle Himmelsrichtungen. Manchmal auch nur in Bruchstücken, die dann beliebig ergänzt und verfälscht werden. Wir kennen das alle vom Spiel „Stille Post“: Da wird ein Wort oder ein Satz flüsternd von einem zum anderen weitergegeben und beim Letzten kommt etwas völlig anderes an als ursprünglich gesagt wurde. Daher muss man gut überlegen, worüber man redet und was vielleicht lieber unausgesprochen bleiben sollte. Jesus fordert uns dazu auf, vor allem uns und unseren eigenen Lebenswandel im Blick zu haben und nicht mit dem Feldstecher am Fenster zu stehen und unsere Nachbarschaft zu beobachten.

Es kann aber wehtun, wenn ich mich mit mir selbst auseinandersetzen muss. Wenn ich feststelle, dass ich keine Heilige bin, nicht ohne Sünde. Dass ich Fehler mache, Dinge sage oder tue, die ich später bitter bereue, weil ich weiß, dass das falsch war. Es ist ein harter und mühseliger Weg, an sich selbst zu arbeiten, sich zu bemühen, die eigenen Schwächen und schlechten Eigenschaften zu überwinden, und es kann fru­strie­rend sein, regelmäßig daran zu scheitern. Viel leichter ist es, sich mit den anderen zu beschäftigen: Die Nachbarin ist schon wieder schwanger, von wem denn diesmal? Sie schafft es ja nicht, sich um die zwei schon Geborenen zu kümmern! Die Bekannte bekommt nie Besuch von ihren vier Kindern, was für undankbare Menschen hat die denn großgezogen. Der Mann von gegenüber hat immer die Rolläden unten, weil er bestimmt was zu verbergen hat. Das Kind aus dem Nachbarhaus hat schon wieder den Arm gebrochen, da ist doch eindeutig Gewalt in der Familie an der Tagesordnung.

Woher wollen wir denn all diese Dinge wissen? Das sind doch pure Spekulationen, schwarze und hässliche Federn im Wind. Könnte ich nicht besser der Nachbarin und der Bekannten meine Hilfe anbieten, wenn ich spüre, dass sie alleine schlecht klarkommen? Mit dem Mann von gegenüber mal ein freundliches Wort wechseln? Das Kind wahrnehmen als eines, das eben sehr aktiv und lebendig ist? Ja, keiner ist ohne Fehler, einen Splitter haben wir alle im Auge, und sicher kann es auch mal hilfreich sein, wenn ich meinen Nächsten auf seine Verfehlungen anspreche – konstruktive Kritik, die nicht abwertend und verletzend formuliert ist, kann ein Segen sein. Aber Jesus bittet uns darum, uns dabei selbst nicht aus dem Blick zu verlieren, immer auch an unsere eigenen Balken zu denken.

Es macht doch sowieso viel mehr Spaß, über schöne Dinge zu reden: zu danken, zu loben, zu lachen, Komplimente zu machen. Jeden Tag ein gutes Wort zu jemandem, ein Lächeln verschenken. Das ist eine Wohltat, eine leichte Feder, die lustig im Wind tanzt!

Janina Kuhn ist Pfarrerin in der Pfarrei Am Potzberg im Kirchenbezirk Kusel.

Gebet

Gott, es fällt uns manchmal schwer, barmherzig zu sein, zu vergeben, nachsichtig und geduldig zu sein im Umgang mit unseren Nächsten. Schenke uns Gelassenheit und Sanftmütigkeit und die Einsicht, dass wir jeden Tag neu die Chance haben, ein besserer Mensch zu werden.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"