Glaube und Leben

Andacht zum 3. Sonntag nach Trinitatis

Der Ruf zur Umkehr

von Kirchenpräsident i.R. Eberhard Cherdron

Und des Herrn Wort geschah zu mir: Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden?“ So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. – Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben. – Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?

Hesekiel 18, 1–4. (21–22) 23 (24). (30–32)

Der Ruf zur Umkehr dringt heute durch viele Länder und Völker. Gemeint ist zuerst einmal der Ruf zur Umkehr in der sich abzeichnenden Klimakatastrophe. Wir sehen die Proteste der jungen Menschen in den Freitagsdemonstrationen, wir können uns über die mühseligen politischen Verhandlungen und Vorhaben weltweit und in unserem eigenen Land unterrichten. Wir fragen uns auch, was wir selbst, aber auch unsere Kirche, zu einer Veränderung beitragen können.

Und nun auch noch, mit dem Krieg in der Ukraine, die politische Feststellung einer „Zeitenwende“, eine totale Kehrtwendung in der Politik gegenüber Russland: Statt Demilitarisierung nun Aufrüstung, statt der Hoffnung auf eine gemeinsame, möglichst weltweite Friedensordnung nun die schreckliche Erkenntnis, dass immer noch Kriege als Mittel politischer Machtexpansion eingesetzt werden. Die Erinnerung an den von der Weltkirchenkonferenz 1948 in Amsterdam formulierten Satz „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“, scheint zu verblassen. Dabei war dies ein Satz der Umkehr nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs.

Wir suchen heute nach den richtigen Schritten der Umkehr, sowohl in der Klimakatastrophe wie in der Bedrohung des Friedens. Und wie das bei uns Menschen so ist, gibt es durchaus Streit in dieser Suche. Vor einem kontroversen politischen Hintergrund fordert auch Hesekiel die Umkehr des Einzelnen. Politisch war damals umstritten, wie Israel zwischen den beiden Großmächten Ägypten und Babylonien bestehen könnte. Falsche politische Entscheidungen führten ins babylonische Exil, das Hesekiel als Strafe Gottes für die Schuld des Volkes und des Einzelnen sieht. Hesekiel trennt nicht, wo es um falsche politische Entscheidungen oder die Schuld des Einzelnen geht. Beides kann Gottes Gericht herbeiführen.

Für Hesekiel ist es selbstverständlich, dass der Mensch sein Handeln vor Gott verantworten muss. Das konnte er auch bei seinen Hörern voraussetzen. Noch die Weltkirchenkonferenz 1948 war von dieser Vorstellung geleitet, als sie von „Gottes Willen“ sprach, der den Krieg verbietet. Eine solche Sicht scheint heute fast nicht mehr möglich zu sein. An die Stelle der Allmacht Gottes scheint die Allmacht des Menschen zu treten. Das zeigt sich besonders in den schrecklichen Szenarien, die sich hinter den Vorstellungen nationaler Herrschaftsanmaßungen verbergen. Der schlichte Satz, dass zwei so verbrecherische Diktatoren wie Hitler und Stalin keinen Gott über sich kannten, fordert uns auf, nach der Bedeutung des Glaubens an Gott für die Gestaltung des Lebens zu fragen.

Hesekiel sieht die Verantwortung des Einzelnen in der Orientierung an Gottes Gebot. Dies ist in den im Predigttext nicht aufgenommenen Abschnitten aufgeführt. Es sind Hinweise auf die Zehn Gebote, aber auch das Gebot der Zuwendung zu dem Nächsten, der unsere Hilfe braucht, sowie die Forderung nach Gerechtigkeit in allen Lebensbereichen.

Doch über allem steht die Feststellung, dass Gott nicht den Tod des Sünders will, sondern bei ihm die Umkehr und die Buße Vorrang haben. Entscheidend ist hier tatsächlich das Gottesverständnis. Christen kennen keinen an die Nation gebundenen Gott. Im Kreuz Jesu Christi ist uns gezeigt, dass wir alle nur von Gottes Vergebung leben.

Wenn Martin Luther einst in seinen Thesen zum Ablassstreit formuliert hat, dass unser ganzes Leben eine immerwährende Buße sein soll, dann nimmt er auf, was als Wille Gottes zum Leben des Sünders hier bei Hesekiel gesagt ist. Es ist das nie nachlassende Angebot der Umkehr, das Gott uns macht.

Doch wir können das ja nur hören, wenn uns eigene Schuld und Versagen bewusst sind. Es gilt Abschied zu nehmen von der auch in uns liegenden Versuchung, uns selbst als die immer Unschuldigen zu sehen.

Und wir werden leben können aus Gottes Vergebung und im Zeichen seiner Treue, in unserem persönlichen Leben und in der Gemeinschaft der Kirche, auch angesichts so mancher Bedrohung, aus der wir Ausflucht suchen.

Eberhard Cherdron war von 1998 bis 2008 Kirchen­präsident der ­Evangelischen ­Kirche der Pfalz.

Gebet

Du warest vormals gnädig deinem Land, du schontest es mit väterlicher Huld. Bei dir, o Herr, das Volk Errettung fand, und du vergabst aus Gnaden seine Schuld. In Liebe hatte sich dein Zorn verkehrt, es bat um Segen und es ward erhört. So tröste jetzt auch uns mit deiner Gnad, erbarme dich, vergib die Missetat. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"