Glaube und Leben

Andacht zum 8. Sonntag nach Trinitatis

Freiheit und Macht

von Pfarrerin Christine Gölzer

Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichtemachen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.

1. Korinther 6, 9–14 (18–20)

„Christen müssen artig sein, keine Party, keinen Wein. Ein Bein, das sich zum Tanzen regt, wird im Himmel abgesägt“ (Comedy-Duo superzwei). – Ja, manchmal kommen Christen genauso moralinsauer daher, wie in diesen kurzen Versen etwas scherzhaft beschrieben wird: als Spaßbremsen erster Güte eben. Dieser Paulustext heute mit der langen Liste von Verboten ist da nicht so ganz unschuldig dran! Und wenn mir in der Kindertagesstätte ein kleines Mädchen erklärt, dass das mit meinen lackierten Fußnägeln gar nicht geht, weil ich dann in die Hölle komme, dann fühle ich mich in eine fremde Welt versetzt. Ich will lachen und tanzen, auch mal ein Glas Wein trinken. Und guter Sex hat für mich durchaus etwas mit Lebensqualität zu tun.

Bin ich nun unartig? Meine Vorstellungen von einem Gott, der mich liebt und mich barmherzig ansieht, passt überhaupt nicht zu dieser langen Verbotsliste der Spaßbremse Paulus.

„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient mir zum Guten! Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht über mich haben.“ Nicht umsonst ist dieser Satz in der Lutherbibel fett gedruckt. Er ist für mich der Schlüssel zu dieser langen Liste von Lastern, die Paulus aufzählt.

Paulus erinnert hier seine Korinther daran, dass sie mit Leib und Seele ganz zu Gott gehören. Gott hat uns geschaffen als ganze Personen. Da kann man nichts trennen. Hier mein Körper und dort der Geist, der zu Gott gehört, das geht überhaupt nicht. Und genau das hätten die Korinther gerne gemacht. Dann wäre es nämlich egal, wie sie leben, Hauptsache der Geist ist bei Gott. Dagegen schreibt Paulus nun an. Beides gehört zusammen und beides gehört zu Gott, betont er – in beidem sind wir das Ebenbild Gottes!

Jesus Christus hat auch nicht nur einen Teil von uns erlöst, sondern den ganzen Menschen. In Jesus Christus haben seine Korinther einen Neuanfang gemacht, und den können sie nicht leichtfertig verschenken, weil sie meinen, die Seele hätte nichts mit ihrem Körper zu tun. Von Gott angenommen und geliebt, gerecht gesprochen zu sein, das ist kein Freibrief für ethisch fragwürdiges Verhalten nach dem Motto: Es geht doch nur um meine Seele und nicht um den ganzen Menschen!

Alles ist erlaubt! So weit geht Paulus mit. Die neu gewonnene Freiheit, die wir in Jesus haben, die heißt durchaus, dass alles erlaubt ist: Tanzen, ein Glas Wein und Sexualität. Doch genau hinschauen, das müssen wir schon. Schauen, ob es auch wirklich zum Guten dient und ob mein Verhalten nicht Macht über mich gewinnt. Die antike Hafenstadt kannte so einige Laster, und Paulus zählt so manche davon auf. Bei manchen von diesen Lastern finden wir uns wieder, verstehen, was gemeint ist, und wir wissen auch, dass das in der Tat nicht gut ist. Trunkenheit und Geiz, Promiskuität, nein, das dient in der Tat nicht zum Guten.

Bei anderen würden wir heute Fragezeichen machen. Homosexualität etwa bewerten wir sicher anders als Paulus damals. Nicht zuletzt durch seine ethischen Kriterien spüren wir hier aber, dass Liebe und Verantwortlichkeit nicht am Geschlecht eines Paares hängen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Liebe zwischen zwei Menschen für Gott verwerflich ist!

Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten und soll Macht über mich haben! Wenn wir diese vielen Laster hier unter diese Überschrift stellen, dann wird schon klarer, was Paulus gemeint hat: Sex, Drugs and Rock’n’Roll sind nur solange okay, solange sie nicht zu viel Macht über mich gewinnen und ich damit auch nicht über andere.

„Alles im Leben dreht sich um Sex, nur nicht der Sex. Der dreht sich um Macht!“ – Wo das zutrifft, da gerät etwas in Schieflage, und da wird die Freiheit der Kinder Gottes nicht mehr spürbar! Körper und Seele sind eine Einheit, und wir strahlen in beiden etwas von der Liebe Gottes aus, wenn wir den Rat des Paulus beherzigen. Dann habe ich immer auch mein Gegenüber im Blick und das, was ihm guttut an Seele und Körper. Macht hat in der Liebe nichts verloren!

Es geht also nicht um Tanzveranstaltungen, nicht um die Länge des Rocks, nicht um lackierte Fingernägel. Wir leben in einer liberalen Gesellschaft und nicht mehr im Korinth des Paulus. Das ist unsere Lebensart, und die ist nicht besser oder schlechter als die des Paulus. Es kommt drauf an, was wir daraus machen, es kommt drauf an, wie wir zeigen, dass wir zu Christus gehören, von ihm angenommen und geliebt sind. Und da ist dieser Schlüsselsatz eine wichtige Orientierungshilfe, denn wo Freiheit mit Macht verwechselt wird, da beginnt in der Tat die Sünde:

Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten, alles ist erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich!

Christine Gölzer ist Pfarrerin an der Dreifaltigkeitskirche in Speyer.

Gebet

Gott der Liebe und der Barmherzigkeit. Du schenkst uns die Freiheit zum Leben. Dafür danken wir dir. Befreie uns aus den Zwängen. Zeige uns immer wieder neu, wie sehr du uns liebst. Hilf uns, einander mit deinen Augen zu sehen und uns gegenseitig zu achten. Lass uns spüren, dass wir zu dir gehören mit allem, was zu uns gehört, mit Körper und Seele. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"