Glaube und Leben

Andacht zum Erntedankfest

Dankbarkeit als Antwort

von Pfarrer Thomas Vieweg

Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den Herrn, deinen Gott, vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft, und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war, und ließ dir Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen und speiste dich mit Manna in der Wüste, von dem deine Väter nichts gewusst haben, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit er dir hernach wohltäte. Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen. Sondern gedenke an den Herrn, deinen Gott; denn er ist’s, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen, auf dass er hielte seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hat, so wie es heute ist.

5. Mose 8, (7–11) 12–18

Wir hatten es gerade in der Zeitung gelesen und wollten uns gleich auf den Weg machen: Der Rhein hatte Niedrigwasser. Man hätte zu Fuß auf eine kleine Insel laufen können. Eine Sensation. Fast vier Monate kein nennenswerter Regen und dazu diese gnadenlose Hitze.

Da erreicht mich die Nachricht, eine Andacht für das Erntedankfest zu schreiben. Wie aber finde ich angesichts dieser widrigen klimatischen Bedingungen den Bogen zur christlichen Hoffnung und Dankbarkeit?

Ein Blick in den Text gibt deutliche Hinweise: Diese Worte sind mindestens 2600 Jahre alt. Im heißen Israel, auf trockenen Böden, war Landwirtschaft ein hartes Geschäft, wenn Ochs und Esel die einzigen Hilfen waren, um dem Boden etwas abzugewinnen. Und doch war es ein Land, von dem eben gesagt wurde, es ist ein Land, wo du genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt.

Der Gang der Erzählung sieht das Land als noch zukünftig vor Augen, doch als dieser Text niedergeschrieben wurde, war das Volk schon im Gelobten Land. Und die Ermahnung, die dann vor Augen gestellt wird: Hüte dich davor, den Herrn, deinen Gott, zu vergessen, wird sicher eine Replik darauf sein, dass der Mensch einer ist, der gerne nur auf sich selber schaut, auf seine eigenen Taten, auf das, was ihn ausmacht, aber den Schöpfer dabei gerne außen vor lässt. Interessant: Die Menschen waren schon im Gelobten Land, wo Milch und Honig fließen.

Auch wir wohnen in einem reichen Land. Hier ist seit Jahrzehnten Frieden, und wir erleben Heimat, wir trinken sauberes Wasser, wir haben zu essen und unser Auskommen: Und doch steigt die Unzufriedenheit und eine zunehmende Neid- und Streitkultur. Gott spielt immer weniger eine Rolle. Der Glaube an Jesus Christus tritt in den Hintergrund. Christliches Abendland ist ein wohlklingendes, aber nicht zeitgemäßes Wort geworden. Menschen treten aus der Kirche aus.

Hier wirkt unser Bibelwort: Vergiss es nicht, Mensch! Gott hat dir geholfen in der Not. In den „Wüsten-Zeiten“ deines Lebens. Er bewahrte dich vor „Skorpionen und Schlangen“, schickte dir „Manna“ in den entscheidenden Augenblicken und schenkte dir Wasser zu trinken. Vergiss es nicht, Mensch!

Es ist offenbar unsere menschliche Schwäche: Damals und heute. Wir vergessen genau dieses zu leicht. Dazu kommt der Übermut: „Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen.“ Wir wähnten uns so klug, so belesen und gebildet, dass alles doch berechenbar und steuerbar sei. Doch weit gefehlt: Gott erinnert uns an unsere Vergesslichkeit und hofft auf Antwort. Deshalb feiern wir dieses Erntedankfest auch in diesem Jahr.

Unsere Antwort ist die Dankbarkeit. Eine Dankbarkeit, die wir jeden Tag hoffentlich in uns tragen, dass wir in guter Weise leben können. Eine Dankbarkeit, die heute in besonderer Weise vor Augen steht, wenn es darum geht, für den Erhalt des Lebens durch die guten Gaben der Schöpfung zu danken. Und sollten wir es aus den Augen verloren haben, so werden wir heute daran erinnert: Die Gaben, die unser Leben grundlegend erhalten, sie mögen durch die vielfältige Arbeit von Menschen zu uns gelangen. Menschen tragen eine große Verantwortung dafür, dass überhaupt geerntet werden kann. Aber letztlich hat nicht einer von diesen so aktiven Menschen die Fähigkeit, wachsen zu lassen. Jeder muss erkennen, dass wir letztlich Beschenkte sind, Beschenkte der guten Gaben des Schöpfers.

Dies nicht zu vergessen, dafür Dankbarkeit zu empfinden, das sollte zu unserem Leben dazugehören, das sollte unser Leben bestimmen. Als ich diese Worte nun schreibe, regnet es draußen. „Danke für diesen guten Morgen!“

Thomas Vieweg war Dekan in der Pfalz sowie im ­Auslandsdienst in Kaliningrad und Malmö ­tätig. Er lebt im ­Ruhestand in Mainz.

Gebet

Du hast Himmel und Erde gemacht, Gott, du gibst uns Nahrung und erhältst uns am Leben. Du hast unser Leben geteilt, Christus, und hast uns Gottes Liebe zu dieser Welt gezeigt. Gott des Frühjahrs und der Erntezeit, hier sind wir: geschaffen nach deinem Bild, versöhnt in deinem Sohn, und offen für deine Gegenwart. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"