Glaube und Leben

Andacht zum 2. Sonntag Trinitatis

Eine lebendige Stimme

von Pfarrerin Waltraud Zimmermann-Geisert

Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach: Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen; doch sie wollten nicht kommen. Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren's nicht wert. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, alle, die sie fanden, Böse und Gute; und der Hochzeitssaal war voll mit Gästen. Da ging der König hinein zum Mahl, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis! Da wird sein Heulen und Zähneklappern. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

Matthäus 22, 1–3 (4–7) 8–14

Ein „schrecklich Evangelium“ hat Martin Luther dieses Gleichnis genannt. Wo ist der geduldige und gnädige Gott? Ein gewalttätiger Tyrann tritt uns entgegen, der es nicht verkraftet, dass man seiner Einladung nicht folgt. Er schickt seine Soldateska aus und brennt die Stadt nieder. Auch bei denen, die der Einladung gefolgt sind, erscheint er nicht in Feierlaune, sondern als kritischer Inspekteur, der den Gast, der sich nicht an die Kleiderordnung gehalten hat, unbarmherzig in die Finsternis hinauswerfen lässt. Mein Gott, ich erkenne ihn nicht wieder! Ist das noch der barmherzige Vater, der seinen heimkehrenden Sohn in die Arme schließt?

Wie bringe ich dieses Gottesbild zusammen mit dem mir vertrauten und lieb gewordenen Vatergott? Was hilft mir, diesen Gott, der mir in diesem Gleichnis entgegentritt, zu verstehen?

Vielleicht hilft der Blick in die Zeit der Entstehung: Der Evangelist Matthäus kennt die Geschichte Jesu und die seines Volkes. Was als Gleichnis daherkommt, ist die erlebte und erlittene Geschichte des Volkes Israel. Immer wieder ist Gott auf das Volk zugegangen und hat um es geworben. Aber immer wieder war es sich selbst genug. Immer wieder haben die Einladenden tauben Ohren gepredigt. Vor diesem Hintergrund versucht der Evangelist die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 zu verstehen. Gottes Geduld hat ein Ende. So muss diese Katastrophe sich ihm erklärt haben. Wie sonst war zu verstehen, dass die Heilige Stadt in Trümmern lag und der Tempel zerstört war!

Aber da ist auch noch die andere Geschichte. Die Geschichte derer, die der Einladung gefolgt sind. Sie dürfen feiern. Sie haben die Einladung ernst genommen. Perfekt ist diese Hochzeitsgesellschaft, die neue Gemeinschaft derer, die sich nach Christus nennen, zwar auch nicht. Gute und Böse haben sich da zusammengefunden, aber sei’s drum. Sie haben gehört. Sind nicht sie das neue Volk Gottes?

Passt auf! Da schleicht sich doch wieder etwas ein, was nicht passt in die Geschichte: Selbstgenügsamkeit, Überheblichkeit. Wir hier sind die Auserwählten, die eigentlichen Nachfolgerinnen und Nachfolger, die echten Christinnen und Christen. Und da kommt der König! Jetzt wird sich doch seine Stimmung bessern. Jetzt wird er doch in Feierlaune sein. Nein, er inspiziert seine Gäste und entdeckt schließlich einen, der sich nicht dem Anlass entsprechend gekleidet hat. Unbarmherzig wird er entfernt.

Wie soll ich das denn nun verstehen? Seit wann schaut Gott auf das Äußere? Schaut er nicht viel mehr das Herz an? Wieder fallen alle meine erlernten und gerne gehörten Trostworte in sich zusammen. Finde ich in diesem Gleichnis gar keinen gnädigen Gott?

Nun weiß ich, dass das Kleid ein Symbol für christliches Verhalten ist. Die Getauften bekommen ein neues Kleid. Für die Getauften bedeutet das Anlegen des weißen Kleids nach der Taufe ein neues Verhalten, eines nach dem Geiste und im Geiste Christi. Wer Gast ist beim Hochzeitsmahl, wer eingeladen ist und sich freut, dass er dazugehört, der kann nicht andere durch sein unchristliches Verhalten vor den Kopf stoßen.

Um das Gleichnis zu verstehen, habe ich die verschiedenen Schichten, die sich über das von Jesus erzählte Gleichnis gelegt haben, behutsam entfernt. Er verkündigt die Ernsthaftigkeit der Einladung Gottes. Das Himmelreich will nicht nur erwartet, sondern auch angenommen werden. Darüber legten sich die Gerichtserfahrungen des jüdischen Volks. Darüber legten sich die Erfahrungen in der frühen christlichen Gemeinde, dass sie eine sehr gemischte Gesellschaft war und eben nicht nur heiligmäßiges Verhalten an den Tag legte.

Und wir heute könnten auch noch eine Schicht drauflegen. Auch in unseren Gemeinden wundern wir uns, was ­Menschen mit dem Glauben an Jesus Christus alles vereinbaren können. Da kommt das christliche Abendland manchmal gewaltig in Konflikt mit der Predigt dessen, auf den es sich beruft.

Wenn ich das alles so bedenke, dann spüre ich auf einmal etwas von der Lebendigkeit des Wortes Gottes. Es musste immer neu in die Situation hineingesprochen werden. Neue Akzente mussten gesetzt werden, sonst wäre das Wort falsch verstanden worden. So ist es bis heute geblieben. Die Treue zu Gottes Wort erweist sich nicht in der Wiederholung, sondern in der Aktualität, mit der es verkündet und in die Situation hineingesprochen wird: Viva vox evangelii – die lebendige Stimme des Evangeliums, die hör’ ich dann doch noch heraus aus diesem „schrecklich Evangelium“. Gott sei Dank!

Waltraud Zimmermann-Geisert ist Dekanin im Kirchenbezirk Pirmasens.

Gebet

Lebendig ist dein Wort, Gott, nicht bequem, oft anstößig. Es bringt uns aus dem Tritt, unterbricht die Routine des Denkens und Handelns, verstört und lässt uns aufhorchen, führt uns heraus aus den alten Bahnen und auf neue Wege. Erhalte uns bei diesem lebendigen Wort, dass wir die Einladung in dein Reich nicht überhören. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"