Glaube und Leben

Andacht zum dritten Advent

Es muss Liebe sein

von Pfarrer Dietmar Zoller

Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18, 50): „Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.“ Und wiederum heißt es (5. Mose 32, 43): „Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!“ Und wiederum (Psalm 117, 1): „Lobet den Herrn, alle Heiden, und preisen sollen ihn alle Völker!“ Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11, 10): „Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais, und der wird aufstehen, zu herrschen über die Völker; auf den werden die Völker hoffen.“ Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Römer 15, 4–13

Wir lesen heute schnell darüber hinweg, wenn Paulus von Juden und Heiden schreibt. Doch drücken diese beiden Worte damals die größtmögliche Unterschiedlichkeit aus. Paulus musste erst mal erklären, dass weder die einen noch die anderen hinten runterfallen. Das Heil in Christus setzt bei den Juden an, damit die Verheißungen Gottes erfüllt werden, aber es wird dann auf die Heiden geweitet, weil Gottes Barmherzigkeit allen offensteht. Es war ein Riesenschritt für die frühe christliche Gemeinde als Juden und Nichtjuden zusammenzuleben. So wuchs Hoffnung. Sichtbar auch für andere.

Das ist nun lange her. Aber Unterschiede bleiben. Und die Annahme durch Christus bleibt. Auch in unseren Gemeinden. Es gibt Arme und Reiche. Traditionalisten und solche, die es lieber modern haben wollen. Welche, die mehr für das Beten sind und andere, denen eher das Zupacken liegt. Solche, die mit großer Offenheit über die menschliche Sexualität staunen, und andere, denen die eigene Moral enge Grenzen setzt. Jene, die Angst haben vor einer Überfremdung unseres Landes, und jene, die in einer offenen Gesellschaft ganz neue Möglichkeiten der Entwicklung entdecken. Die Botschaft bleibt die Alte: die größtmögliche Strahlkraft erlangen wir, wenn wir einander annehmen und miteinander leben lernen. Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Versteht euch als Bereicherung und stellt nicht gegenseitig euer Christsein infrage. Seht euch als Geschwister!

Vor einigen Jahren in der Adventszeit hatten wir in unserer Kindertagesstätte Regenbogen eine Aktion, die hieß: „Ich will dein Engel sein.“ Die Kinder erkannten, dass der Dienstauftrag von Engeln sich nicht auf das Krippenspiel beschränkt. Und weil Engel eben auch nicht immer Männer mit Flügeln sein müssen, wussten sie sich selbst herausgefordert und besuchten andere: Führten den Hund einer kranken Frau spazieren. Besuchten einen alten Mann, um ihm ein Bilderbuch vorzulesen, sangen im Altenheim fröhliche Lieder. Jeder Tag hat mehr als eine Situation, die geeignet ist, andere anzunehmen, wie Christus auch uns annimmt.

Gegenwärtig müssen wir uns immer wieder mit Kirchenaustritten, sinkenden Gemeindemitgliederzahlen und zurückgehendem Gottesdienstbesuch beschäftigen. Wir fragen uns, wo sind die Jungen? Was könnten wir tun? Braucht uns die Welt überhaupt noch? Wer sollte aber dann daran festhalten, dass Versöhnung selbst in größter Verschiedenheit möglich ist. Wo sonst sollte die Dicke des Geldbeutels, die Farbe der Haut, die Art der Klamotten, die Straße, in der du wohnst, die geringste Rolle spielen? Wo das Talent, das dir innewohnt, die unverwechselbare Persönlichkeit, die du bist, die größte Beachtung finden? Ehrlich den anderen anders sein lassen, ihn schätzen und wo nötig auch mal unterstützen können, das macht die Hoffnung in der Welt groß.

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir vor lauter Scheinheiligkeit jeden Konflikt unter den Teppich kehren. Es gibt eine verlogene Art der Annahme, die fromm alles und jeden freundlich weggrinst und doch nur Oberfläche bleibt. Wir dürfen auch ehrlich sein, wenn wir mit jemandem nicht können. Wir scheitern an manchen Persönlichkeiten, die sich uns querlegen wie Gallensteine. Da darf man sich nach erlittenem Schmerz auch schiedlich friedlich aus dem Weg gehen.

Kurz vor Weihnachten und darüber hinaus sollten wir aber gewissermaßen die Leuchtreklame Gottes sein. Wir leuchten in einer Welt, die ihre kleinen und großen Konflikte hat. Und dieses Leuchten geschieht sogar absolut klimaneutral. Es sind die kleinen Wunder der Annahme, die die großen Wunden der Welt etwas erträglicher machen. Sie machen Hoffnung auf eine Gemeinschaft, in der nicht alles konfliktfrei ist, in der aber Konflikte ausgehalten, gelöst oder bearbeitet werden, um zu einem „etwas besser“ zu gelangen. Unsere Hoffnung beschränkt sich deshalb nicht nur darauf, die Weihnachtstage mit den Freunden und Verwandten, die wir an diesen Tagen wiedersehen, irgendwie halbwegs anständig zu überstehen, sondern durch diese Tage zu einer vertieften Gemeinschaft zu finden.

Ob das gut geht? Wenn wir uns dann nach dem Fest die Frage stellen, warum tun wir uns das Jahr für Jahr an, dann finden wir hoffentlich zu der Antwort: Es muss Liebe sein!

Dietmar Zoller ist Dekan im Kirchenbezirk Bad Bergzabern und Mitglied der Landessynode.

Gebet

Gott der Geduld, des Trostes und der Hoffnung, du hast uns in Jesus Christus angenommen, damit wir zu Boten des Friedens und der Freude werden. Lass unter uns wie Zündstoff deinen Geist in Gemeinsamkeit entflammen, sodass aus Vielheit Einheit wird. Amen. (In Anlehnung an: Augustinus Confessiones 4, 8, 13)

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"