Glaube und Leben

Andacht zum 9. Sonntag nach Trinitatis

Gott ist ganz nah

Andacht zum 9. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Klaus Bümlein

Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten. Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder und Schwestern, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Philipper 3, (4b–6) 7–14

Das ist ein harter Brocken, in diesem so liebenswerten Brief voller Freude und Herzlichkeit. Paulus, der von dem schroffen Glaubensbruch in seinem Leben schreibt. Oft betrachte ich das große Glasfenster in der Speyerer Gedächtniskirche. Da sehen wir einen Paulus, wie vom Blitz getroffen. So liegt er am Boden vor den Toren von Damaskus. Die Begegnung mit Christus hat ihn buchstäblich „umgehauen“. Der Eiferer für das Gesetz, der rabiate Verfolger der jungen Gemeinden wird verwandelt. Einer, der von Christus berufen wird zum Apostel der Gnade, ein Herausgerissener und Gezeichneter. Zwei Botschaften will ich herausheben, zwei Goldkörner in diesem Textbrocken.

Einmal: Paulus präsentiert eine befreiende Gottesbeziehung. Er möchte in Christus gefunden werden und entdeckt „die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben“. Viele kämpfen mit dem Abbruch ihres Kinderglaubens, der mit ihren schweren Erfahrungen als Erwachsene nicht zusammenstimmt. Aber noch härter fällt der Abschied von einem Gott, der uns nur gut will, wenn wir Leistung bringen. Wenn wir genug Frömmigkeit, Kreativität und Taten für ihn aufbieten. „Für mich war Gott damals ein Tyrann, ein Diktator, der unbedingten Gehorsam verlangt, bevor er entgegenkommt.“ Kürzlich las ich wieder diese Worte einer Frau in der Lebensmitte. Irgendwo steckt in uns der Wunsch, dass wir selber viel bieten und leisten können. Auch gerade Gott gegenüber. Sich etwas schenken lassen, wird dann gefährlich. Der Bruch im Glauben des Paulus zeigt genau hier eine Wende. Paulus erkennt, dass er nicht erst zu Gott kommt durch die perfekte Erfüllung der Gebote. Christus: Das bedeutet ein unfassbares Entgegenkommen Gottes, geschenkte Gerechtigkeit. Oder, um die Zentralworte einzusetzen, die bei Paulus anderswo stehen: „Gnade“. „Liebe“ bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz.

Wem das ernsthaft aufgeht, der gerät in eine Lebenswendung hinein auf der Linie des Paulus. Für manche ein Schock in ihrem Leben. Für andere ein einschneidendes Ereignis. So war es bei der Kauffrau Lydia in Philippi, von der es in der Apostelgeschichte heißt: dass ihr der Herr das Herz öffnete, dass sie genau auf Paulus hörte und in ihm den Ruf Gottes entdeckte. Für die meisten wird sich diese Wendung nicht in einem Nu ereignen, sondern langsam. Auch ich könnte nicht von einem Event berichten, wo Christus mich mit einem Pfingstblitz verändert hat. Aber wir brauchen diese Abkehr von einem Gott der Leistung hin zu einem Gott der befreienden Gnade. Gott, dem wir nichts zu bieten brauchen als die Antwort unseres Vertrauens, den Glauben.

Und nun das andere Goldkorn: Das Ziel ist noch nicht erreicht: „Ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“ Obwohl der Apostel alles in Christus empfängt, bildet er sich nicht ein, schon am Ziel zu sein. Die Wendung durch den uns entgegenkommenden Gott erlaubt ihm weder Selbstzufriedenheit noch Tatenlosigkeit. Paulus greift zu einem sportlichen Bild, wie es aus den antiken Festspielen von Olympia vertraut war. Die den Siegespreis beim Wettkampf erringen wollten, hatten alle Energie einzusetzen. Der Apostel steht ihnen nicht nach: Er setzt alles ein, um das Ziel zu erreichen, den „Siegespreis der himmlischen Berufung in Christus Jesus“. Er arbeitet mit „aufgeregtester Aktivität“ (Karl Barth). Waren es nicht die aktivsten Christen, die am tiefsten von der Gnade gepackt wurden? Martin Luther ist nur ein Beispiel.

Das ist das Zweite, was ich von Paulus lernen möchte: wie aus dem Glaubens- Vertrauen so viel Energie nach vorne entstehen kann. Denken wir noch einmal an Lydia, die Geschäftsfrau in Philippi. Sie war von der Botschaft des Paulus ergriffen. Aber das bremste ihre Aktivität keineswegs. Sie „nötigte“ Paulus und die Getauften, in ihr Haus zu kommen. Eine Gastgeberin mit Tatendrang und mit einer großen, neuen Hoffnung.

Kürzlich waren es 100 Jahre seit dem Tod Christoph Blumhardts in Bad Boll (1842 bis 1919). Der Sohn eines charismatischen Vaters und einer ungewöhnlichen Mutter wurde ein Seelsorger von Gottes Gnaden, ein prophetischer Zeuge der weltweiten Hoffnung. Dazu ein Freund der einfachen Arbeiter und „Sozis“, Gegner der Kriegsbegeisterung noch als alter Mann. Wer aus der Gnade lebt, sagte er drastisch, der ist kein „Faulenzer“. Vielmehr: „Bin ich aus Gnade gerecht, so bin ich aus Gnade ein Arbeiter für die Gerechtigkeit.“ Glücklich alle, die etwas vom Gott dieser Gnade entdecken und so aktiv werden.

Dr. Klaus Bümlein war bis 2006 Bildungsdezernent der Evangelischen Kirche der Pfalz.

Gebet

Gott der geschenkten Gerechtigkeit, lass uns umgehen lernen mit deiner großen Gabe. Heile die Verletzungen unserer Seele und gib uns ein freies Vertrauen zu dir. Hilf uns einstehen für Gerechtigkeit mit unsern Kräften heute. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"