Glaube und Leben

Andacht zum Sonntag Judika

Gottes zukünftige Stadt

von Pfarrer Christoph Knack

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.

Hebräer 13, 12–16

Zeige ich mich verletzlich? Wer tut das schon gern? Schutzräume dagegen tun mir gut: abends nach einem langen Tag auf der Couch die Welt einfach mal ausgesperrt lassen – draußen vor der Tür. Sich einrichten mit Kissen und Decke, einem Tee, einem guten Buch oder einem Film – ein sicherer Platz für mich: Das muss doch mal sein, oder? Ja, muss! Die Welt da draußen fordert oft viel: Beruf, Familie, Weltgeschehen.

Das kann schnell zu viel werden. Zeige ich mich verletzlich? Nun ja, nicht gerne. Aber ich weiß, dass es mir hilft, wenn ich es wenigstens ab und an zulasse. Wenn die Ruheinsel auf der Couch nicht reicht, sondern ich mich mal bei einem guten Freund „ausweinen“ kann.

Und auch im fordernden Alltag der Welt: Wie wäre es da ohne Menschen, die nicht auch mal ihr Herz offenlegen? Ohne Menschen, die sich angreifbar machen, die nicht hinterm Berg halten mit ihren Verletzungen und Hoffnungen? Ziemlich tot wäre das! Ohne Leidenschaft bleibt vieles starr: Dann bewegt sich nichts im Büro oder im Arbeitsteam oder auf der abendlichen Sitzung.

Sich herauswagen, mich herauswagen – dazu lädt mich der Weg Jesu ein. Draußen vor dem Tor hat er gelitten. Er hat sich herausgewagt, hat Leidenschaft und Verletzlichkeit gezeigt. Der Prediger aus Nazareth hat erzählt von Gottes grenzüberschreitender Liebe, er hat als Helfer und Heiler sich denen am Rand zugewandt. Er hat mit Kindern gespielt und getanzt. Er hat eifrig gestritten und sich nicht vor dem Urteil anderer gefürchtet. Und von ihm wird erzählt, dass er gelernt hat, eigene Grenzen zu überschreiten, als eine Frau aus einem anderen Volk ihn um Hilfe für ihre Tochter bat. Sein Leben erzählt davon, dass er bei den Menschen draußen war, außerhalb üblicher Sicherheitsbereiche. Aus Liebe.

In der Liebe bin ich aber auch besonders verletzlich.

Aber so höre ich die Einwände in mir: „Und was hat es Jesus gebracht, sich herauszuwagen? Er ist aufgefallen, und es hat ihn das Leben gekostet. Ein elender Tod am Kreuz auf Golgatha, draußen vor den Toren der Stadt!“

Die Stimmen, die zurück in die befestigte Stadt rufen, sie heißen Sicherheitsbedürfnis und Angst. Auch diese Stimmen haben ihr Recht. Sie lehren mich Rücksicht und Vorsicht.

Jesu Hingabe, sein Weg hinaus aus der sicheren Stadt, sein Weg ans Kreuz hat uns „geheiligt“.

Was heißt das? Für mich bedeutet das: Christus kennt meine Angst und mein Sicherheitsbedürfnis. Und er weiß um die Grenzen meiner Fähigkeit zu lieben. Darum ist er selbst rausgegangen.

Christus hat seine sichere Stadt verlassen. Gottes Sohn hat seine Liebe nicht begrenzt, auch wenn sie ans Kreuz geführt hat. Damit wir furchtloser leben und sterben können.

Jesus zu folgen, hinaus aus unseren Sicherheitszonen, ist darum nicht einfach geworden. Auch in der Nachfolge Jesu lebt es sich nicht unverletzbar und gänzlich furchtlos.

Leiden und Leidenschaft erleben

Aber durch Jesu Weg kann ich lernen: Schritt für Schritt kann ich mich auch auf noch ungeübtes Parkett wagen. Ich lerne, Unsicherheit nicht zu überspielen und gewohnte Trampelpfade zu verlassen.

Und ich ahne: Jesus ist bei mir, wenn ich meine Verletzlichkeit zeige und wenn ich hingehe zu den Verletzten. Zu denen, draußen vor dem Tor.

Da, wo mir Menschen erzählen von ihren seelischen oder körperlichen Wunden. Da, wo ich Anteil nehme an Kummer oder an stürmischer Sehnsucht nach neuem Leben.

Draußen vor meinen Türen, an den oft wenig gesehenen „Rändern“ unserer Städte und Dörfer. Draußen vor den Mauern unserer Gemeinderäume und Kirchen. Draußen vor den Toren Europas. Da, wo ich Leiden erlebe, aber auch Leidenschaft. Da, glaube ich, ist Jesus dabei.

Und die Hoffnung lebt mit ihm auf. Die Hoffnung auf Gottes zukünftige Stadt, wo keine Tränen mehr sind.

Ich glaube, es gehört beides zusammen: Die eigene Verletzlichkeit annehmen können und hingehen können zu denen, die verletzt sind. Wer trauern kann, kann besser trösten. Wer um die eigenen Wunden weiß, kann besser Wunden verbinden.

Zeige ich mich verletzlich? Mit Jesu Hilfe will ich es lernen.

Christoph Knack ist Pfarrer in Ludwigshafen- Gartenstadt.

Gebet

Ach Jesus, nimm mich mit! Nimm mich hinaus aus meinen Mauern, begleite mich im Ungeschützten und führe mich aufs Feld jenseits der Tore. Heilige uns, deine Kinder, damit unsere Tränen sich lösen, damit unser Gesang von der Liebe künde. Christus, nimm uns mit auf deinem Weg. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"