Glaube und Leben

Andacht zum 1. Sonntag nach Epiphanias

Um Hilfe beten dürfen

von Pfarrer Tilman Grabinski

Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der Herr Wunder unter euch tun. Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der Herr sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen. Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des Herrn, eures Gottes! Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan. Und die Priester, die die Lade des Bundes des Herrn trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

Josua 3, 5–11. 17

London im Jahr 1894. Die Zeit der Pferdefuhrwerke und Droschken. Die Zeitung „The Times“ sagte voraus, dass bis 1950 die Straßen der Innenstadt mit einer drei Meter hohen Mistschicht bedeckt sein werden. 1898 tagte in New York eine internationale Konferenz zur Lösung des Problems. Bereits nach drei Tagen wurde diese ergebnislos abgebrochen, denn niemand konnte sich ein Auto vorstellen.

Hinter dieser – wahren – Geschichte steckt eine bestimmte Geisteshaltung, die wir leider Gottes oft genug haben und die uns das Leben schwer macht.

Nach dem Auszug aus Ägypten führte Josua das Volk Israel hinein in das von Gott versprochene Land. Dabei standen sie vor dem Problem, dass sie den Jordan überqueren mussten. Aber zumindest für Josua stellt das kein Problem dar, denn er verspricht ein Wunder.

Wie kommt er darauf, ein Wunder zu versprechen? Sollte man da nicht zuerst mal nach einer Brücke suchen? Oder nach Booten? Oder zumindest nach einer Furt? Sollte man nicht zuerst mal seinen eigenen Grips anstrengen? Wir haben doch unseren Verstand, unsere Ideen, unsere Kräfte, unsere Erfahrungen nicht umsonst bekommen. Josua scheint etwas naiv zu sein. Heißt nicht ein alter Ratschlag „Bete und arbeite“? Er scheint auf etwas anderes zu setzen: „Bete, statt zu arbeiten.“

Aber welch Elend, wenn wir uns nur auf unsere Erfahrungen und unsere Kräfte beschränken! Dann ist die Gefahr groß, dass wir stecken bleiben.

Gott aber hat noch ganz andere Möglichkeiten! Und damit rechnet Josua! Gottes Möglichkeiten schließen meine Lebenserfahrungen und meine Möglichkeiten und mein Geld und meine Zeit und meine Kraft mit ein, aber erschöpfen sich nicht darin.

Es ist doch völlig logisch, dass man zu wenig Zeit hat, wenn Kinder da sind und man auch noch arbeitet. Es ist doch völlig logisch, dass das Geld immer mal wieder knapp ist. Und die Kräfte sind doch auch begrenzt.

Josua aber rechnet mit Gottes Möglichkeiten. Und es geschieht ein Wunder. Wie auch immer man sich das vorstellen mag, das Wasser geht zurück und alle durchqueren trockenen Fußes den Fluss. Es gibt Menschen, die sagen, sie können sich das nicht vorstellen. Denen sage ich: Ich mir auch nicht. Wie soll das gehen? Keine Ahnung. Es gibt Menschen, die sagen, sie können das nicht glauben. Denen sage ich: Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist!

Wie war das noch in London mit dem Pferdemist? Hätten die damals Recht behalten, würden wir hier auch kniehoch in Pferdeäpfeln waten. Tun wir aber nicht. Denn es kam etwas, mit dem niemand gerechnet hat und eben nicht das, mit dem alle rechneten.

Was ist nötig? Josua sagt: „Heiligt euch!“ Anders gesagt: „Bereitet euch darauf vor, Gott zu begegnen. Rechnet mit ihm. Jammert nicht zuerst. Traut ihm etwas zu. Und zwar mehr, als ihr euch vorstellen könnt.“

Jesus wird nicht müde, uns zu ermahnen, um alles zu bitten. Also keine falsche Bescheidenheit. Und bloß keinen Stolz. Wie entlastend ist es, wenn man bei Problemen erst um Gottes Hilfe beten kann und dann die Sache angeht.

Wer anfängt, Gott zu vertrauen und sich auf ihn einzulassen, wird Erfahrungen machen, von denen er bisher nicht zu träumen wagte. Erfahrungen, die uns staunen machen und die uns dazu bringen, Gottes Größe anzubeten.

So wie es Karoline erlebt hat: Ständige Schmerzen im Fuß. Zwei Jahre lang. Zermürbend. Beim geliebten Sport tat es noch weher. Sie war verzweifelt. Sie hatte sich vor zwei Jahren beim Trampolinspringen das Fußgelenk gebrochen. Die Ärzte meinten, eine Operation sei nicht sinnvoll.

Und dann bekam ich von ihr Anfang August eine Whatsapp: „Es ist kaum zu glauben. Heute habe ich das komplette Training absolviert: Leichtathletik, Ausdauer, Schwimmen, Joggen. Und dennoch tut der Fuß bis jetzt nicht weh, kein bisschen. Wow!“

Karoline hat eine Heilung erlebt. Ein Wunder. Denn es wurde dafür gebetet, dass ihr Fuß geheilt wird. Die Hand wurde auf das kaputte Fußgelenk gelegt und ganz konkret dafür gebetet, dass Gott jetzt mit seinen heilenden Kräften und mit seinem Geist kommt; dass er das richtet, was nicht in Ordnung ist und heilt, was kaputt ist. Dabei war zu spüren, wie sich im Knöchel etwas bewegt hat. Karoline hat später gesagt, sie hätte den Fuß nicht bewegt, sie hätte da ganz stillgehalten. Und danach war der Fuß völlig schmerzfrei und ganz belastbar. Und dafür ist Karoline Gott unendlich dankbar. Nicht umsonst heißt es in der Bibel: „Für Gott ist nichts unmöglich“ (Lukas 1, 37)!

Tilman Grabinski ist Pfarrer an der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Kaiserslautern.

Gebet

Guter Gott und Vater, wir brauchen dich. Wir brauchen dich wie das Wasser und die Luft. Denn ohne deine Kraft können wir gar nichts tun, noch nicht einmal einen einzigen Atemzug. Vergib uns, wenn wir zu schnell nur auf unsere Erfahrungen und Kräfte schauen und zu wenig auf dich und deine Möglichkeiten. Und zeig uns deine täglichen Wunder. Amen.

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"