Das unantastbare Buch? 

Von der Kunst, mit der Bibel umzugehen

Bibelkunstobjekt der Papierkünstlerin Silvia Mielke. Foto: privat

Frankenthal (lk). Die Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde in Frankenthal lädt dazu ein, sich mit dem Bibelkunstprojekt „Vielfalten“ auseinanderzusetzen. Geplant sind ein Gesprächsabend am 18. Oktober, ein Gottesdienst am 21. Oktober und ein Bibelmarathon mit Ausstellung am 3. November. Es sei „wichtig und konsequent reformatorisch“, dass die Kirche zeitgemäß, kreativ und unkonventionell mit ihrer Tradition umgehe und dabei auch die Heilige Schrift selbstkritisch ins Gespräch bringe, sagt Dekanin Sieglinde Ganz-Walther. „Deshalb widmen wir uns in Frankenthal dem Vielfalten-Projekt.“

„Das Unantastbare an der Bibel ist ihr Inhalt. Für uns ist die Bibel Gotteswort in Menschenwort – also nicht Originalton Gott, sondern Gott, wie ihn die Menschen verstanden haben. Daraus versuchen wir abzuleiten, wie Gott heute zu verstehen ist. Aus der Bibel erfahren wir von dem neuen Verhältnis Gottes zu den Menschen, wie Jesus aus Nazareth es gepredigt und vorgelebt hat und wie die Christen der ersten Generationen versucht haben, es in ihrem alltäglichen Leben umzusetzen. Insofern ist die Bibel für uns etwas Heiliges, das heißt: etwas, das zu Gott gehört“, unterstreicht der Bildungsdezernent der pfälzischen Landeskirche, Oberkirchenrat Michael Gärtner.

Alte Bibeln und erst recht die alten Handschriften hätten einen hohen historischen Wert und sollten deshalb nicht angetastet, sondern aufbewahrt werden. Auch alte Familienbibeln mit ihren Eintragungen zur Familiengeschichte seien nicht ersetzbar. „Aber die modernen Bibelübersetzungen sind Massenware und jederzeit ersetzbar“, sagt Gärtner, der bei einem Gesprächsabend am 18. Oktober um 19 Uhr im Dathenushaus Frankenthal einen Impulsvortrag zum Thema „Das unantastbare Buch? Von der Kunst, mit der Bibel umzugehen“ hält. Die Moderation hat die landeskirchliche Projektleiterin zum Unionsjubiläum und Initiatorin des Kunstprojekts, Pfarrerin Mechthild Werner. Die Jockgrimer Papierkünstlerin Silvia Mielke präsentiert ihr Vielfalten-Kunstwerk und steht für Gespräche zur Verfügung. Die musikalische Gestaltung des Abends übernimmt der Posaunenchor Frankenthal unter der Leitung von Bezirkskantor Eckhart Mayer.

Im Gottesdienst am 21. Oktober um 10 Uhr in der Zwölf-Apostel-Kirche hält Pfarrerin Mechthild Werner die Predigt. Dekanin Sieglinde Ganz-Walther, Gemeindepfarrer Uwe Laux, Jugendliche, Presbyter und Organist Daniel Heitz gestalten den Gottesdienst mit. Ein Bibelmarathon unter dem Motto „Heilige Schrift – hold the line“ ist am 3. und 4. November von 15 bis 1 Uhr in der Zwölf-Apostel-Kirche geplant. Das Projekt, bei dem möglichst viele Menschen die Bibel von Anfang an vorlesen sollen, wird mit einer ökumenischen Andacht eröffnet und von einer von den Konfirmanden und der landeskirchlichen Kunstbeauftragten Birgit Weindl zusammengestellten Ausstellung mit umgearbeiteten alten Bibeln umrahmt, teilt Pfarrer Laux mit.

Das Bibelkunstprojekt „Vielfalten“ ist als Prozess angelegt und zum Mitmachen gedacht. Nach 500 Jahren Reformation 2017 feiert die Landeskirche in diesem Jahr „200 Jahre Pfälzer Kirchenunion“. 1818 kamen die beiden geschiedenen evangelischen Konfessionen, Lutheraner und Reformierte, in der Pfalz wieder zu einer Kirche zusammen. Sie fanden – bei aller Vielfalt – die Einheit in der Schrift. Wie schon bei Luther sollte wieder gelten: Allein das Wort. „Ein Bibelprojekt lag nahe, um die Jubiläen zu verbinden und zu zeigen, was uns Christen verbindet: das Wort“, erläutert Mechthild Werner. „Wir wollten fragen, was uns heilig ist: das Buch, das Papier, das Medium oder der Inhalt als lebendiges Wort Gottes?“

Die landeskirchliche Kunstbeauftragte Birgit Weindl bietet dazu Workshops für Gruppen an, die sich in vielfältiger Weise mit Inhalt und Form der Bibel auseinandersetzen. Papierkünstlerin Silvia Mielke hatte im Auftrag der Landeskirche eine Idee entwickelt, die ebenfalls zum Mitwirken anregen sollte. Sie faltete unzählige Seiten ausgemusterter Gemeindebibeln, knüpfte daraus ein 500 Meter langes Band und wickelte es auf mächtige Telefonkabeltrommeln.

Das Bibelkunstprojekt war besonders im Kirchenbezirk Kaiserslautern umstritten. Dort wurden eine öffentliche Auseinandersetzung und Präsentation abgelehnt. In der Ludwigshafener Kulturkirche Friedenskirche fand am 16. September unter dem Titel „Gottes Wort am laufenden Band“ ein Gottesdienst mit Performance und einem Künstlergespräch mit Silvia Mielke statt.

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