Polizeiseelsorgerin Anne Henning über ihre Arbeit 

Den Menschen hinter der Uniform sehen

Polizeiseelsorgerin Anne Henning.

Neustadt (lk). Seit zwei Jahren ist Anne Henning als Evangelische Seelsorgerin im Bereich Polizei- und Notfallseelsorge in Rheinland-Pfalz tätig. Davor war sie zwölf Jahre Oberpfarrerin bei der Bundespolizei in St. Augustin bei Bonn. „Christ sein bedeutet nicht nur Kirchenbesuch, wir müssen auch für die Menschen in ihrem alltäglichen Leben da sein“, begründet Henning ihren Wechsel zur Polizeiseelsorge. „Dies betrifft auch die Menschen mittleren Alters, die fest im Beruf stehen und vermeintlich nur wenig Hilfe benötigen. Bei den Polizisten kommt außerdem noch hinzu, dass viele nur den Beamten in Uniform sehen, wenige blicken auf den Menschen, der dahinter steht.“ Besonders in den letzten Monaten sei der Berufsalltag für die Polizeibeamten in Rheinland-Pfalz belastend gewesen.

Zwei Ereignisse seien hierfür maßgeblich, meint die Seelsorgerin. Zum einen werden die Beamten in Rheinland-Pfalz, so wie bereits in diversen anderen Bundesländern, seit Beginn dieses Jahres einer speziellen Antiterrorausbildung unterzogen. Diese soll den Beamten, die im Falle eines Anschlages meist schon vor den Spezialkräften am Tatort eintreffen, den Umgang mit der dortigen Situation ermöglichen. Zum anderen wurden auch viele Beamte aus Rheinland-Pfalz beim G20-Gipfel am 7. und 8. Juli nach Hamburg beordert. Dort waren sie mit einem bisher nicht gekannten Ausmaß gewaltsamer Demonstrationen konfrontiert. Zudem wurde über die Rolle der Polizei während des Einsatzes in den Medien und in der Gesellschaft kontrovers diskutiert. Über die besonderen Herausforderungen, die diese Ereignisse für die Seelsorge bedeuten, spricht Anne Henning mit uns im Interview:

Inwieweit hat sich die neue Gefahrenlage durch den Terror und die darauf folgenden Maßnahmen der Polizei spürbar auf Ihre Arbeit als Seelsorgerin ausgewirkt?

Wir sind als beratende Stimme im Bereich der Ethik gefragt. Nehmen wir ein Beispiel: Ein Täter ist mit einem Sprengstoffgürtel ausgestattet. Er verletzt während seiner Tat einen Kollegen mit einer Schusswaffe lebensgefährlich. Was tue ich? Verfolge ich den Täter weiter, um nach Möglichkeit Schlimmeres zu verhindern? Oder leiste ich bei dem Kollegen, von dem ich weiß, dass er dreifacher Familienvater ist, Erste Hilfe, weil er sonst verbluten würde, nähme aber dabei in Kauf, dass der Täter ein großes Blutbad anrichtet, wenn er sich in die Luft sprengt. Das sind unglaublich schwierige Fragen. Und – egal – wie sich der Beamte entscheidet, er wird mit den Folgen leben müssen.

Ähnliche ethische Fragen mussten sich Polizeibeamte natürlich bereits in der Vergangenheit stellen.

Ja, aber durch den Terror haben diese Fragen eine völlig neue Größenordnung und Brisanz gewonnen.

Welche neuen Herausforderungen ergeben sich daraus?

An der Hochschule der Polizei gibt es konkrete Planungen zu Ethikmodulen, die den Einsatztrainern helfen können, solche ethisch brisanten Fragen mit den Beamtinnen und Beamten durchzudenken. Schon jetzt nimmt die Seelsorge beobachtend an solchen Trainings teil. Die Seelsorgenden sind als Beratende angefragt, die einfühlsam gute Fragen stellen. So können wir dazu anregen, den eigenen Standpunkt zu reflektieren.

Wie wird die Situation durch die Beamten selbst eingeschätzt? Gibt es hier erkennbar starke Unterschiede?

Der Dienst ist in den letzten Jahren komplexer und gefährlicher geworden. Als Polizeiseelsorge nehmen wir die Beamtinnen und Beamten in ihrer Unterschiedlichkeit wahr. Da gibt es Typen, die diese Fragen intensiv durchdenken. Andere setzen lieber auf Verdrängen, weil sie Sorge haben, im Einsatz sonst nicht mehr so gut funktionieren zu können. Das ist ein schmaler Grat. Beide Herangehensweisen haben etwas für sich.

Hat sich also der Stresslevel der Beamten durch die Antiterror-Ausbildung deutlich erhöht?

Ein Antiterror-Einsatz bedeutet absoluten Hochstress. Natürlich verlangt die Ausbildung den Polizistinnen und Polizisten körperlich und mental etwas ab. Hinzu kommt der Zeitfaktor. Das ist noch eine weitere Schulung, die bei einer ohnehin viel zu dünnen Personaldecke die Zeit der Beamten fordert. Das bringt schon mehr Stress in der sogenannte Alltagsorganisation, weil man sich gegenseitig vertreten muss. Die Fortbildungsteilnehmer fehlen dann im Alltagsgeschäft.

Wie schätzen Sie die langfristigen Auswirkungen auf den Polizeiberuf ein? Wird die Antiterror-Ausbildung für die Beamten zur „normalen“ Routine oder bleibt sie auch in näherer Zeit eine spezielle Situation?

Ich schätze, die Antiterrorausbildung wird ebenso zur Routine werden, wie das Trainieren von Amoklagen. Allerdings werden solche Einsätze und die Auseinandersetzung damit nie zur Normalität werden. Das macht ja auch etwas mit den Familien der Beamten. Ich kann mir auch vorstellen, dass manche junge interessierte Menschen mit dieser Gefahrenlage im Kopf, sich gegen die Ausbildung zum Polizeibeamten entscheiden.

Kommen wir zu den Ereignissen in Hamburg. Sie sagten im Vorfeld unseres Gespräches, dass dieses Thema ihrem Eindruck nach innerhalb der Polizei momentan von noch größerer Brisanz ist als die immerhin schon eine Weile laufende Antiterrorausbildung. Wie wurden die chaotischen Zustände in Hamburg durch die Beamten wahrgenommen, was wurde als besonders belastend empfunden?

Der Einsatz wurde von den Beamten als sehr belastend wahrgenommen. Es bestand unmittelbare Gefahr an Leib und Leben. Sie mussten aufgrund der fordernden Einsatzlage mit extrem wenig Schlaf auskommen. Dabei war das bisher ungekannte Ausmaß an blanker Gewalt und blindem Hass gepaart mit dem Eindruck von Schaulustigen und Gaffern, die zum Teil mit ihren Handykameras gefilmt und das Ganze scheinbar als spannende Action und Riesenspaß wahrgenommen haben. Das sind groteske Einsatzbedingungen.

Die Ereignisse in Hamburg wurden ja von großen Teilen der Gesellschaft als ähnlich „grotesk“ wahrgenommen, es war für lange Zeit das Nummer Eins Thema in Politik und Medien. Dabei haben sich jedoch auch harte Fronten innerhalb der Gesellschaft herausgebildet. Wie reagierten die Beamten auf die Berichterstattung über die Geschehnisse in Hamburg in den folgenden Wochen? Gibt es hierbei auch innerhalb der Polizei ähnlich gespaltene Lager?

Polizeibeamte sind keine einheitliche Masse, sondern individuell. Es schmerzt sie, wenn den Beamten Vorwürfe gemacht werden, sie hätten falsch agiert. Sie haben in einer Einsatzlage mit einem bisher ungekannten Ausmaß an Gewalt hervorragende Arbeit unter Einsatz ihrer Gesundheit geleistet. Und viele vergessen, dass hinter jeder Uniform, unter jedem Einsatzhelm ein Mensch steckt, viele sind Familienväter und Mütter, die ihren Dienst zum Wohl unserer Gesellschaft ausüben. Dabei haben die meisten ein sehr hohes Arbeitsethos.

Inwieweit ist es möglich, dass die Ereignisse in Hamburg auch das Selbstverständnis der Polizisten für die Zukunft verändert?

Das muss sich mittelfristig zeigen. Klar ist, dass die Eigengefährdung in solchen Einsätzen ungleich höher ist, als wir das bisher gekannt haben. Mancher Beamte fragt sich nach solchen Einsätzen auch, welche Rolle unsere Gesellschaft der Polizei heute zuschreibt. Da spielt auch die Erfahrung der vielen Schaulustigen eine Rolle. Manche sehen nur die Uniform. Wir als Seelsorgerin und Seelsorger sehen auch den Menschen dahinter. Polizistinnen und Polizisten müssen im Dienst vor allem funktionieren. Im Kontakt mit uns ist dagegen auch Zeit und Raum für den Menschen, die Beamten können Fragen, Sorgen und Freuden ausdrücken.

Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich nach solch großen und politisch brisanten Einsätzen für Sie als zuständige Seelsorgerin?

Die Seelsorge unterstützt die Beamtinnen und Beamten durch vielfältige Formen der Begleitung. Wir bieten über das Jahr verteilt viele Seminare an, die zur inneren Stärkung dienen, neudeutsch nennt man das „Resilienz“. Wir begleiten in Einsätzen. So bereitet sich auch die Seelsorge bereits auf die zentrale Feier zum Tag der deutschen Einheit in Mainz vor. Außerdem stehen wir natürlich ständig für Einzelgespräche bereit. Da kann es um Unterstützung in privat-persönlichen Krisen gehen oder um dienstliche schwierige Situationen. Oft hilft es den Kolleginnen und Kollegen, gemeinsam laut zu denken, Sachverhalte zu reflektieren und so zu neuer Selbstvergewisserung zu finden. Außerdem spüren uns die Beamtinnen und Beamten ab, woraus wir Kraft schöpfen. Das weckt Interesse und daraus ergibt sich manches Gespräch über den Glauben als Lebenshilfe und Kraftquelle.

Vielen Dank für das Gespräch.

Info:

Die Polizeiseelsorge ist für die Beamten in Rheinland-Pfalz rund um die Uhr zugänglich. Um dies trotz Urlaubszeiten oder Ausfällen zu ermöglichen, befindet sich Anne Henning im ständigen Austausch mit ihrem katholischen Amtskollegen Patrick Stöbener. Zudem sind beide Seelsorger Teil eines geschulten Kriseninterventionsteams. Ökumene funktioniere bei der Polizeiseelsorge ausgezeichnet, meint Henning. Es mache kaum einen Unterschied, ob sie mit Beamten protestantischen oder katholischen Glaubens spreche oder mit solchen, die überhaupt keiner christlichen Konfession angehören. Letztlich ginge es immer um den Menschen.