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Glaube und Leben

Andacht zum Sonntag Estomihi

Gottes gute Ordnung

von Pfarrer Ingo Holzapfel

Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Amos 5, 21–24

Amos lebte in aufregenden Zeiten. Sozialer Umbruch bestimmte die israelitische Gesellschaft. Auf der einen Seite hatte sich ein enormer Reichtum entwickelt, der Wohlleben und sogar Luxus ermöglichte. Auf der anderen Seite gab es zu viele, die sich auf die neue Situation nicht einstellen konnten. Sie hatten ihr Land verloren und waren wehr- und rechtlos den Machenschaften der Mächtigen ausgeliefert. Amos, der selbst aus der Schicht der Besitzenden kam – er war Schafzüchter –, wurde in seiner Zeit nicht verstanden. Judäa und selbst das Nordreich Israel erlebten eine Zeit des Wirtschaftswachstums und des Wohlstandes.

Die politischen und wirtschaftlichen, aber auch die religiösen Eliten hielten das durchaus für völlig in Ordnung. Klingt das nicht irgendwie vertraut aktuell?

Die selbstzufriedene Welt unserer Wohlfahrtsgesellschaften kann bis ins Mark getroffen werden, wenn sie auf ihre zugrundeliegende ungerechte Struktur angesprochen wird.

Der Angriff des Amos auf die Gesellschaft seiner Zeit war so etwas wie eine Attacke, die das zufriedene, selbstgefällige, religiöse Selbstbewusstsein erschütterte. Sie zielte ins Zentrum der damaligen Gesellschaft – den Gottesdienst.

Die Bedeutung seines gesamten Auftrittes liegt darin, dass er an Recht und Gerechtigkeit Gottes erinnerte wie kein anderer vor ihm. Wer das Wort Gottes verlasse, diese überströmende Quelle der Gerechtigkeit, könne keine guten Früchte mehr bringen. Die soziale Frage entstehe aus einem Weggehen von Gott. Nicht der wachsende Wohlstand sei die Ursache für die Entfernung von Gott.

Was wäre das auch für ein missmutiger, griesgrämiger Gott, der den Menschen das bisschen Wohlstandsgewinn nicht gönnte. Nicht die Entwicklung zu mehr Reichtum sei die Ursache für die Armut, sondern das Verlassen der guten Ordnung, wie sie im Gesetz und den Geboten den Menschen vorgezeichnet sei.

Gerechtigkeit Gottes und menschliche Gerechtigkeit gehören zueinander. Das ist die Pointe der Zehn Gebote, die das Gesetz zusammenfassen. Daran soll Amos im Auftrag Gottes erinnern. Der Ort, an dem man diese gute Ordnung zuerst und ursprünglich verlassen wird, ist der Gottesdienst.

Wo Gottesdienst und Gestaltung der menschlichen Gemeinschaft auseinandergerissen werden, wird die gute, gottgegebene Ordnung verlassen. Da ziehen Selbstgefälligkeit und Gewinnsucht in die sozialen Strukturen ein und zerreißen das Band der Gemeinschaft. Ein soziales Netz besteht eben nicht einfach aus Geld und Gesetzen, sondern aus dem, was man heute mit Worten wie Rechts- und Pflichtbewusstsein, Solidität und Solidarität, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, Freiheit und Gerechtigkeit beschreiben würde.

Aber das prophetische Wort gilt auch den Gottesdiensten selbst: Werden Gottesdienste noch recht gefeiert, wenn nicht Gott, sondern wir mit unseren Leistungen, Erfolgen, Bemühungen, unseren Selbstgefälligkeiten, ja mit unseren eigenen religiösen Wünschen und Vorlieben im Zentrum stehen? Würde Amos unter uns heute seine Stimme erheben, dann hätte er Kirche und Gesellschaft gleichermaßen im Blick. Und ich bin mir sicher, dass wir die harten Worte, die wir in unseren Gottesdiensten über die böse Welt hören, von ihm auch über unsere Kirchen hören würden.

Geben wir in unseren Gottesdiensten Gott noch Gelegenheit, uns zu dienen? Lassen wir es noch zu, dass er uns einfach Atem holen lässt, dass er uns Kraft gibt, dass er uns tröstet, dass er uns ermutigt zu neuem Handeln? Hören wir dem Gott, der uns in seinem Wort dient, noch zu oder sind wir schon zu sehr mit unserer Selbsterhaltung und Selbstverwirklichung, kurz: unseren religiösen Bedürfnissen beschäftigt?

Noch spannender aber ist es, mit Amos zu fragen: „Wie viel Zeit lassen wir unserem Gott?“ Eine Viertelstunde, den Umfang eines Kreuzworträtsels oder nicht einmal die?

Veröffentlichung der Andacht mit freundlicher Genehmigung des "Evangelischen Kirchenboten"

Dr. Ingo Holzapfel ist Pfarrer an der Stiftskirchen­gemeinde in Kaiserslautern.

Gebet

Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit! Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest! Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. Amen. (Aus Psalm 31)

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